Lynn Hershman Leeson - Berlin

Späte Anerkennung

Es ist das Jahr von Lynn Hershman Leeson: Sie wird im Dezember eine große Retrospektive im ZKM in Karlsruhe haben, der Sammler Harald Falckenberg hat sie zur Teilnahme an einer Gruppenausstellung eingeladen, auch in der Akademie der Künste in Berlin will man sie ausstellen. Schon jetzt ist die Pionierin der Medienkunst in ihrer ersten Einzelausstellung in Berlin zu sehen.

Ihre Video-Arbeit "Deep Contact: The Sexual Fantasy Videodisk" (1984/1989) ist das erste Kunstwerk mit Sensorbildschirm. Touchscreens kennen wir heute alle aus unseren Smartphones, damals war das visionäre Pionierarbeit. Was war ihr Interesse an Technik?

Ich wollte etwas machen, das sich nicht mit Geschichte auseinandersetzte, sondern mit der Zukunft.

Ich war begeistert von der Möglichkeit, Technologie anzuwenden, die gerade erfunden wird. Besonders in der Region, in der wir lebten, Berkeley und San Francisco, wurde sehr viel moderne Technologie erfunden. Das hatte eine tiefe Auswirkung auf Dinge, die nie zuvor getan wurden.

Die Wiener Künstlerin Valie Export erzählte mir, dass es für sie wichtig war, sehr früh neue Technologie wie Kameras zu verwenden, da die Verwendung von Technologie männlich konnotiert war. Sehen Sie das auch so?

Tatsächlich schrieb Ada Lovelace die erste Computersprache. Mary Shelley visionierte künstliche Intelligenz, und Hedy Lamarr erfand den gleichzeitigen Frequenzwechsel ("frequency-hopping"), er wird in der heutigen Kommunikationstechnik zum Beispiel bei Bluetooth-Verbindungen oder mit der GSM-Technik angewendet. Ich denke, die gesamte Technologiegeschichte ist überhaupt nicht männlich.

Der weibliche Teil der Technikgeschichte wird aber oft vergessen. Sie haben den weiblichen Teil der amerikanischen Kunstgeschichte eben mit visueller Technik vor dem Vergessen gerettet: Ihr interaktiver Film "!Woman art revolution" (2010), wurde vom MoMA in New York als einer der drei besten Dokumentarfilme des Jahres 2011 gewählt und ist ein Kernstück Ihres Werks. Wie ist er entstanden?

Ich begann meine Aufnahmen 1968 in meinem Wohnzimmer in Berkeley. Ich sprach mit Menschen, die mich besuchten, und nahm sie auf Film auf. Das war ein ganz wichtiger Moment, den ich festhalten wollte.

...das Jahr 1968. Wieso war es wichtig für sie?

... es lag in der Luft, die Revolution, die Free Speech Bewegung, als wir anfingen, uns zu finden und in der Kunstwelt zu arbeiten. Ich war zu der Zeit noch keine Filmemacherin, wollte aber einen Weg finden, eine zu werden. Ich nahm alle mit Video auf und habe das ganze Material über 40 Jahre gesammelt – insgesamt 12 000 Stunden Filmmaterial.

Dann starben einige der Frauen. Ich dachte, ich sollte nun das Projekt beenden. Ich sprach mit Schülern, die hatten noch nie von diesen Leuten gehört, auch nicht von den berühmten wie Marcia Tucker, der Gründerin des New Museum in New York (1940 bis 2006). Ich habe das einzige Video-Interview mit ihr gemacht, das überhaupt existiert. Viele von ihnen wurden noch nie in Interviews gesehen oder gehört. Als Marcia Tucker starb, kam man zu mir, um etwas für ihr Andenken zu haben. Ich brauchte vier Jahre, um das gesamte Filmmaterial zusammenzustellen.

Dieses Jahr werden Sie in Deutschland umfassend ausgestellt. Freut Sie das?

Ja, ich bin Peter Weibel sehr dankbar für die Retrospektive im ZKM. Dazu wird ein Buch erscheinen, in dem 55 Prozent meiner gesamten Werke erstmals aufgenommen sind, weil sie noch nie ausgestellt wurden. Weil jeder sagte, es sei keine Kunst. So, jetzt wird sie ausgestellt.

Der Titel Ihrer jetzt in Berlin eröffneten Ausstellung lautet: How to dissapear. Worauf bezieht sich das?

Die ausgestellten Arbeiten haben alle mit dem Thema des Verschwindens zu tun. Ich finde, was gerade offensichtlich ist, dass unser Körper immer mehr verschwindet – durch Injektionen. Nicht nur durch kosmetische Einspritzungen wie Botox oder Restalyn, auch durch solche direkt in unsere DNA.
Das bewirkt, dass unsere Körper direkt und von Innen mutieren. Doch diese Idee des Verschwindens ist nicht neu. In den frühen sechziger Jahren machte ich Skulpturen aus Wachs-Abgüssen von mir, die dann bis zu Ascheresten verbrannten. Sie handeln vom Erlöschen und Überleben; Transformation und Zeit.

Das Verschwinden ist ein normaler biologischer Vorgang. Wir alle verändern uns permanent von der Geburt bis zum Tod – was verändert sich zur Zeit?

Ja, so war es bisher. Aber die moderne Gentechnologie und regenerative Medizin verändert das alles. Wir sind jetzt an einem entscheidenden Punkt. Die wissenschaftlichen Entwicklungen haben die Macht unsere Spezies und die jede lebende Art für immer durch Quer-Züchtung, Mutation und Hybridität zu verändern. Darauf beziehe ich mich auch in der Arbeit "Cabbage Cropped" (2014). Sie spielt auf die Kreuzung einer Frau mit Gemüse an. Natürlich hilft auf der anderen Seite diese wissenschaftliche Technologie auch bei der Suche nach Heilmitteln für AIDS oder Krebs. Aber wir müssen uns über das gesamte Spektrum dessen, was geschieht und die Folgen bewusst sein.

Sie haben ihre erste Einzelausstellung in Berlin bei der Galerie Aanant & Zoo. Ist Berlin ein besonderer Ort für sie?

Ja, das ist er. Ich liebe es, nach Berlin zu kommen. Ich habe alle meine Filme wie "Strange Culture", "Teknolust" und "Conceiving Ada" auf dem Filmfestival der Berlin Berlinale gezeigt. Das ist immer ein besonderer Ort für mich.

How to Disappaer

Aanant und Zoo, bis 6. September
http://www.aanantzoo.com/