Colony Room Club - London

Seid bloss nicht beschissen langweilig!

60 Jahre lang feierte die Londoner Künstlerboheme im Colony Room Club in Soho exklusive, ausufernde Partys – doch damit ist es wohl bald vorbei: Die steigenden Mietpreise, das Rauchverbot und die sinkenden Mitgliederzahlen zwingen den Betreiber Michael Wojas in die Knie. Der Colony Room Club soll schließen.
Legendäre Künstlerkneipe schließt:Wilde Sitten und ausufernde Trinkgelage

An den grünen Wänden des Clubs hängen dicht an dicht Fotos von Stammgästen und Kunstwerke – nicht selten als Bezahlung für Drinks

Eine unscheinbare grüne Tür in der Dean Street in Soho, eine enge Treppe, ein ebenfalls grüner Korridor, eine Klingel und man betritt den Colony Room Club, jahrzehntelang Heimat der Londoner künstlerischen Boheme, die gerne und ausgiebig dem Alkohol zusprach.

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Francis Bacon, der joviale, charmante Maler einer gottlosen, nihilistischen Welt, machte die "kleine, alkoholgetränkte Zufluchtsstätte", wie ein Stammgast sie nannte, zu seinem zweiten Zuhause. Hier hielt er Hof, überaus spendabel, als er berühmt und reich war. Vorher, als armer Künstler, bekam er zehn Pfund in der Woche zugesteckt, um betuchte Kunden anzulocken.

Vor nunmehr 60 Jahren gründete Muriel Belcher den Künstlerclub und war fast 40 Jahre lang seine Seele. Hier war man nicht an die strikten Öffnungszeiten der Pubs gebunden, man konnte von mittags bis spät in die Nacht hinein trinken. Nur eine einzige Regel stellte die rüde Besitzerin und Barfrau mit der scharfen Zunge auf: "Seid bloß nicht beschissen langweilig!" Und natürlich waren die Stammgäste alles andere als das. Wie der Dichter Dylan Thomas, der die versammelten Trinker mit seinen skurrilen Geschichten unterhielt, und einmal, so wird berichtet, auf den Teppich kotzte, während Francis Bacon ihm in den Mantel half. Oder Damien Hirst, der einen ganzen Abend lang splitternackt hinter der Bar stand, und seinen Brit-Art-Freunden wie Sarah Lucas und Matt Collishaw Drinks zu horrenden Preisen verkaufte. Um der Wohltätigkeit willen, versteht sich.

Kunstwerke als Bezahlung für Drinks

An den grünen Wänden des winzigen Raums hängen dicht an dicht Fotos von Stammgästen und Kunstwerke, Geschenke von Künstlern wie Peter Blake, Gavin Turk und Angus Fairhurst, nicht selten als Bezahlung für Drinks. Wie das Fresko, das Michael Andrews 1957 malte, nachdem er eine Runde geschmissen hatte, aber nicht zahlen konnte. Nach ihrem Tod übernahm Belchers noch rüderer Adlatus Ian Beard den Club. Auf die Frage eines Gastes nach Erdnüssen zischte er: "Was glaubst du, was das hier ist? Ein Zoo?" Der heutige Besitzer ist Ian Wojas, ganz in Schwarz und bleich wie ein Laken, denn seit fast 30 Jahren hat er selten das Tageslicht erblickt. Er hat Handys aus dem Club verbannt, Autogramme geben ist verpönt, und erst vor kurzem ließ er es zu, Drinks mit einer Zitronenscheibe zu verzieren. 240 Mitglieder hat der Club heute, aber es werden immer weniger.

Luxuswohnungen anstelle der Künstlerkneipe

Jetzt soll das also bald vorbei sein, Michael Wojas kann die ständig steigende Miete nicht mehr bezahlen. Der Hausbesitzer möchte das schmale Gebäude zu Luxuswohnungen umbauen, das Rauchverbot in Bars tut sein Übriges, denn wer will schon jedesmal zum Paffen ins Freie gehen? Die Kunstsammlung soll im November unter den Hammer kommen, vielleicht kann er das Geld dazu verwenden, so hofft Wojas, sich anderswo niederzulassen. Selbst wenn ihm das gelingt: Es wird nicht der alte Colony Room Club sein, wie ihn mehrere Generationen von künstlerisch begabten Trinkern gekannt und geliebt haben.

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