Vanessa Voigt - Fall Gurlitt

Totale Überforderung

Provenienzforscherin Vanessa Voigt war bei der Räumung des Schwabinger Kunstfundes dabei. Sie war die erste Kunsthistorikerin, die die Sammlung von Cornelius Gurlitt sah, die historische Größe des Falls erkannte und ahnte, dass er in einem Skandal enden würde. art sprach mit ihr über überforderte Ermittler und einen Sensationsfund, der die bis heute andauernden Versäumnisse beim Umgang mit Kunst und den Nazis brutal offenlegt
Augenzeugenbericht:Die erste Kunsthistorikerin bei Gurlitt

"Eigentlich braucht es ein Max-Planck-Institut für Kunst im Dritten Reich", fordert Vanessa Voigt

Art: Frau Voigt, Sie waren die erste Kunsthistorikerin, die die Sammlung Gurlitt gesehen hat. Wie sind Sie zur Räumung in die Wohnung von Cornelius Gurlitt gekommen?

Vanessa Voigt: Das war am ersten Tag der Durchsuchung. Die Beamten wussten nicht, was sie erwartet, sie hatten nach Bargeld gesucht. Dann haben sie Kunstwerke entdeckt, die Zollfahnder haben mich aufgrund meiner 2007 erschienen Dissertation im Netz gefunden und mich kontaktiert. Als ich am ersten Tag in die Wohnung kam, war mir nicht klar, was dem Mann vorgeworfen wird. Sie hatten wohl Angst, dass er weitere Bilder verkauft.

Sie haben mit Cornelius Gurlitt gesprochen?

Ich habe ihm erklärt, wer ich bin und dass die Kunst gut untergebracht aufgehoben wird, in klimatisch geschützten Räumen. Er war völlig entrückt von der Realität. Man hatte das Gefühl, dass er überhaupt nicht damit zurechtkommt, dass auf einmal soviele fremde Menschen in seinem privaten Bereich sind. Er lebte sehr zurückgezogen und einsam. Ich bin zu ihm gegangen und habe mich vorgestellt – das denke ich ist ja das mindeste. Ich habe ihm gesagt, wer ich bin, warum ich gerufen wurde und dass ich über seinen Vater geforscht habe. Aber er hat das nicht wahrgenommen. Er war paralysiert. Mich hat dieser Gesamtzustand schon nachdenklich gestimmt.

Wie haben Sie sich während der Räumung die Kunst angeschaut?

Als wir kamen, war es noch keine Räumung. Die Beamten hatten gerade die Kunst entdeckt. Für uns ging es darum zu sichten, wie viel da ist und wie die Kunst gelagert war.

Wer war noch dabei?

Eine Kollegin aus der Pinakothek.

Sie sind also in das Zimmer mit der Kunst gegangen?

Ja, genau. Die Grafiken waren in einem Grafikschrank, die Gemälde in einem Regal untergebracht.

Was haben Sie gesehen?

Viel Grafik. Und ich habe den Liebermann gesehen und Bilder von Kokoschka. Den Matisse ausgerechnet nicht. So wie Cornelius Gurlitt später beschrieben hat, befand sich dieser in einem Schrank. Wir haben uns einige Gemälde angeschaut, aber ich habe den wirklichen Hintergrund der Aktion nicht verstanden. Es war schnell klar, dass es sich zum Großteil um "Entartete Kunst" handelt. Ich bin aber ehrlich gesagt nicht lange dageblieben.

Warum?

Mir hat sich der Sinn der Aktion nicht erschlossen.

Sie sind gegangen?

Ja. Die Beamten wollten ohnehin eine Kunstspedition beauftragen, um die Bilder abzutransportieren.

Was ging ihnen beim Verlassen der Wohnung durch den Kopf?

Ich war verdutzt, dass dieser Mann hier in unmittelbarer Nähe lebt und sich seine Kunst hier befindet. Das war das, wonach ich im Zuge meiner Dissertation gesucht habe. Aber ich war eben doch sehr überrascht von der Vorgehensweise, die ganze Sammlung abzutransportieren. Ich habe das nicht verstanden. Selbst wenn jetzt herausgefunden wird, dass Raubkunst darunter ist und man im Steuerhinterziehung in Millionenhöhe vorwirft.

Hatten Sie das Gefühl, einen "Kunstschatz" entdeckt zu haben?

