Peter Kamm - St. Gallen

Hakenkreuze gegen Kunst

Politisch motiviert? Wohl kaum. Weder lässt sich der Vandalismus im Atelier des Schweizer Bildhauers Peter Kamm erklären, noch genau bestimmen. Unübersehbar ist: Hier war am Werk, wer das Zerstören liebt.
Zerstörungswahn:Peter Kamms Atelier verwüstet

Das Atelier von Peter Kamm

Der Schock fährt einem unmittelbar in den Magen: Die Metalltür zum Atelier ist mit Hakenkreuzen besprayt. Innen prangen sie rot und schwarz von Wänden, Stühlen und Tischen. Selbst auf Felle sind sie gesprüht, als sollten Schafe rechtsradikal markiert werden.

Dazu kommen diffuse andere Zeichen und Sprüche wie "All cops are Bastard" oder Reizwörter wie "Hittler" und "Kiffer". Zwischendurch auch ein Peace-Zeichen und ein erigierter Penis. Und in großen Bögen Spritzer aus Tuscheflaschen, die im Atelier des Bildhauers Peter Kamm zum Zeichnen vorrätig waren. Manchmal steht das Schwarz auch in angetrockneten Lachen auf Blättern und Büchern. Die beiden Räume bieten den Anblick einer wahllosen Verwüstung, die umso mehr den Atem stocken lässt, weil sie außer blinder Wut und Zerstörungslust kaum einen Ansatzpunkt bietet, das Geschehen zu verorten.

Peter Kamm sieht so aus, wie man sich einen Bildhauer traditionellerweise vorstellt: Groß gewachsen, breite Schultern, Arme wie ein Baumfäller, und wenn er den Pressluftbohrer in die Hand nimmt, sieht dieser darin aus wie ein Zeichenstift. Wenn er dem Besucher aber die Verwüstung seines Ateliers zeigt, erinnert er an einen Schulbuben, dem gerade alle Freunde davongelaufen sind. Sprachlos, hilflos. Ohne Möglichkeit, zu verstehen. Voller Angst auch, ob das wieder geschieht und wem das gegolten hat. Ihm selbst? Der Kunst? Dem selbstbestimmten Ausdruck von Welt? Oder war alles einfach ein dummer Zufall?

Kamm arbeitet mit Stein, meistens mit Sandstein, und holt aus dem Material, das Steinmetze gerne für Fensterbänke und Grabsteine verwenden, Abfolgen und Variationen biomorpher Formen heraus, die eher an die gesellschaftskritischen Theorien von Gilles Deleuze denken lassen als an irgendwelches künstlerisches Zierwerk. Er bearbeitet sie auf dem ehemaligen Werksgelände des LKW-Herstellers Saurer gleich hinter dem Bahnhof von Arbon. Die Kleinstadt am Schweizer Bodenseeufer ist eigentlich als beschaulicher Ferienort bekannt. Auf dem alten Industrieareal haben sich rund 50 verschiedene Betriebe eingerichtet. Kamm selbst betreibt hier seit 1992 sein Atelier.

Der Steinbildhauer braucht eine Umgebung, in welcher der Lärm des Presslufthammers nicht störend auffällt. Das Firmengelände war dafür bisher ideal, das Verhältnis zu den Nachbarn gut. Die Atmosphäre änderte sich allerdings etwas, seit zwei Großbrände mehrere Bauten zerstörten, zuletzt im Sommer 2012. Seither vernachlässigt der Besitzer zunehmend die Pflege des Geländes. Überall sieht man Anzeichen von Vermüllung. Der beauftragte Sicherheitsdienst reduzierte seine nächtlichen Rundgänge, weil eine sorgfältige Sicherung des weitläufigen Geländes der Immobiliengesellschaft HRS zu teuer wurde.

Als Peter Kamm am zweitletzten März-Sonntag nach der Winterpause sein Atelier aufsuchte, fand er die Metalltür offen und Wände, Arbeitstische, Regale mit Parolen, Zeichen und Farbspritzern besudelt. Die Täter hatten die Tür mit einem fast mannshohen Stemmeisen aufgehebelt, das sie vermutlich bei einer nahe gelegenen Straßenbaustelle gefunden hatten, und sich bei ihrem Vandalismus alle Zeit gelassen. Rings um das Atelier haben inzwischen Baufirmen ihr Material gelagert, so dass dieses nicht mehr gut einzusehen ist.

Die Verwüstungen lassen kein Muster erkennen. Nichts deutet darauf hin, dass die Täter sich durch Kamms Arbeit provoziert fühlten. Kunsthistorische Studien wurden ebenso mit schwarzer Tusche übergossen wie Stifte, Papiere und Zeichnungen. Auf einem Katalog von Walter Pichler ist die Flüssigkeit noch feucht. Peter Kamm schüttelt den Kopf. Der graue Einband ist so neutral wie nur möglich, wieso hat man gerade dieses Buch zerstört? Lag es einfach im Blickfeld der Täter? Und was könnte an einem Katalog zu Renaissance-Zeichnungen provozieren oder an einer Enzyklopädie?

