Kulturbilanz - Hamburg

Konstruktives Gesprächsklima

Auf dem Papier hat sich bezüglich der Lage im Kultursektor Hamburgs wenig getan, strukturelle Probleme gibt es nach wie vor zahlreich. Barbara Kisseler begegnet diesen jedoch mit Sensibilität und Kampfgeist. So hat sie es in ihrer bald einjährigen Amtszeit zumindest geschafft, das Vertrauensverhältnis zu den Kulturschaffenden durch politische Glaubwürdigkeit wieder aufzubauen.

Als Direktorin Sabine Schulze bei der Pressekonferenz zur großen "Apple"-Ausstellung "Stylectrical" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe der Hubertus-Wald-Stiftung für ihr finanzielles Engagement dankte, setzte sie eine deutliche Spitze in Richtung Kulturpolitik hinterher: "Wenn ich Sie nicht hätte", erklärte Schulze gegenüber dem Stiftungsvertreter, "müsste ich das Haus dichtmachen."

Doch obwohl der ganze Raum voll Journalisten saß, fand diese verzweifelte Bemerkung kaum Medienecho. Denn in Hamburg muss man schon größere Geschütze auffahren, um in der latenten Existenzkrise der öffentlichen Institutionen noch Gehör zu finden. Mit einem Rücktritt zum Beispiel, wie Kirsten Baumann es getan hat. Die ehemalige Chefin der Stiftung historische Museen warf im September letzten Jahres das Handtuch, nachdem so übereifrige wie inkompetente Kulturpolitiker der SPD in der Bürgerschaft eine Abspaltung von Teilen der Stiftung durchgesetzt hatten, ohne sich mit der zuständigen Fachfrau zu beraten.

Hilferufe der Kulturdienstleister

Im Bereich zwischen Hilferufen und echten Fluchten gab es in den letzten Monaten zahlreiche solcher Ereignisse, die den Eindruck erwecken müssen, die Stadt quält ihre Kulturdienstleister. Sabrina van der Ley räumte die Stelle als Leiterin der Galerie der Gegenwart nach nur zwei Jahren völlig frustriert von den armseligen Möglichkeiten an der Hamburger Kunsthalle und ging ans Nationalmuseum nach Oslo, ihre Stelle wurde nicht neu besetzt. Florian Waldvogel, Chef des Hamburger Kunstvereins, erklärte Ende August die drohende Insolvenz seines Ausstellungshauses. Und außerhalb des Kunstbereiches sieht es nicht besser aus. Der irrwitzige Abgang von Schauspielhaus-Chef Friedrich Schirmer wegen drohender Geldknappheit innerhalb von wenigen Tagen im Jahr 2010 war sicherlich der spektakulärste Abschied, aber seither haben sich auch im Theaterbereich die Bilanzen nicht beruhigt. Schauspielhaus wie Thalia Theater haben erklärtermaßen ein Bilanzloch von über einer Million Euro, vermutlich aber eher mehr. Und dann ist da ja noch die Elbphilharmonie, wo solche Summen kaum der Klage wert sind. Deren Intendant in Wartestellung, Christoph Lieben-Seutter, hat mittlerweile schon genervt verlauten lassen, ihm sei es mittlerweile egal, wann der Problembau fertig wird.

Problemsensibilität

Die Lage von Kultursenatorin Barbara Kisseler sieht also auf dem Papier wenig freundlich aus, und in der Summe wäre Kisseler entsprechend der Befindlichkeiten am besten zu karikieren als Dirigentin eines Klagechors. Tatsächlich aber herrscht seit ihrem Amtsantritt im März 2011 in Hamburg eine erstaunlich besonnene und stille Atmosphäre. Nicht, dass die strukturellen Probleme tatsächlich weniger würden. Gemessen an der Größe und dem Reichtum der Stadt Hamburg sind die Kulturausgaben des Stadtstaates mit rund 250 Millionen Euro kein Füllhorn. Und öffentliche Kulturfinanzierung ist nicht erst seit den immer schneller auftretenden Wirtschafts- und Finanzkrisen die Voraussetzung für kulturelle Vielfalt, Freiheit und Leistungsfähigkeit. Aber im dezidierten Unterschied zu ihren gescheiterten Vorgängern – die im Amt zermürbte Karin von Welck und der ahnungslose Unheilstifter Reinhard Stuth – zeigt Barbara Kisseler Problemsensibilität und Kampfgeist. Und hat damit das zuletzt total lädierte Vertrauensverhältnis der Kulturschaffenden zu ihrer Regierungsvertretung wieder hergestellt.

