Bookmarks - Lesetipps Februar

Die Lesetipps des Monats

art-Redakteurin Ulrike von Sobbe stellt Ihnen in unserer Rubrik "Bookmarks" jeden Monat zehn neue Kunstbücher vor. Diesmal mit einem Wegweiser durch das alte Ägypten, japanischen Badehäusern und einem schwimmenden Esel.
Das müssen Sie lesen:zehn neue, spannende Kunstbücher

Robert Lebeck: Tokyo-Moskau-Leopoldville

Bald 50 Jahre alt sind die Aufnahmen, die der junge Fotoreporter Robert Lebeck 1962 von einer großen Reise durch Afrika, Japan und die Sowjetunion mitbrachte, und sie waren so spektakulär, dass sie ihn nicht nur in die erste Reihe der deutschen Fotoreporter brachten, sondern ihm auch prompt eine Ausstellung eintrugen. Jetzt ist der Katalog dazu in einem (erweiterten) dreibändigen Reprint wieder erschienen: rund 700 Schwarzweißbilder aus einer Zeit, als Fernreisen noch nicht zum gängigen Touristenprogramm zählten, die Bundesbürger ihr Weltbild noch weitgehend aus Illustrierten bezogen und wissbegierige Journalisten wie der inzwischen 80-jährige Lebeck Exotik, aber auch Alltag der Fremde ins heimische Wohnzimmer lieferten (Steidl Verlag. 996 S., circa 750 Abb., 65 Euro).

Paola Pivi

Die italienische Künstlerin wurde 1971 in Mailand geboren, lebt und arbeitet jedoch nicht im sonnigen Italien sondern in Alaska. Auch in ihrer künstlerischen Arbeit ist sie eine ungewöhnliche Regisseurin der Wirklichkeit. Unvergessen, wie sie bei ihrer Teilnahme an der Biennale in Venedig 2003 einen Esel in einem Boot über die Lagune schippern ließ. Während einer Ausstellung in der Kunsthalle Basel 2007 schritt ein Leopard durch hunderte von Tassen mit Cappuccino, und das nun erschienene Künstlerbuch kann man gleichermaßen von hinten und von vorne lesen – egal wie man es in die Hand nimmt, es gibt immer was zu schauen (Verlag der Buchhandlung Walther König. 156 S., 95 Abb., 42 Euro).

Jean-Auguste-Dominique Ingres

Wir verdanken dem französischen Maler und Zeichner einen der sinnlichsten Rückenakte der Kunstgeschichte. Das Gemälde misst 91 x 162 cm, entstand 1814, trägt den Titel "Die große Odaliske" und ist heute im Pariser Louvre zu bewundern. Es gehört zu einer ganzen Reihe von Badenden und Odalisken, mit denen der Künstler der weiblichen Nacktheit huldigte. Daneben entstanden in seinem von drei Revolutionen bewegten Leben (1780 bis 1867) hervorragende Porträts von Zeitgenossen sowie mythologische Darstellungen, die den Künstler zu einem der Hauptmeister des französischen Klassizismus werden ließen – dies alles ist höchst informativ, leicht verständlich und reich illustriert in dieser Biografie nachzulesen (Phaidon Verlag. 240 S., 180 Abb., 39,95 Euro).

Peter Blake: Collagen und Arbeiten auf Papier. 1956-2008

Auch wenn er inzwischen ein "Sir" vor dem Namen führen darf – dass er zu den Vorreitern der Pop-Art mit ihrer Faszination fürs Triviale und Massentaugliche zählt, ist den Arbeiten des 76-jährigen Engländers bis heute anzusehen. Nach der Hamburger Galerie Levy zeigt die Mailänder Konkurrenz Lorenzelli Arte (bis 21. Februar) eine Auswahl aus seinem naiv-phantasievollen Werk (Kerber Verlag. 144 S., 43 Abb., 29.95 Euro).

Inside // Outside

"Sprunghaft, wie alle Betrüger" seien Räume, befand der französische Philosoph Georges Bataille – und tatsächlich liefern die 16 zeitgenössischen deutschen Fotografen, deren Bilder im Duisburger Museum Küppersmühle zu sehen waren, ebenso unterschiedliche wie entlarvende An- und Einsichten in das komplexe Verhältnis, das Drinnen und Draußen bilden können (Wienand Verlag. 112 S., 72 Abb., 29,80 Euro).

Who is Who im alten Ägypten

Mit wem war die schöne Nofretete verheiratet? War Hatschepsut ein männlicher oder weiblicher Pharao? Und was machte eigentlich Somtutefnacht? All diese Fragen beantwortet das Buch ausführlicher und unterhaltsamer als ein Lexikon der Antike und erzählt dabei die tragischen und untragischen Legenden der berühmten Menschen im Land der Pyramiden (Philipp von Zabern Verlag. 336 S., 200 Abb., 39,90 Euro).

