Frühjahrs-Rundgang - Spinnerei Leipzig

Gut gelaunter Totentanz

Auf seinen Totenkopfring, ein Geschenk von Damien Hirst, hatte der mexikanische Galerist Hilario Galguera am Donnerstag verzichtet. Das fiel aber nicht weiter auf, da seine riesige Gruppenausstellung im Werkschau-Raum in der Leipziger Baumwollspinnerei selbst im Zeichen von allerlei Totenschädeln stand.
Gut gelaunter Totentanz:positiv ästhetischer Overkill beim Spinnerei-Rundgang

Vernon Ah Kee: "cant chant" (3 channel DVD, Production still), 2007 in der Ausstellung "Terra Nullius"

Unter dem Titel "Imperium ¡ Que Viva Mexico!" versammelte der
Bilderbuch-Latino mit unvermeidlicher Sonnenbrille, Kunstwerke, die das
Flair und die Kultur seines Heimatlandes verkörpern (sollten). Der
Totenkopf, als Verweis auf den fröhlich-surrealen Totenkult des "Dia des
los muertos" (Tag der Toten) in Mexiko, wird zahlreich zelebriert: in
Filmstills aus Sergej Eisensteins so berühmten wie unvollendeten Film
"Que viva Mexico", in Bildern des britischen Starfotografen David Bailey
oder in den kruden Kritzeleien des Newcomers Victor Hugo Perez. Über
all dem schwebte unsichtbar die Anspielung auf einen anderen legendären
Schädel: das diamantenbesetzte Hirngebein von Damien Hirst.

Und das nicht von ungefähr: Der englische Großkünstler und seine Arbeiten wurden
im Vorfeld des Leipziger Frühlingsrundgangs als Hauptattraktion für
Presse und Publikum gehandelt. Obgleich der Meister zur Eröffnung nicht
persönlich anreiste, standen das Geschehen und damit sogar die anwesenden
Kunststars Daniel Buren und Jannis Kounellis in seinem übermächtigen
Schatten. Schließlich war es Galerist Galguera gelungen, neben der
Bronzeskulptur des gehäuteten Heiligen Bartholomäus (2006) vier neue
Zeichnungen von Hirst nach Leipzig zu bringen. Auch da rollten wieder
ganz buchstäblich die Knochen, denn hinter dem charakteristisch
Hirst'schen Punktraster blitzen – filigran wie Röntgenaufnahmen –
fleischlose Köpfe auf. Lässt man den Hirst-Hype einmal beiseite, so
sieht man tatsächlich beeindruckende Arbeiten. Mit ihrem poetischen
Memento Mori-Qualitäten stehlen sie den anderen Werken im weitläufigen
Raum fast die Show. Mithalten kann da allenfalls noch die Installation aus kunstvoll arrangierten Beinprothesen von Jannis Kounellis, die der Grieche eigens für die Ausstellung schuf.

Nähe zum Berliner Gallery Weekend zahlt sich aus

Insgesamt diente der morbid-unbeschwerte und recht plakative Totentanz
des mexikanischen Gastspiels als öffentlichkeitswirksamer Auftakt für
den gesamten Rundgang. Das Event war durchweg von guter Laune und
erstaunlich guten Präsentationen dominiert. Wenn sich auch keiner der
Leipziger Galeristen außerordentliche Verkäufe erwartete, so war die
Atmosphäre auf dem Areal doch ausnehmend heiter und optimistisch. Judy
Lybke, der unwidersprochene Spiritus rector des Geländes, lenkte die
Aufmerksamkeit der Besucher großzügig und graziös auf die Neuzugänge
dieser Saison, seine Münchner Kollegen der Galerie Nusser & Baumgart.
Sie leisten sich in den ehemaligen Räumen von der Brooklyner Pierogi
Galerie ein sechsmonatiges Gastpiel in Leipzig. Lybke selbst und seine
Eigen+Art warten mit einer erfrischenden Collage des Stammpersonals auf,
bei dem besonders der straßenverkaufstaugliche Handkarren von Christine
Hill auffällt. Die einstige "Kunstschlampe" (art slut) läuft angesichts
der Wirtschaftskrise und der damit neu erstarkten Sehnsucht nach
revoltionären Umtrieben zur Hochform auf. Sie bietet allerlei
Propagandadevotionalien von der Schneekugel mit Revolutionärspüppchen
von Lenin bis Mao über die Che-Guevara-Kuschelpuppe bis hin zur
Taschenausgabe des Kommunistischen Manifests feil. Mit Hills
Krisennippes muss der Straßenkampf doch gelingen. Doch bevor es soweit
ist, werden die Kämpfe an der Kunstmarktfront noch nicht
verlorengegeben. Mit schlecht verhohlenem Stolz zeigt Judy Lybke auf
einen stattlichen jungen Mann, der hinter dem Galerietresen auf einen
Bildschirm blickt: Der Sammler Rodrigo de la Cruz ist aus Miami
angereist, und auch Rudolf Scharff sei bereits am Morgen vorbeikommen.
Und dabei habe der Rundgang ja noch gar nicht offiziell begonnen. Die
zeitliche Nähe zum Berliner Gallery Weekend zahlt sich eben doch aus.