Nein. Das war eine Bildersammlung, und zwar von Hildebrand Gurlitt. Cornelius Gurlitt ist kein Sammler, er hat die Bilder seines Vaters verwahrt. Sein Antrieb war, das zusammenzuhalten, wie sein Vater hinterlassen hatte. Von einem Schatz zu sprechen, finde ich nicht realistisch.

Sie waren nicht begeistert?

Ich war erstaunt, dass ein Teil der Familie von Hildebrand Gurlitt in München lebt. Gemeldet war Cornelius Gurlitt hier ja nicht. Er ist österreichischer Staatsbürger. Die Familie hat mich am meisten interessiert. Steuerhinterziehung ist das eine. Ich habe gleich gedacht: Damit möchte ich nicht all zuviel zu tun haben.

Haben Sie hinterher versucht, Cornelius Gurlitt zu kontaktieren?

Nein. Zollbeamten hatten mir gesagt, dass er niemandem die Tür öffnet.

Hatten sie danach noch Kontakt mit dem Zoll?

Ja, ein Beamter hat mich noch ein paarmal kontaktiert und wollte genauer wissen, was ich über Hildebrand Gurlitt geschrieben hatte. Zum Beispiel die Tatsache, dass er in Hamburg nachweislich Bilder von jüdischen Sammlern verkauft hat. Zum Bestand als solchem wurde ich nicht mehr gefragt.

Wurde ihnen der Auftrag, die Herkunft der Bilder zu klären, angeboten?

Nein. Es war verständlich, dass das bei Meike Hoffmann als Spezialistin für "Entartete Kunst" gut aufgehoben ist. Sie kann die Herkunft dieser Bilder mit Hilfe von Datenbanken besser recherchieren. Eine einzige Kunsthistorikerin hiermit zu beauftragen ist jedoch angesichts der Größe dieses Konvolutes nicht verständlich.

Warum?

Von der Masse ist es viel zu viel für eine Person.

Wie beurteilen Sie den Umgang mit dem Fall?

Es scheint Überforderung vorzuherrschen. Was ich gar nicht verstehen kann – und das verstehen viele Kollegen auch nicht: Cornelius Gurlitt ist eine Privatperson. Werke seines Privatbesitzes im Internet zu veröffentlichen, ist doch sehr bedenklich. Jüdischen Familien werden diese Bilder nun präsentiert, aber sie müssen sich mit Cornelius Gurlitt einigen. Die Rechtslage ist mir nicht klar und den Beteiligten wohl auch nicht. Es gibt unzählige andere Privatpersonen, bei denen sich Werke mit vergleichbarer Herkunft befinden. Zum Beispiel war in Wien bei der Sammlung Ucicky, die heute als Klimt Foundation eingerichtet ist, lange bekannt, dass sie Gustav Klimts "Wasserschlangen II" besitzt und dass das Raubkunst ist. Hier ist auch keiner in die Wohnung marschiert und hat die Wasserschlangen den rechtmäßigen Eigentümern zurückgegeben. Aber jetzt an Gurlitt einen Präzedenzfall zu schaffen, finde ich schwierig.

Was könnte denn den Fall einer Lösung näher bringen?

Mir hat von Anfang an das Gespräch mit Cornelius Gurlitt gefehlt. Er ist ein Bestandteil der Geschichte. Man hätte von Beginn an mit ihm sprechen und ihn integrieren müssen. Jetzt kann ihm nur noch ein sehr guter Berater helfen, kein Anwalt. Denn natürlich müssen die Erben ihre Bilder zurück erhalten. Man kann die Einzelfälle jedoch nur in Kooperation mit Cornelius Gurlitt klären.

Sie sagen der Umgang mit dem Fall sei unprofessionell. Was war der größte Fehler?

Von Anfang an nur eine Person zu beauftragen. Was sollte daraus werden – sollte sie in den nächsten 35 Jahren diese 1400 Werke erforschen? Und zu welchem Zeitpunkt wollte man damit an die Öffentlichkeit gehen?

Jetzt ist eine zehnköpfige Kommission daran – ist das für die zu schaffen?

Bislang ist noch nicht erklärt worden wie diese Kommission arbeiten möchte. Wenn diese Experten weitere Provenienzforscher hinzuziehen, könnte es möglich sein. Allerdings bleibt die Frage, wie man mit den Ergebnissen umgehen will und was aus Cornelius Gurlitt wird beziehungsweise inwiefern er integriert werden soll.

Wie lange braucht man für ein Dossier?

