Bookmarks - Lesetipps Februar

Die Lesetipps des Monats

art-Redakteurin Ulrike von Sobbe stellt Ihnen in unserer Rubrik "Bookmarks" neue Kunstbücher vor. Diesmal reicht das Spektrum von Hyper-Realisten bis zu niederländischen Altmeistern, vom Grandseigneur der französischen Fotografie Robert Doisneau bis zu den Stars der Fotoagentur Magnum, von Sowjet-Architektur bis zum neuen Kreativ-Zentrum „Dortmunder U“.

Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (Hrsg.): Hyper Real

Vor rund 40 Jahren als die Fotorealisten ihren ersten viel diskutierten Auftritt bei der Documenta 5 in Kassel hatten, waren Peter und Irene Ludwig schon lange Sammler dieser neuen Malerei, in der meist großformatige Bilder nach fotografischen Vorlagen entstanden.

Gegeneinander wird Nebeneinander

Pieter Hugo - Köln
Gegeneinander wird Nebeneinander
Pieter Hugo zeigt seine Heimat Südafrika als schizophrenes Land – und die Galerie Priska Pasquer jetzt seine wichtigsten Serien. art-Autorin Sandra Danicke zu Besuch bei einem der bildgewaltigsten Fotokünstler unserer Zeit.

Mit seinen Furchen und Narben im Gesicht, mit der brennenden Kippe im Mund und dem aufgeknöpften Hemd sieht er aus wie ein schwarzer Keith Richards. Vor ­allem aber ist es der herausfordernde Blick, der dafür sorgt, dass man kaum wegsehen kann. »Das ist Shaun Oliver, ein Obdach­loser«, erzählt Pieter Hugo, in dessen Atelier in Kapstadt das überlebensgroße Porträtfoto an der Wand hängt. »Den trifft man immer hier in der Gegend. Manchmal hilft er mir beim Putzen.«

Früher reiste Hugo als Fotojournalist für das "New York Times Magazine" oder den
"Guardian" in Krisengebiete. Dann wurde er als Künstler mit Fotos bekannt, die Außergewöhnliches, auch Erschreckendes zeigen, etwa Nigerianer, die mit Hyänen durchs Land ziehen oder Tagelöhner, die ihren Lebensunterhalt auf einem Müllplatz in Ghana verdienen (siehe art 6/2010). "Meist war ich außerhalb Südafrikas unterwegs", sagt der Künstler. Vor wenigen Jahren jedoch begann er, sich mit seinem Heimatland auseinander­zusetzen, mit den Wunden, die die Apartheid geschlagen hat, und die heute, nach 20 Jahren Demokratie, immer noch die südafrikanische Gesellschaft prägen. Mit den Menschen, die mehr schlecht als recht in den Townships an den Rändern der Großstädte leben, mit Wohnsitzlosen und Angestellten, die ihm fast täglich über den Weg laufen und jenen, die ihm vertraut sind: seine Frau, seine Eltern, seine Kinder.

"Südafrika ist so ein zerbrochenes, schizophrenes Land", erzählt Hugo, der 1976 in Johannesburg geboren wurde, aber fast sein ganzes Leben in Kapstadt verbracht hat, einer Stadt, die als eine der schönsten der Welt gilt und zugleich mit großer Armut und einer hohen Kriminalitätsrate zu kämpfen hat. "Früher war mir das egal, aber als vor vier Jahren meine Tochter geboren wurde, habe ich darüber nachgedacht, von hier fortzugehen." Er blieb. "Wir sind ein Teil dieser Geschichte, deshalb sollten wir auch Verantwortung dafür übernehmen", findet Hugo. Eigentlich sind wir zu einer Rundfahrt durch Kapstadt verabredet, doch am Vortag haben Jugendliche die Scheiben seines Autos eingeschlagen.

