Planet Prozess - Street Art

Verwandelte Wände

Angewandte Architektur- und Stadtkritik, Design und Kunst im öffentlichen Raum verschmelzen zu neuen, experimentellen Ausdrucksformen: Die Berliner Ausstellung zeigt noch bis zum 19. August spektakuläre Werke von Street Artists aus insgesamt zwölf Nationen
1200 Quadratmetern und vierzig Künstler:Ein Rundgang durch die Galerie "Stadt"

Blu & JR. Foto: Kito Nedo

Über Nacht tauchten Sie plötzlich auf, die beiden riesigen weißen Gestalten, die seit Ende letzte Woche eine Brandmauer im Berliner Bezirk Kreuzberg zieren. Ein rätselhaftes Geschwisterpaar, dass die Blicke der vorbeieilenden Passanten unweigerlich auf sich zieht. Niemand kann genau sagen, wofür Sie stehen, zu uneindeutig sind ihre Gesten. Stülpen sie sich die Gesichtsmasken gerade über oder ziehen sie sie aus? Was bedeuten die gekreuzten Finger? Bei aller Verwirrung strahlen die zwei vor allem dennoch eines aus: Selbstbewußtsein.

Wer den Weg zum ehemaligen Senatsreservespeicher in der nahegelegenen Cuvrystraße findet, erfährt mehr über das gigantische Murial und seine Schöpfer. Das Kunstwerk – eine Gemeinschaftsarbeit des Franzosen JR und seines italienischen Kollegen BLU – ist Teil der Street Art Ausstellung „Planet Prozess“, die auf rund 1200 Quadratmetern und vier Etagen noch bis Mitte August rund vierzig Künstlerinnen und Künstler aus insgesamt zwölf Nationen präsentiert.

Für das Haus mit Spreeblick, daß im Rahmen einer Zwischennutzung seit rund drei Jahren verschiedenen Kulturaktivisten als Atelierhaus dient, ist diese Ausstellung eine Premiere und es erfüllt seinen Zweck mit Bravour: Der marode Charme des Anfang der fünziger Jahre errichteten Lagergebäudes passt gut zu den präsentierten Projekten, von denen die meisten, so betont Lutz Henke vom Veranstalter „Urban Grassroots“, nicht nur erst im Laufe der Ausstellung vollendet werden, sondern auch ganz bewußt den Innenraum der Ausstellung mit der Stadt da draußen verbinden wollen.

So zeigt etwa der Prager Künstler POINT seine handlichen dreidimensionalen Schriftzüge, sogenannte „Pointiks“ in einem käfigartigen Kasten, der an einen Geflügelverhau erinnert. Tatsächlich wirken die zwei Dutzend bunt bemalten Objekte wie eine seltene Papageienspezies. Im August will der wortkarge Macher, der in Prag Kunst studierte, seine typografischen Exoten an verschieden Stellen in der Stadt verteilen: „dort wo man schwer an sie herankommt, aber eben noch gut genug sichtbar.“ Wo genau das sein wird, will POINT nicht verraten, er setzt ganz auf den Überraschungseffekt und seine eigenen Kletterkünste.

Street Art als Lingua Franca global vernetzter Szenen

Ganz anders operieren hingegen die New Yorker Künstlerinnen „Alison & Solovei“, die in einem Postershop-artigen Display Mythologie- und Tiermotive als Scherenschnitte anbieten. Wer sich spontan in eine der Meerjungfrauen, Hirschgeweihwesen oder Wolfsköpfe verliebt, kann auf ausliegenden Bestellkärtchen eine Adresse notieren, an welcher das Werk von den Künstlerinnen an die Mauer tapeziert werden soll. Doch das ist nicht unbedingt nur als eine nette Geste an die Ausstellungsbesucher zu verstehen. Mit der eigens gegründeten „Public Public Library“ reflektiert das Künstlerduo auf diskrete Weise auch den gewandelten Diskurs um Street Art. Während früher Graffitis an Mauern als sichere Zeichen für städtische Problemquartiere galten, sind es heute gerade die angesagten Stadtbezirke, in denen man auf Schritt und Tritt mit Schablonengraffitis, tapezierten Scherenschnitten wie denen von „Alison und Solovei“, kleinformatigen Stickern und anderen Medien der Street Art Szene konfrontiert wird.

Street Art ist in den letzten Jahren zu einer Lingua Franca unterschiedlichster, global vernetzter Szenen gewachsen, in der angewandte Architektur- und Stadtkritik, Design und Kunst im öffentlichen Raum zu neuen, experimentellen Ausdrucksformen verschmelzen. Wen wundert es da noch, dass diese aufmerksamkeitsökonomisch äusserst erfolgreiche Melange auch die Begehrlichkeiten der Werbeindustrie auf sich zieht? Längst haben Sportartikelhersteller oder die Gamingindustrie die neue Gramatik der urbanen Zeichen studiert und nutzen sie geschickt für ihre eigenen Zwecke. Manchmal geschieht dies auf so intelligente Art und Weise, dass man zunächst gar nicht erkennt, ob es sich nun um Street Art oder nur um eine neue Kampagne für Nike, Playstation oder einen Kinofilm handelt, der vor allem auf eine junge und hippe Klientel zugeschnitten ist.

Die Akteure kümmern aber solche Vereinnahmungsversuche aus der Wirtschaft wenig. Für viele ist die Kooperation mit den Marketingagenturen oft sogar der einzige Weg, von ihrer Kunst leben zu können, da sich der konservative Kunstmarkt trotz einiger Ausnahmen noch immer schwer mit der jungen Szene tut. Eine wirkliche Gefahr droht dem Genre tatsächlich nur durch Ideenlosigkeit und Langeweile. Aber bislang sind diese Gefahren weit entfernt. So lange
es noch Künstler wie den ebenfalls bei Planet Prozess vertretenen NANO4814 gibt, ist ein kreativer Burn-Out nicht vorstellbar. Das Mitglied der spanischen Künstlergruppe „Equipo Plastico“ recycelt alte Leuchreklamen und nimmt diese, nachdem er sie mit eigenen psydelischen Motiven versehen hat, wieder in Betrieb. Dort wo Licht ist, ist Leben, scheint er seinem erstaunten Publikum sagen zu wollen. Gibt es eine schönere Liebeserklärung an die Großstadt?

Planet Prozess, im ehemaligen Senatsreservespeicher, Cuvrystr. 3-4, Berlin Kreuzberg, Mi-So 14-22 h, noch bis 19. August, Eintritt frei

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