Tate - London

Das Kraftwerk Tate

Selbst in London kannte kaum jemand den neuen Chef des Opernhauses Covent Garde – dabei hatte Alex Beard jahrelang als stellvertretender Direktor die Tate Modern aufgebaut. Denn das Museum Tate produziert nicht nur Blockbuster, sondern auch erfolgreiche Kulturmanager.
Die Tate als Talentschmiede:erfolgreiche Kulturmanager aus dem Hause Tate

Früher Kraftwerk, heute Talentschmiede: Blick auf die Turbinenhalle im Jahr 1956 – der Bau des Kraftwerks war 1953 fertiggestellt worden und dann im Jahr 2000 als Tate Modern zum Museum umgebaut worden

Londons Kulturwelt war erstaunt: der neue Intendant des Royal Opera House Covent Garden ist Alex Beard. Wer? Die wenigsten kannten den Namen, und doch wäre eine der bekanntesten und erfolgreichsten kulturellen Institutionen der Hauptstadt ohne ihn nicht das, was sie ist. Beard zieht seit elf Jahren als stellvertretender Direktor der Tate Gallery im Hintergrund die Fäden. Zuvor war Sir Nicholas Serotas Vize maßgeblich am Aufbau der Tate Modern beteiligt, ihr Erfolg ist ohne seinen Beitrag schwer vorstellbar.

Die Tate hat sich unter Serotas Leitung in den letzten Jahren zu einer Art Talentschmiede entwickelt, die Mitarbeiter in alle Himmelsrichtungen entsendet. Vor allem der Moloch Tate Modern, der im Milleniumsjahr 2000 in dem ehemaligen E-Werk an der Themse eröffnet wurde, und heute mehr als fünf Millionen Besucher pro Jahr anzieht. Eine der ersten, deren Talent ausserhalb der Tate entdeckt wurde, war Iwona Blazwick. Vier Jahre lang war sie Ausstellungsdirektorin, ehe sie 2001 die Whitechapel Art Gallery im Londoner East End als Direktorin übernahm, die Nicholas Serota selbst in den Achtzigern zu internationalem Ansehen geführt hatte. Sie wird seit längerem als mögliche Nachfolgerin von Serota gehandelt, wenn dieser irgendwann in den Ruhestand tritt.

Ein weiterer leitender Mitarbeiter, der schon bald eine neue Aufgabe übernahm, war Sandy Nairne. Als Programmdirektor organiserte er die für die Trennung in Tate Britain und Tate Modern notwendige Neuordnung der Sammlung. 2002 wurde er zum Direktor der National Portrait Gallery ernannt. Zwei Jahre später folgte die leitende Kustodin Donna De Salvo. Die amerikanische Warhol-Spezialistin kehrte nach New York zurück, an das Whitney Museum, wo sie seit 2006 als Chefkustodin tätig ist.

Auch Sheena Wagstaff trat die Reise über den Atlantik an. Seit 2001 war sie Chefkustodin der Tate Modern, doch im Januar 2012 schnappte sich das New Yorker Metropolitan Museum die angesehene Kunsthistorikerin. Sie übernahm eine neue Abteilung für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Die letzte Schau, die sie für Tate Modern verantwortete, und die zur Zeit noch zu sehen ist, ist dem Pop-Künstler Roy Lichtenstein gewidmet. Katharine Stout, seit 1999 Tate-Kustodin, musste nicht so weit reisen. Sie wurde vor ein paar Monaten zur Programmdirektorin des Institute of Contemporary Art ICA ernannt, Heimstatt der Londoner Avantgarde.

Tate-Mitarbeiter wurden aber nicht nur von anderen Kunstinstituten übernommen, wie Alex Beards Ernennung zum Opernintendanten zeigt. Will Gompertz ist ein weiteres Beispiel dafür. Er leitete mehrere Jahre lang die Abteilung für Neue Medien, ehe er 2009 zur BBC als Kultur-Chefredakteur wechselte.

Die Tate Modern ist ein internationaler Arbeitsplatz. Gründungsdirektor Lars Nittve war Schwede. Als er 2001 in seine Heimat ans Moderna Museet in Stockholm zurückkehrte, folgte ihm der Spanier Vicente Todoli, und heute hält der Belgier Chris Dercon, zuvor Leiter des Haus der Kunst in München, die Zügel in der Hand.

Auch Deutsche sind an dem Karussel beteiligt, da ist zum Beispiel Achim Borchardt-Hume, der nach mehreren Jahren als Kustos der Tate Modern 2009 von Iwona Blazwick als Chefkustos an die Whitechapel Art Gallery geholt wurde. Im April letzten Jahres kehrte er als Ausstellungsdirektor an die Themse zurück. Auch Christoph Grunenberg arbeitete hauptsächlich im englischsprachigen Raum, in Washington und Boston. Nach zwei Jahren als Kustos der Tate Modern wurde er 2001 zum Direktor des Tate-Ablegers in Liverpool ernannt, wo er zehn Jahre lang tätig war, und erfolgreiche Ausstellungen zu Gustav Klimt und René Magritte kuratierte. Seit November 2011 leitet er die Kunsthalle Bremen.

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