"Aus Zufall passiert hier nichts"

Galerist Uwe-Karsten Günther vom Laden für Nichts heizt seinen Grill und
übt sich in dem ihm eigenen Understatement: "Wenn zum Rundgang Verkäufe
gelingen, dann sind die das Resultat langer Vorarbeiten. Aus Zufall
passiert hier nichts." Günther hat nicht auf eine indigene Leipziger
Position gesetzt, sondern zeigt faszinierende und kaum auseinander zu
haltende Werke von Andreas Golder und Philip Grözinger (derzeit auch in
der Berliner Schau "Das Unheimliche" präsent) und bleibt damit seinem
Interesse an nicht vordergründig marktförmiger Kunst treu. In der ASPN
Galerie, der maerzgalerie und bei b/2 vertraut man dagegen ungebrochen
auf die Energie der Leipziger Kunst. Während Aris Kalaizis (bei
maerzgalerie) den Raum mit seinen magischen Bühnenstücken zu
zwischenmenschlichen Spannungen bespielt, zeigt Robert Seidel (bei ASPN)
figurative, architektonische Interpretationen von sächsischen
Kleinstädten wie Grimma oder Wurzen. Kalaizis wie auch Seidel sind
würdige Vertreter der örtlichen Malkunst. Soviel Leipzig darf es dann
schon sein! Auch in der Galerie b/2 findet man Einheimisches, wenn auch
nicht mit dem Pinsel verursacht: Der Fotografie-Absolvent Markus Uhr
entspricht dem experimentellen Ruf der Produzentengalerie und lieferte
ein ambitioniertes Gesamtkunstwerk aus betagter Auslegeware und
filigranen Collagen ab, das wie eine Kunsthöhle wirkt. Weit
spartanischer und kühler geht es in der Dogenhaus Galerie zu, wo Stefan
Balkenhol einen imposanten Aufritt hat. Besonders seine farbigen
Flachreliefs, die wie Druckstöcke wirken, brechen des
Wiedererkennungswert seiner sonstigen Holzskuplturen angenehm. Nebenan
hat Galerist Matthias Kleindienst wieder eine Position mit lokalen
Wurzeln aus dem Portfolio gezogen und zeigt großformatige Fotografie der
Ex-Leipzigerin Anett Stuth.

Der große Coup: die Ausstellung "Terra Nullius"

In der Fülle des Angebots auf dem Spinnereigelände darf auf keinen Fall
ein Besuch in der Halle 14 versäumt werden, wo sich diverse Initiativen
der nichtkommerziellen Kunst verschrieben haben. Unter dem gerade in
Sanierung begriffenen Gründach tummelte sich eine 24-Köpfige Abordnung
aus der Kunsthochschule Ljubljana. Die Kunststudenten sind Gäste des
Universal Cube-Raums der Hochschule für Grafik und Buchkunst und
überraschen mit erstaunlich reifen und unterhaltsamen Arbeiten zwischen
Street Art, Film, komplexer digitaler Technik und Trash. Die Arbeiten
der hochmotivierten slowenischen Youngster kontrastierten gelungen mit
zwei Solopräsentationen von Frank Böttger und Julia Staszak im Rahmen
des Stipendienprogramms der hier seit 2008 ansässigen Columbus Art
Foundation. Den großen Coup in den weitläufigen Hallen des Gebäudes
bildet jedoch die Ausstellung "Terra Nullius" im Erdgeschoss. Dort haben
die Australierin Deborah Kelly und der deutsche Kurator Frank Motz eine
Melange australischer Künstler versammelt, die ein ganz neues Bild vom
antipodischen Kunstgeschehen ermöglichen. Zum Teil hochpolitisch auf die
Situation der Aborigines bezogen, zum Teil bissig und selbstironisch auf
das Erbe des Kolonialismus zielend, führen Künstler wie Vernon Ah Kee,
Tony Albert, Jon Campbell oder die Boat-People.org globale Klischees vom
multikulturellen Surfer- und Einwandererparadies Australien ad absurdum.
"Terra Nullius" trägt beachtlich zum positiven ästhetischen Overkill des
aktuellen Spinnereirundgangs bei. Einmal mehr beweist das Leipziger
Kunstwochenende, dass es absolut konkurrenzfähig ist und wie ähnliche
Veranstaltungen weltweit innerhalb eines Tages nicht wirklich zu
bewältigen ist. Bevor der Zustand absoluter Erschöpfung und
Übersättigung erreicht ist, empfiehlt sich noch dringend ein Abstecher
in die Galerie Filipp Rosbach. Dort gibt es die erste deutsche
Einzelausstellung des Franzosen Damien Deroubaix, derzeit auch vertreten
in der umstrittenen Megaschau "La Force de l'Art" im Pariser Grand
Palais. Deroubaix' Konzept "Utopia Burns" kombiniert monumentale, gern
auch sozialkritische Gesten in Bild und Plastik mit wunderbaren
Holzschnitten. Überraschend schließt sich damit der bei Hilario Galguera
und Damien Hirst begonnene Reigen des Leipziger "Danse Macabre": Bei den
fröhlichen Skeletten von Deroubaix dürfte man eigentlich keine
Ermüdungserscheinungen mehr verspüren.