Direkt ins Gesicht

Jetzt sitzen wir zwischen Plattenkisten mit Independent-Musik und einem Lautsprecher, auf dem ein Totenkopf steht. "Den habe ich in Amsterdam gekauft", sagt Hugo und lacht. "Ich wollte das übliche Schema – Anthropologen graben etwas in ­Afrika aus und bringen es nach Europa – einfach mal umdrehen." Eine Wand ist mit Prints seiner neuen Serie "Kin" gepflastert: eindringliche, intime Porträts von Menschen, die dem Betrachter fast immer direkt ins Gesicht zu blicken scheinen. Schwarze und Weiße, solche mit und ohne Besitz; die meisten wurden dort fotografiert, wo sie leben. "Das hier ist Louis Matanisa", der Künstler zeigt auf das Foto eines jungen Schwarzen, der mit freiem Oberkörper auf einem Bett mit geblümter Tagesdecke posiert.

"Er wohnt in einem Haus hier um die Ecke." Matanisa ist ein Musiker aus Simbabwe, der illegal über die Grenze geflüchtet ist. Jetzt lebt er in einem Obdachlosenasyl mit 22 Menschen in zwei Räumen. "Und das ist meine schwangere Frau", sagt er, und deutet auf eine Nackte, deren gerundeter Leib geradezu altmeisterlich in geheimnisvolles Licht gehüllt ist – ein Bild, das schonungslos jeden Pigmentfleck zeigt und zugleich – wie alle diese Fotografien – von großer Anmut und Poesie ist. Er habe viel von August Sander gelernt, erzählt Hugo: "die Sparsamkeit der Mittel, Direktheit, Anspruchslosigkeit". Doch während der Fotopionier seinen Modellen neutral gegenübertrat, spricht aus Hugos Bildern stets eine große Zuneigung.

"Dieser Ort ist ein Magnet für Freaks"

Dann brechen wir doch noch auf. Hugos Frau hat ihr Auto zur Verfügung gestellt. Der Künstler fährt an Orte, die man in keinem Touristenführer findet. Zum Beispiel den Parkplatz von Milnerton Beach, einem der weniger glamourösen Strände in Kapstadt. Hier empfängt uns eine minderjährige Bikini tragende Parkplatzanweiserin in Miley-Cyrus-Pose mit herausgestreckter Zunge. Wir laufen weiter Richtung Strand, wo ein Hula-Hoop-Kurs klatschend im Kreis hüpft. Ein Mann ohne Zähne lehnt an einer Mauer und beobachtet das seltsame Treiben. "Dieser Ort ist ein Magnet für Freaks", sagt Pieter Hugo, während wir an einem Leuchtturm vorbeikommen, in dem man vor drei Jahren einen menschlichen Schädel gefunden hat. Wir ­suchen Daniel, einen zutätowierten Straßenstricher mit stechenden grünen Augen. Auf dem Porträt, das Hugo 2013 von ihm gemacht hat, sieht er furchteinflößend und verletzlich zugleich aus, so schön und brutal wie das Land, in dem er lebt.

Wir haben ihn verpasst. Stattdessen zeigt Hugo auf einen Busch, den ein Wohnsitzloser in eine Garderobe umfunktioniert hat: ein lustiger, ein gnaden­loser Anblick.
Wir fahren weiter entlang der Westküste durch Viertel, die Rugby und Brooklyn heißen, vorbei an baufälligen Häusern, Puffs, Drogendealern und Menschen, die am Straßenrand campieren. Vor einem Sexshop namens Hanky-Panky schieben zwei Männer eine alte Waschmaschine über den Bürgersteig. Ein verknittert aussehender Herr mit Koffer wandert unverdrossen die Schnellstraße entlang. Eindrückliche Motive, die man übersähe – wäre da nicht Pieter Hugo mit seinem wachsamen Blick.
"In Deutschland könnte ich keine Fotos machen", sagt der Südafrikaner. "Da gibt es rein gar nichts, was mich visuell stimuliert."

"Pieter Hugo – Corporeality"

Bis 11. April 2015 in der Kölner Galerie Priska Pasquer


Parallel zeigt auch die Pariser Fondation Henri Cartier-Bresson noch bis zum 26. April Arbeiten von Pieter Hugo.


