Santu Mofokeng - Venedig Biennale

Bilder jenseits der Deadline

Der Künstler des Deutschen Pavillons spricht über die Landschaft als Metapher und seine Zeit als Fotojournalist: "Ich war lausig, zu langsam und unfähig, Deadlines einzuhalten."
Interview:Künstler des Deutschen Pavillon

Santu Mofokeng im Garten seines Hauses in Bezuidenhouts Valley in Südafrika

art: In Ihrer Fotografie spielen Landschaften eine große Rolle. Dabei haben auch scheinbar idyllische oder ruhige Szenerien oft eine verborgene, dunkle Seite. Könnte man sagen, dass Sie in Ihrer Arbeit Landschaftsaufnahmen als Metapher für tiefer liegende soziale, politische oder historische Themen stehen?

Santu Mofokeng: Die kurze Antwort darauf lautet: Ja, das stimmt. Ich sage oft, dass, wenn immer ich auf meinen Reisen das Land verlasse, wird mir der Name Südafrika angeheftet. Das ist eigentlich komisch, denn ich kenne dieses Land gar nicht wirklich.

Zu Zeiten der Apartheid waren meine Bewegungen als schwarze Person sehr eingeschränkt. So wurde mein Landschaftsprojekt ein Mittel, um mein eigenes Land kennenzulernen und für mich zu reklamieren.

Wie finden Sie Ihre Motive?

Es dauert nicht lang, bis man auf "überschatteten" Boden stößt. Die meisten Leute haben von dem Gefängnis auf Robben Island gehört, weil Nelson Mandela dort die meiste Zeit seiner 27 Jahre im Gefängnis inhaftiert war. Aber nur wenige Leute wissen, dass zumindest ein Stockwerk der Sanlam-Bank in Port Elizabeth für verdeckte Operationen der Geheimpolizei genutzt wurde und Aktivisten und "Terrorverdächtige" dort gefoltert wurden. Die Vlakplaas genannte Farm wurde vom CCB (Civil Cooperation Bureau) benutzt, um Menschen und Beweismittel zu verbrennen. Die tranken dabei Bier und machten Barbecue, als wäre das ein Picknick. Nach den ersten demokratischen Wahlen fühlte ich mich gezwungen, meine politisch-dokumentarische Arbeit fortzusetzen, ohne soziale Fragen, sprich Armut, Krankheit, Arbeitslosigkeit, zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Was als unschuldiges Landschaftsprojekt begann, wurde dann aber doch belastet durch die Vergangenheit. Fragen drängten sich auf: Wem gehört dieses Land? Wer erinnert sich und was wird erinnert? Wem gehört die Erinnerung?

Sie sind im schwarzen Township Soweto aufgewachsen. Leben Sie immer noch dort?

Nein. Ich wohne heute in einem kleinen Haus in einem Vorort namens Bezuidenhouts Valley.

1976 kamen bei Jugendprotesten in Soweto über 100 Menschen ums Leben. Die Bilder von weißer Polizei, die mit scharfer Munition auf schwarze Schüler schießen und Hunde auf sie hetzt gingen um die Welt. Waren Sie dabei?

Nein. Ich hatte ein Jahr vor den Unruhen meinen Abschluss gemacht. Aber ich habe alles mitangesehen. Ich sah, wie die Schüler die Polizei verhöhnten, ich atmete das Tränengas ein und sah die Kanister und wie ein Polizeihund getötet wurde und dann, wie die Kugeln flogen. Die Schießerei und das Töten des ersten Opfers. Und als der Hunger anfing, das Steinigen und Plündern von Lieferwagen...

Wann haben Sie beschlossen, Fotografie als Mittel zu benutzen, die Realität der Apartheid zu dokumentieren und damit zu einer Art von Umdenken beizutragen?

Das ist keine Idee von mir. Die habe ich geerbt. Die Person, deren Werk mich überzeugt hat, Fotografie als Karriere zu betrachten, ist Peter Magubane und seine Reportage über den Soweto-Aufstand. Andererseits habe ich das Leben unter dem Apartheidssystem auch deshalb dokumentiert, weil ich es für falsch hielt. Aber ich war ein lausiger Fotojournalist, zu langsam und unfähig, irgendwelche Deadlines einzuhalten.

In Venedig zeigen Sie auch Bilder aus den Serien "Chasing Shadows" und "Black Photo Album", bei dem Sie private Fotos von Schwarzen zeigen.

Die Fotos erinnern an den 100. Jahrestag des Native Land Acts, das ist ein Gesetz, das 1913 in Südafrika verabschiedet wurde und den Besitz von Land regelte. "Ancesters" beginnt mit Leuten, die möglicherweise die Verabschiedung dieses infamen Gesetzes miterlebt haben. Heute sind sie tot. Es ist eine Meditation über das Land, wenn wir Orte besuchen, wo uns Gläubige zeigen, dass dort ihre Vorfahren wohnen. Und wenn man dann Grabstätten sieht und wie Leichen exhumiert werden um Platz zu machen für Bergbau, Maisfarmen oder Papiermühlen und diesen Leuten der Zugang zu den Gräbern ihrer Vorfahren verwehrt wird, dann fragt man sich schon: Wem gehört dieses Land eigentlich.

Alle Berichte, Geschichten und Interviews zur Biennale finden Sie hier in unserem Online-Dossier.

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55. Venedig-Biennale

Termin: 1. Juni bis 24. November 2013 in Venedig
http://www.labiennale.org