Diese Frage wird Provenienzforschern immer wieder gestellt, und sie ist doch fast nicht zu beantworten. Manche Fälle lassen sich schnell lösen, andere können bis zu einem Jahr und länger dauern.

Wieviel wußte man als Provenienzforscher über Gurlitt?

Im Kreise der Provenienzforscher war er bekannt als einer der vier von den Nationalsozialisten mit dem Verkauf der als "entartet" diffamierten modernen Kunst ins Ausland beauftragten Kunsthändler. Seine gesamte Tätigkeit als Kunsthändler haben bislang eine Kollegin aus Köln, Dr. Katja Terlau und ich im Rahmen meiner Publikation über die Geschichte der Sammlung Sprengel erarbeitet und publiziert. Ansonsten kenne ich keine zusammenhängenden Veröffentlichungen über ihn. Dabei wäre eigentlich längst ein großes Forschungsprojekt über Hildebrand Gurlitt fällig. Meine Arbeit ist auch schon wieder sechs Jahre her. Mittlerweile sind über das Internet wieder viele neue Quellen zugänglich, aus den National Archives in Washington zum Beispiel.

Was war das Thema Ihrer Dissertation?

Die Geschichte der Sammlung Sprengel. Ich habe die Geschichte dieser Sammlung ins Zentrum der Arbeit genommen. Ich wurde vom Freundeskreis des Museums mit einem Stipendium dafür gefördert. Spannend am Ehepaar Sprengel war, dass sie erst nach dem Besuch der Ausstellung "Entartete Kunst" in München während ihrer Hochzeitsreise begonnen haben, Werke der Moderne zu sammeln. Hierfür benötigten sie Kontakte zu Händlern, die weiterhin die als entartet diffamierte moderne Kunst anboten. Günther Franke aus München war dabei, Josef Nierendorf aus Berlin, aber auch Hildebrand Gurlitt und kleinere Händler.

Was wäre denn sinnvoll?

Wir brauchen dringend Grundlagenforschung: Handbücher, Datenbanken. Wir benötigen Grundsätzliches, Studien über den Kunsthandel in Deutschland im Dritten Reich und der Weimarer Republik; Handbücher über jüdische Händler und Sammler und den Kunsthandel insgesamt: Wer war das? Wo befinden sich die Quellen? Häufig fangen wir immer wieder alle bei Null an. Wir sind zwar gut vernetzt, brauchen aber Grundlagenwerke. Eigentlich braucht es eine Institution dafür, zum Beispiel ein Max-Planck-Institut für Kunst im Dritten Reich.

Was ist denn da zu erforschen?

Uns holt jetzt ein, dass über Jahrzehnte die Geschichte der Kunst im Dritten Reich nicht konsequent aufgearbeitet wurde. Die Alliierten haben vieles über die Central Collecting Points zurückgegeben. Dann ist jahrzehntelang nichts passiert. Gleichzeitig hat man nach dem Krieg dann von den an den Nazi-Raubzügen beteiligten Kunsthändlern Teile der Sammlungen gekauft und öffentlich ausgestellt. Die Stadt Hannover zum Beispiel erwarb Teile der Sammlung Conrad Doebbeke. Bis heute liegt hierzu kein umfassendes Ergebnis vor. Anders verhält es sich beispielsweise in Österreich. Die Stadt Linz erwarb in den Jahren 1953 bis 1956 wesentliche Teile des Kunstbesitzes von Wolfgang Gurlitt, ein Vetter von Hildebrand Gurlitt. Dieser Ankauf wird seit 2007 konsequent Stück für Stück erforscht.

Nun wird auch über Gesetzesänderungen debattiert. Welche halten Sie für sinnvoll?

Es fehlt ein Gesetz, welches die Restitutionen an jüdische Familien nicht allein auf Basis der Moral regelt, sondern generell. Hierfür benötigt man einen entsprechenden Beirat, der über die in den Museen von Provenienzforschern erstellten Dossiers zur Herkunft eines Bildes eine Entscheidung trifft. Die in Deutschland agierende Limbach-Kommission endet schnell in einer Patt-Situation – zur Anrufung dieser Kommission gehört die Zustimmung der Museen und der Erben.

Ist Österreich ein Vorbild?

Das österreichische Kunstrückgabegesetz ist sicher besser als nichts – aber es richtet sich ausschließlich an die Bundesmuseen. Was dort aber gut ist: Die Provenienzforscher erstellen ihre Dossiers, geben diese an die Kommission, und dort entscheiden Spezialisten, ob zurückgegeben wird oder nicht. Die Direktion der Museen hat hiermit nichts zu tun. Die Entscheidungen treffen Juristen und Historiker aufgrund der Forschungsergebnisse. Das haben wir in Deutschland nicht.