Das Buch zur Serie "Kin" ist bei Aperture erschienen und kostet 85 US-Dollar.
http://priskapasquer.com/

Gegeneinander wird Nebeneinander:Pieter Hugo porträtiert Südafrika
Köln
Fotografie
79315
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Pieter Hugo muss nicht inszenieren. Seine Heimat Südafrika inszeniert sich selbst – und der Fotograf schaut hin: "Dike Ngube and Gold Gabriel", Enugu, Nigeria, aus der Serie "Nollywood", c-print, #PH029

Eine Ausstellung, die bis 13. Februar noch in Wien zu sehen ist und danach Stationen im Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen (13. März bis 19. Juni) und später in Budapest im Museum of Contemporary Art haben wird, führt nun zum ersten Mal den gesamten Bestand an fotorealistischen Arbeiten des Sammlerpaares zusammen: ein eindrucksvolles Spektrum, das von Tom Wesselmann über Eric Fischl bis Thomas Demand reicht. Das umfangreiche Begleitbuch ist ein Kompendium geworden, das mit hervorragenden Abbildungen und erklärenden Aufsätzen vermittelt, wie sich diese Kunstrichtung am Schnittpunkt von Malerei und Fotografie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. (Verlag der Buchhandlung Walther König. 399 S., zahlreiche Abb., 38 Euro)

Willibald Sauerländer: Von Bildern und Menschen

Der emeritierte Professor für Kunstgeschichte ist ein Sonderfall. Er gehört zu den ganz wenigen in seiner Disziplin, die auch journalistisch gearbeitet haben: Seit 1993 sind immer wieder Beiträge von ihm in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen. Knapp zwei Dutzend dieser Berichte hat er nun in einem Buch versammelt, und ganz gleich, ob er die „Grazie des göttlichen Malers“ Raffael bewundert oder die „feierliche Verlegenheit“ in einem Doppelporträt von Frida Kahlo notiert, der inzwischen 87-Jährige, der einst auch als Fremdenführer in Paris unterwegs war, verfügt über eine souveräne Kenntnis, die wohl nur noch von seiner immer wachen Neugier übertroffen wird. Respektvolles Fazit nach rund 200 Seiten: Ein Sprachartist meldet sich hier nicht zu Wort – aber allemal einer, der weiß, worüber er schreibt.
(C.H. Beck Verlag., 198 S., 22 Abb. 22,95 Euro)

Til-Holger Borchert, Antje-Fee Köllermann: Van Eyck bis Dürer. Altniederländische Meister und die Malerei in Mitteleuropa

Wie der künstlerische Austausch im Europa des 15. Jahrhunderts mit Jan van Eyck begann und mit Albrecht Dürer seinen Höhepunkt fand, illustriert dieser reich bebilderte Band, der zu einer Ausstellung in Brügge erschienen ist. Kundig und nachvollziehbar stellen die Autoren dar, wie die altniederländische Kunst die altdeutsche Malerei beeinflusst hat und wie dank weit reichender Handelsbeziehungen von Flandern über Köln, Nürnberg oder die Hansestädte künstlerische Impulse sogar bis nach Mitteleuropa weiter getragen wurden. Zudem konnten Künstler auf ihren Wanderschaften durch die verschiedenen Kunstregionen ihre Vorbilder studieren und in ihre eigene Bildsprache übertragen. Gemälde, Grafiken, Skulpturen und Objekte aus den großen europäischen und nordamerikanischen Sammlungen – in hervorragend gedruckten Abbildungen – zeugen eindrucksvoll von dieser kunsthistorisch so nachhaltigen gegenseitigen Beeinflussung.
(Belser Verlag. 410 S., 635 Abb., 59,95 Euro)