Eine eigene Skulptur aus den achtziger Jahren mit Folgen von Totenschädeln ist rot ausgespritzt. Bozetti für Skulpturen, die diesen Frühling in Angriff genommen werden sollten, sind rot und schwarz besprayt. Die abstrakt-biomorphen Formen geben keinen Hinweis auf einen Inhalt, der provozieren könnte. Großformatige Zeichnungen sind mit Farbe übersprüht. Auf einem Tischchen liegen handgeschriebene Briefe, die mit Tusche besudelt sind. Ein Pult ist in eine schwarze Fläche verwandelt, durch welche Zeichnungen vom Dezember durchscheinen. Sie sind ebenso restlos zerstört wie die CD und die elektrischen Geräte auf einem Regal. Wenn man Ordner mit Notaten und Skizzen herauszieht, werden die Hände schwarz von der Tusche, die darüber ausgeleert wurde. Der irreparable Schaden macht viele Zehntausende Franken aus.

Wer die landläufige Vorstellung hat, Vandalismus sei Ausdruck einer eruptiven Gewalt, findet sich in diesem Fall kaum im Recht. Zwar wurde der Unterstand umgeworfen, der dem Bildhauer Schutz vor Regen und Hitze bot, wenn er die Steine draußen bearbeitete, in den beiden Atelierräumen scheinen aber ein Wille zur Auswahl und zum punktuellen Akt vorgeherrscht zu haben: Ein paar Hundert Stifte und Kreiden sind so überspritzt, dass sie nicht mehr verwendet werden können, die Meißel dagegen entgingen der Zerstörung. In eine Schachtel mit Zeichnungen haben die Täter Tusche geschüttet, in andere nicht.

Besonders betroffen macht den Künstler die Akribie der Verwüstung. Da sind Gläser auf einem Kühlschrank mit schwarzer und roter Farbe so besprüht, als hätte sie jemand mit einem ausgefallenen Design dekorieren wollen. Bei einer Brille, die auf einem der Arbeitstische liegt, wurden exakt die Gläser rot besprüht. Das sieht auch dann unheimlich aus, wenn man nicht an die zersplitterte Brille der alten Frau auf der Treppe in Sergei Eisensteins Kultfilm "Panzerkreuzer Potemkin" denkt. Was geht in Menschen vor, die Bösartigkeit mit so viel Hingabe betreiben? Wem ist Privates genauso gleichgültig wie Arbeitsmaterialien, Kleidungsstücke oder ein künstlerisches Produkt?

Über die Täter kann man nur mutmaßen. Die Hakenkreuze könnten auf einen rechtsextremen Hintergrund verweisen. Die Rede war auch von Zeichen der ungarischen Rechten unter den Schmierereien. Die Vermutung über Täter mit Migrationshintergrund ist schnell bei der Hand, wenn man an Schreibfehler wie Hitler mit Doppel-T denkt. Frustrierte Jugendliche sind ebenso denkbar wie Zugedröhnte, die nichts mit sich anzufangen wissen und aus Langeweile zerstören.

Die Polizei hat den Tatort gesichtet und Spraydosen mitgenommen, gibt sich bisher aber bedeckt. "Die Täterschaft konnte bisher nicht ermittelt werden, die Auswertung der Spuren ist noch im Gang", sagt Andy Theler, Informationschef der zuständigen Kantonspolizei Thurgau. Die Auswertung der Spuren ist aufwendig. In der Schweizer Bodenseeregion seien rechtsradikale Aktionen in letzter Zeit nicht bekannt geworden, heißt es von verschiedenen Seiten. Eher vermutet man, dass es um Aufmerksamkeit und ums Kaputtmachen gegangen sei. Da seien rechtsnationale Zeichen wie Hakenkreuze häufig gewählte Mittel, weil sie reflexartige Reaktionen auslösen. Erfolge bei den Ermittlungen haben sich noch keine ergeben. "Hinweise könnten sich erfahrungsgemäß auch aus sozialen Medien im Internet ergeben", so Andy Theler.

Für den Künstler bedeutet dieser Vandalismus neben dem materiellen Schaden erst einmal, dass er seine Arbeit nach der Winterpause nicht aufnehmen kann. "Eigentlich wollte ich im März wieder mit der Arbeit an den Steinen beginnen", sagt Kamm. Aufträge warten, Lieferfristen sind einzuhalten. Doch wie soll das gehen, wenn ringsum Hakenkreuze dröhnen und keiner weiß, ob demnächst wieder etwas geschieht? Wer einen Einbruch in seine Wohnung erlebt hat, kennt das Gefühl der Verunsicherung. Kamm fragt in seinen Arbeiten immer wieder nach unserem Ort im langen Prozess der Evolution, nach den Möglichkeiten eines selbstbestimmten, menschenwürdigen Lebens in unserer Zeit, er sucht nach Räumen der Freiheit in einer durchregulierten Gesellschaft. Dass sie möglich ist, traut man sich angesichts dieser Zerstörungen nur noch mit Anstrengung zu behaupten.