Sammlung Rolf Ricke. Ein Zeitdokument

Seit den sechziger Jahren war er ein Wegbereiter für die zeitgenössische amerikanische Kunst in Europa. Vor zwei Jahren erwarben das Kunstmuseum St. Gallen, das Kunstmuseum Liechtenstein und das Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main gemeinsam die Sammlung des Kölner Galeristen. Die Publikation stellt die 150 Arbeiten vor und dokumentiert die Geschichte dieser richtungsweisenden Galerie mit umfangreichem Fotomaterial, aufgezeichneten Gesprächen mit Künstlern, mit deren Briefen, in Interviews und Essays und liefert damit einen spannenden Blick auf die Kunstszene der letzten 40 Jahre (Hatje Cantz Verlag. 448 S., über 1000 Abb., 49,80 Euro).

Julia Baier: Sento

Mit Handtuch und Kamera hat sich die Fotografin Julia Baier unter die Gäste japanischer Badehäuser (Sentos) gemischt, um uns eine Facette der Alltagskultur Japans "zu erzählen", wie sie es formuliert, und das ist ihr grandios gelungen. Julia Baier, die 1971 in Augsburg geboren wurde und in Berlin lebt und arbeitet, hat in rund 20 Sentos in unterschiedlichen Städten – unter anderen Tokio, Kyoto, Osaka – fotografiert. Entstanden sind sensible Schwarzweißfotos, die respektvoll Abstand zu den Badenden halten, ihnen aber dennoch sehr nahe kommen. Da sitzen Sento-Besucherinnen auf Schemeln zusammen, seifen einander den Rücken ein und plaudern dabei ungeniert; rührend, wie in einem Umkleideraum eine ältere Frau Karaoke singt. "Auch andere Fotografen haben Bücher über das Sento veröffentlicht", schreibt der Galerist Yoshinori Nomura im Vorwort, "doch niemand hat es vermocht, die vorübergehende Selbstvergessenheit von Leib und Seele so offen einzufangen." Undine von Rönn. (Peperoni Books. 96 S., 40 Abb., 28 Euro).

Philip Jodidio: Museum of Islamic Art. Doha. Quatar

Der imposante Bau mit seiner strengen, weißen Formensprache, errichtet auf einer eigenen Insel nahe dem Hafen von Doha, ist eines der letzten Werke des berühmten Architekten I. M. Pei, der in Europa besonders durch seine Glaspyramide vor dem Pariser Louvre bekannt wurde. Zudem beherbergt dieser Museumsneubau eine der kostbarsten Sammlungen islamischer Kunst, wie sie sonst wohl nur in Museen in Paris, London oder New York zu bestaunen sind. Dieses Unternehmen der Superlative wurde im November des vergangenen Jahres eingeweiht. Wer sich mit dem grandiosen Kunsttempel vertraut machen möchte, dem sei das umfangreiche, reich bebilderte Buch empfohlen (Prestel Verlag. 240 S., 200 Abb., 39,95 Euro).

J. Mayer H.

Für sein erstes Gebäude, das Stadthaus im schwäbischen Ostfildern, erhielt er gleich den Mies-van-der-Rohe-Preis für Emerging Architects, seit der Mensa Moltke für verschiedene Hochschulen in Karlsruhe ist Jürgen Mayer H. auch dem breiteren Architekturpublikum bekannt. Wirkt das multifunktionale Amtshaus in seiner kargen Beton-Glas-Ästhetik noch etwas hart, so zeigt das möbelartige Großrestaurant für Studierende alle Qualitäten, die das 1996 in Berlin gegründete Büro empfehlen. Das Fassadenwerk aus schräg gestellten Stützen erhält durch den hautartigen Überzug mit Polyurethan eine objektartige Geschlossenheit und setzt sich im Innern als dreidimensionale Landschaft fort. Die Rundungen wirken biomorph und lassen doch konstruktive Assoziationen zu, die gelbe Farbe erinnert an die siebziger Jahre. Wie Mayer H., der in Stuttgart und im amerikanischen Princeton studiert hat, die Architekturthemen jener Zeit aufgreifen will, zeigt der opulent gemachte erste Werküberblick von Großprojekten, wie dem gerade im Bau befindlichen "Metropol Parasol", der Marktplatzbebauung in der Altstadt von Sevilla, bis zu Möbeln, Bettwäsche und Installationen. Gerhard Mack. (Henry Urbach und Cristina Steingräber (Hrsg.): Hatje Cantz Verlag. 238 S., 392 Abb u. Pläne., 49.80 Euro).