Ihr persönliches Urteil über Hildebrand Gurlitt: mehr Opfer oder Täter?

Seine Rolle als Kunsthändler im Nationalsozialismus ist unbedingt ambivalent. Er war Verfechter der Moderne und Profiteur zugleich. Er war auf der einen Seite in den ersten Jahren der Verfechter der modernen Malerei und der Retter der modernen Malerei – weil er entartete Kunst auch an inländische Sammler verkauft hat. So ist es Sprengels beispielsweise gelungen, die komplette Nolde-Grafik zu erwerben. Diese befindet sich heute im Sprengel-Museum. Das ist in Hamburg so weitergegangen, dort hat sich Gurlitt als Händler für jüdische Künstler eingesetzt, Anita Reé zum Beispiel. Er war immer Sammler und Händler zugleich.

Wann kippte die Situation?

Ab 1941. Dann kam Hildebrand Gurlitt nach Dresden und hat dort Hermann Voss wieder getroffen, der nach dem Tod von Hans Posse die Leitung für das von Adolf Hitler in Linz geplante "Führermuseum" übernommen hatte. Hildebrand Gurlitt bekam von den Nationalsozialisten den Auftrag in von Deutschland besetzten Kriegsgebieten Kunstwerke zu erwerben. Unbestritten waren unter diesen Ankäufen Kunstwerke, die ihren Eigentümern unrechtmäßig entzogen worden sind. Gurlitt profitierte von diesen Das war ein steiler Abstieg als Einkäufer in kriegsbesetzten Gebieten. Da war wahrscheinlich Kunst dabei, die ehemals Juden gehörte – wahrscheinlich auch schon in Hamburg. Er hatte schon dort von jüdischen Sammlern Kunstwerke verkauft, die emigrieren mussten. Da kippt es dann allmählich. Aber das unter dem Strich zu bewerten, ist schwierig. Dazu noch die "jüdische Herkunft", die jetzt oft weggewischt wird, die aber da war! Er hat natürlich von den Ankäufen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Jene Werke, die Hitler nicht haben wollte, verkaufte Gurlitt an deutsche Museen, die durch die Beschlagnahmung der modernen Kunst große Lücken in ihren Sammlungen verzeichneten. Die brauchte neue Ware, da die "Entartete" weg war. Ich hatte damals einen Kontoauszug gefunden, von der Dresdner Bank, er hat sehr viel Geld verdient.

Hat er das Geld über den Krieg gerettet?

Ich kann mir vorstellen, dass er das geschafft hat. Er hat ja auch mit der Aussage, dass er als "Vierteljude" galt, seine Kunst von den Amerikanern zurückbekommen.

Warum ist Hildebrand Gurlitt so schwierig zu bewerten?

Gurlitt war als Förderer der Moderne mit Künstlern befreundet, mit Barlach, Emil Nolde Pechstein und anderen. Immer wieder wurde sein Engagement für die moderne Kunst ein Problem für ihn, als Museumsdirektor in Zwickau, als Leiter des Hamburger Kunstvereins. Als Händler hat er die als entartet diffamierte Kunst auch entgegen der Bestimmungen an inländische Sammler verkauft. Später war er einer der akkreditierten Einkäufer für den Sonderauftrag in Linz. Er wußte sicherlich, dass viele Werke, die er über den Krieg gerettet hat, eigentlich an die jeweiligen Länder vor allem aber an die jüdischen Eigentümer hätten zurückgegeben werden müssen. Ich bin mir sicher, dass er das wussteEs wäre einfacher, wenn er ein klassischer "Arier" wäre. Dann könnte man ihn verteufeln.

Vanessa Voigt

Die Kunsthistorikerin und Provenienzforscherin arbeitet am Stadtmuseum München und dem Lentos-Museum Linz an der Erforschung der Herkunft der Sammlungen. Ihre Promotion über die Sammlung Sprengel ist bei Reimer erschienen: "Kunsthändler und Sammler der Moderne im Nationalsozialismus: Die Sammlung Sprengel 1934 bis 1945"
http://www.amazon.de/Kunsth%C3%A4ndler-Sammler-Moderne-Nationalsozialismus-Sammlung/dp/3496013699/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1386581814&sr=1-1