Insider Art - Interview

Vom Outsider zum Insider

Mit "Outsider Kunst" bezeichnet man die Kunst gesellschaftlicher Außenseiter ebenso die geistig Behinderter. Wie aber steht es um die Kreativität der körperlich Behinderten? Das fragte sich auch Bea Gellhorn, Gründerin der Galerie für "Insider Art" in Berlin. Ausgehend vom populären Begriff der "Outsider Art" erweitert sie das Spektrum und signalisiert mit "Insider Art" Integration und Teilhabe von Künstlern mit unterschiedlichen Behinderungen und Handicaps am Kunstgeschehen.
Vom Outsider zum Insider:Bea Gellhorn – Interview

Insider Art von Markus Georg Reintgen: "Back in Black", 2008, 54 x 81 cm

Was unterscheidet "Insider Art" von "Outsider Art"?

Bea Gellhorn: Man muss vom ursprünglichen Begriff "Outsider Art" ausgehen. Wenn man davon spricht, meint man Kunst, die von Menschen geschaffen wurde, die geistig behindert oder psychisch erkrankt sind.

"Insider Art" meint eine Begriffserweiterung, die auf den gesamtintegrierenden Ansatz und ein zeitgemäßes Verständnis für Menschen mit Behinderungen und Handicaps verweist. Somit steckt "Insider Art" schon im Wort: Da ist etwas passiert, da hat sich eine Perspektive verändert. Leider gibt es in Deutschland häufig eine Verklärung und Romantisierung von Außenseitern, auch in der Kunst, was für mich aber eine ganz klare Stigmatisierung ist.

Aber kann "Insider Art" nicht ebenso als Stigmatisierung verstanden werden?

Es ist überhaupt keine Ghettoisierung. Es ist wichtig, eine Plattform für einen gemeinsamen biografischen Hintergrund zu schaffen. Man hört manchmal: Ist doch mir egal, ob nun ein Bild von einem behinderten oder nicht behinderten Künstler an der Wand hängt. Das ist eigentlich eine ganz subtile Diskriminierung, weil es einfach Lebenserschwernisse gibt, was letztendlich nicht die Qualität ihrer Kunst mindert, aber wo diese Menschen einfach nicht mit anderen Kollegen mithalten können. Wir schaffen im Grunde erstmal eine Basis, von der aus sie sich bewegen können und von der aus sie sich gegenseitig finden.

Gibt es Künstler, die sich über die Jahre herauskristallisiert haben?

Es gibt mittlerweile schon ein paar herausragende Künstler, die ich auch exklusiv vertrete und stärker nach außen bringe. Das ist zum Beispiel der körperbehinderte Fotokünstler Markus Georg Reintgen, den ich Ende des Jahres auch für den Ankauf durch den Deutschen Bundestages vorstellen werde.

Sticht eine Kunstrichtung oder ein Medium besonders hervor?

Die meisten Werke sind der Malerei zuzuordnen. Dabei dominieren die kleinen Formate, da die meisten Künstler gar nicht die Möglichkeit haben, großformatig zu malen.

Unterscheiden sich eigentlich die Werke der "Insider Art" von denen der "normalen" Künstler?

Im Gegenteil. Anders als bei "Outsider Art"-Künstlern, lassen sich keine Unterschiede von "Insider Ar"t-Künstlern zu Künstlern ohne Handicaps erkennen.

Wie funktioniert eine Online-Galerie?

Unsere Plattform wirkt deutschlandweit und über die Landesgrenze wie Österreich, Schweiz und erstmals Amerika hinaus. Wir finanzieren uns frei und unabhängig. Die Aufnahme für Künstler mit Handicap ist kostenlos. Das ist im Grunde mein betriebswirtschaftliches Minus, das ich zum Beispiel durch Sponsoren ausgleichen muss. Wir haben jetzt über 160 Künstler, wobei nicht mal die Hälfte dabei wäre, wenn wir nur einen Euro pro Monat verlangen würden. Wir partizipieren auch nicht an den Verkäufen, weil das zum einen meist geringe Beträge sind, zum anderen wollen wir nicht in dieses Handelsgeschäft. Also schaffen wir einen Kontakt, und der Interessent setzt sich dann mit dem Künstler in Verbindung.

Wo sehen sie Ihre Galerie in zehn Jahren?

Ich sehe uns in einem attraktiven Museumsbau in Berlin, in dem "Insider Art" angekauft und ausgestellt werden kann. Dafür müsste ich die Stiftung "Insider Art" gründen. Ein weiteres besonderes Anliegen sind Museumsankäufe überhaupt, um das Sammlerinteresse zu steigern

Online-Galerie für "Insider Art"

Hans-Otto-Str. 5, 10407 Berlin
http://www.insiderart.de