Sichtbare Erfolge

Klare Ansagen, ein konstruktives Gesprächsklima und politische Glaubwürdigkeit, sowie der Wunsch, neue Ideen und Projekte zu entwickeln, die Kisseler bisher auszeichneten, entfachten zwar noch keine allgemeine Hurra-Stimmung – die Haushaltsvorgaben in der Schuldenkrise machen auch in Hamburg unfrei in den Entscheidungen und bremsen die Geberlaune. Aber trotzdem gibt es sichtbare Erfolge. Zum Beispiel das Projekt Gängeviertel konnte dank Kisselers Einsatz vor dem Scheitern bewahrt werden und darf sich jetzt zu einem denkmalgeschützten, innerstädtischen Künstlerviertel in der Verwaltung der ehemaligen Besetzer entwickeln. Die Sammlung Falckenberg wurde mit den Deichtorhallen in einen Verbund gebracht und mit 570 000 Euro Jahresmitteln für Pflege und Ausstellungen unterstützt. Die Deichtorhallen selbst werden außerdem endlich saniert, weil es reinregnet, und auch die Bücherhallen konnten sich neu und modern aufstellen. Sogar die Kunsthalle zeigt neuerdings wieder Ausstellungen von überregionaler Ausstrahlung, etwa ab 10. Februar mit der Werkschau von Louise Bourgeoise.

Denkanstöße

Darüber hinaus aber platziert die Senatorin Denkanstöße, etwa mit der strategischen Überlegung, dass in einer modernen Stadt Kultur- und Stadtentwicklung eigentlich in einer Behörde zusammen gedacht gehören. Sie versucht hinter den Kulissen neue Initiativen zu unterstützen, die sich mit unorthodoxen Strategien um eine Bereicherung der Kulturlandschaft kümmern. Und sie entwickelt Pläne für die Stärkung institutionsunabhängiger Projekte, etwa mit der Idee eines offenen Subventionsfonds oder mit der Forderung, freie Arbeitsweisen in Kunst und Theater stärker zu fördern.

Das alles hängt selbstverständlich am Geld, und auf dem Sektor haben auch die bestehenden Institutionen der Stadt berechtigte Altforderungen. Etwa die nun unfreiwillig geschrumpfte Stiftung der historischen Museen, über die seit Jahren Gutachten, Senatspapiere und Artikel geschrieben werden, ohne dass daraus ein fundiertes und zukunftsträchtiges Vorgehen erwachsen wäre. Oder eben das Museum für Kunst und Gewerbe, das sich selbst seine Volontäre von Sponsoren und Mäzenen bezahlen lassen muss – die allerdings auch immer knauseriger werden.

Und genau darin liegt das nachhaltige Problem der Hamburger Kulturpolitik. Wenn diese in den letzten Jahren eingeschlagene Route, immer mehr Bereiche der öffentlichen Kultur zum Betteln bei privaten Geldgebern zu erziehen, sich weiter so verhängnisvoll entwickelt, dann wird vermutlich auch die kompetenteste Kulturpolitikerin die Gemüter nicht mehr besänftigen können. Und dann hilft vermutlich auch keine Elbphilharmonie mehr weiter, die bisher konsequent den Eindruck erweckt, die echten schlechten Nachrichten aus der Hamburger Kulturbehörde alleine zu liefern. Nur so schlimm, dass Sabine Schulze ihr Museum tatsächlich schließen muss, wird es unter der Kultursenatorin Barbara Kisseler dann vermutlich doch nicht kommen.