Ralph Gibson - Aktfotografie

Das älteste Thema der Kunstgeschichte

Mit "Nude" hat der Taschen-Verlag dem US-Fotografen Ralph Gibson einen monumentalen Bildband gewidmet. art sprach mit Gibson über die Venus von Willendorf, die Intimität der Bilder und surrealistische Erotik.
"Das älteste Thema der Kunstgeschichte":Interview mit Aktfotograf Ralph Gibson

Ralph Gibson: "Untitled"

Herr Gibson, Ihr neuer Bildband hat ziemlich gewaltige Ausmaße. Wie geht nach Ihrer Vorstellung der Betrachter mit so einem großen Buch um?

Ich gehe nicht wirklich davon aus, dass er das Buch auf seinen Schoß legt und die Seiten einfach durchblättert. Die Tendenz bei so großen Büchern geht eher dahin, sie eine Weile offen auf dem Tisch liegen zu lassen.

Das Ganze stellt fast eine Art Ausstellungssituation her. Normalerweise sieht sich jeder einen Bildband aus der gleichen Entfernung an, wohingegen es in einer Ausstellung verschiedene Blickwinkel und Abstände gibt, durch die man ein Bild erfahren kann. Was ich außerdem, sozusagen als sozialen Aspekt, sehr interessant finde – und das habe ich Benedikt Taschen auch gesagt: mit dieser Serie der überdimensionierten Bücher hat er in einer Zeit, in der alles zunehmend digitalisiert, virtualisiert und kurzlebiger wird, ein Format wiederbelebt, das es in Form von illuminierten Manuskripten im Mittelalter oder in der Renaissance gab.

Wann haben Sie angefangen Akte zu fotografieren?

Damals in den Sechzigern habe ich zunächst die Frauen, mit denen ich zusammen war, fotografiert. Ich habe das Thema nach und nach immer ernster verfolgt. Als ich dann schließlich mit 49 Jahren eine Knieverletzung hatte, begann ich im Studio zu fotografieren. Ich bestellte mir das Modell her, das war die einzige Möglichkeit für mich weiterzuarbeiten.

Am Anfang Ihrer Karriere haben Sie als Dokumentarfotograf, unter anderem mit Dorothea Lange und Robert Frank, gearbeitet. Beeinflusst diese Art zu fotografieren noch ihre Arbeitsweise im Studio?

Absolut. Ich arbeite immer noch mit einer Leica Messsucherkamera und ohne Stativ. 95 Prozent meiner Bilder sind mit einem 55-Millimeter-Objektiv gemacht, das entspricht der natürlichen Wahrnehmung des menschlichen Auges. Auf der Straße lernt man schnell und spontan zu fotografieren und arbeitet dadurch sehr diszipliniert. Man muss das wechselnde Licht ständig im Auge behalten. Man hat einfach ein anderes Verhältnis zum offenen Raum. Mit dieser fotografischen Schulung versuche ich die statische Studioästhetik zu umgehen. Ich mag es zum Beispiel nicht, wenn die Figur nur auf einem Stück weißen Papier liegt. Ich arbeite ständig daran, die Intimität der Bilder, die ich anfangs in meiner Wohnung geschossen habe, aufrecht zu erhalten. Die Frauen bewegten sich damals einfach frei im Raum und ab und zu rief ich dann: "Bleib so stehen."

Nun arbeiten Sie also schon seit den Sechzigern an dem Thema. Was fasziniert Sie so sehr daran?

Schauen Sie sich doch nur mal die Venus von Willendorf an, die vor 25 000 Jahren gefertigt wurde. Die menschliche, insbesondere die weibliche Figur ist vor allen anderen das älteste Thema der Kunstgeschichte. Es steckt einfach so viel darin. Ich wollte mit diesem Buch zeigen, wie vielfältig man damit umgehen kann, man stößt praktisch an keine Grenzen. Für mich reflektiert die Figur all meine künstlerischen Vorstellungen, die ich fotografisch umsetzten möchte, sei es Erotik, Surrealismus oder Allegorie.

Wenn Sie von der Figur sprechen, klingt das sehr formal.

Ja, mein Interesse am weiblichen Körper ist rein ästhetisch und formal.

Ihre Fotografien wirken fast grafisch. Ist Abstraktion wichtiger für Sie als Erotik?

Mich interessieren Formen, die in anderen Formen stecken, das stimmt schon. Aber ich mache keine abstrakten Bilder! Der Gegenstand der Fotografien ist immer erkennbar. Aktfotografie macht nur 20 Prozent meiner Arbeiten aus. Aber in all meinen Fotografien suche ich das Abstrakte innerhalb einer Form, die wiederum Teil des Gegenstandes ist. Das kann eine Gabel, ein Stuhl oder eben eine Brust sein. Erotik spielt für mich dabei tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle. Darüber werden Sie von mir aber nicht viel erfahren.

Wie hat die jahrzehntelange Arbeit mit nackten Frauen ihr Verständnis von Schönheit beeinflusst? Suchen Sie nach dem perfekten Körper?

Ich finde bei jeder Frau, die ich mag, etwas Schönes. Das ist auch ein Grund dafür, warum ich oft Ausschnitte fotografiere. Sie werden selten eine Ganzkörperaufnahme bei mir finden. Ich suche mir in der Regel einen Aspekt, einen Teil der Figur aus und arbeite damit.

Wann wird Ihrer Meinung nach erotische Fotografie zur Kunst?

Man muss sich zunächst vor Augen führen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Sex, wie er auf Bildern aussieht und Sex, wie er sich anfühlt. Das große ästhetische Problem ist also ein Foto zu machen, dass sowohl visuell erotisch ist als auch ein bestimmtes Gefühl auslöst, wenn man es betrachtet. Pornografie scheitert daran, dass sie nur zeigt, wie Erotik aussieht, nicht, wie sie sich anfühlt. Der Betrachter wird nicht emotional angesprochen. Eines meiner Bild zeigt ein Mädchen mit einer Feder. Viele Frauen finden dieses Bild erotisch. Aber der Großteil der Erotik in der Pornografie ist von Männer für Männer gemacht.

An welchen Punkt Ihrer Karriere haben Sie sich selbst als Künstler gesehen?

Als ich an meinem ersten Buch "The Somnambulist" gearbeitet habe, war ich 29 Jahre alt. In dieser Zeit habe ich realisiert, dass ich nie ein kommerzieller Fotograf werden würde. Ich wollte einfach keinen Idioten im Rücken sitzen haben, der mir sagt was ich fotografieren soll. Meine eigenen Ideen sind schon dumm genug, aber die anderer Leute sind wirklich dumm. Ich hatte einfach nicht die Mentalität eines guten kommerziellen Fotografen. Ich muss unabhängig sein. Ich möchte die ungeteilte Anerkennung bekommen. Und die ganze Schuld wenn ich was vermasselt habe.

"Nude"

"Nude" von Ralph Gibson und Eric Fischl, 306 Seiten, Taschen Verlag, 33 x 44 cm, 350 Euro
http://www.taschen.com/pages/en/catalogue/photography/all/06308/facts.ralph_gibson_nude.htm

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