Frédéric Chaubin: CCCP – Cosmic Communist Constructions Photographed

Man kommt sich ein bisschen blöd vor, wenn man dieses Buch anschaut. Wie ahnungslos man doch ist in seiner Fixiertheit auf die westliche Moderne, auf Le Corbusier und das Bauhaus und ihre Epigonen. Dieses Buch zeigt spektakuläre Bauten des ehemaligen Ostblocks. Ein Sanatorium in Riga, eine Sportarena in Usbekistan, ein Akademiegebäude in Moskau: Die Sowjet-Moderne war verspielt und monumental, kühn und brutal. Sie lebte vom politischen Größenwahn und hatte doch einen erstaunlichen utopischen Charme, den der Fotograf Frédéric Chaubin in einem großformatigen Bilderbuch feiert.
(Taschen Verlag, 312 S., 49,99 Euro)

Dortmunder U – Zentrum für Kunst und Kreativität

Endlich ist das Dortmunder U weitgehend in Betrieb. Im Kulturhauptstadtjahr 2010 war das neue kreative Zentrum des Ruhrgebiets nur teilweise zugänglich gewesen. Drei Bände im Schuber liefern nun Material zur Architektur des Hauses, zum Angebot der verschiedenen Vereine und Veranstalter und zur Sammlung des Museums Ostwall, das im ehemaligen Brauereiturm eine neue Heimat gefunden hat – für Leute, deren Interesse über einen kurzen Besuch in dem imposanten Komplex hinausgeht.
(Kettler Verlag, jeder Band hat zwischen 150 und 170 S., je 19,90 Euro)

Adam Lindemann – Collecting Design

Das Sammeln von modernem und zeitgenössischem Design ist ein noch relativ neues Gebiet. Die Maßstäbe sind noch nicht so gesichert wie in der Kunst, die Szene ist noch überschaubar. Dieses Büchlein eignet sich ideal für Einsteiger: Lindemann lässt Sammler, Händler und prominente Trendsetter aus dem Nähkästchen plaudern. Aus den Aussagen der Experten ergeben sich dann auch etliche Tipps und Hinweise für den eigenen Einstig ins Sammeln; hinzu kommen ein Glossar sowie ein Kalender mit den wichtigsten Messen und Auktionen.
(Taschen Verlag, 300 Seiten, 39,99 Euro)

Gegeneinander wird Nebeneinander

Pieter Hugo - Köln
Gegeneinander wird Nebeneinander
Pieter Hugo zeigt seine Heimat Südafrika als schizophrenes Land – und die Galerie Priska Pasquer jetzt seine wichtigsten Serien. art-Autorin Sandra Danicke zu Besuch bei einem der bildgewaltigsten Fotokünstler unserer Zeit.

Mit seinen Furchen und Narben im Gesicht, mit der brennenden Kippe im Mund und dem aufgeknöpften Hemd sieht er aus wie ein schwarzer Keith Richards. Vor ­allem aber ist es der herausfordernde Blick, der dafür sorgt, dass man kaum wegsehen kann. »Das ist Shaun Oliver, ein Obdach­loser«, erzählt Pieter Hugo, in dessen Atelier in Kapstadt das überlebensgroße Porträtfoto an der Wand hängt. »Den trifft man immer hier in der Gegend. Manchmal hilft er mir beim Putzen.«

Früher reiste Hugo als Fotojournalist für das "New York Times Magazine" oder den
"Guardian" in Krisengebiete. Dann wurde er als Künstler mit Fotos bekannt, die Außergewöhnliches, auch Erschreckendes zeigen, etwa Nigerianer, die mit Hyänen durchs Land ziehen oder Tagelöhner, die ihren Lebensunterhalt auf einem Müllplatz in Ghana verdienen (siehe art 6/2010). "Meist war ich außerhalb Südafrikas unterwegs", sagt der Künstler. Vor wenigen Jahren jedoch begann er, sich mit seinem Heimatland auseinander­zusetzen, mit den Wunden, die die Apartheid geschlagen hat, und die heute, nach 20 Jahren Demokratie, immer noch die südafrikanische Gesellschaft prägen. Mit den Menschen, die mehr schlecht als recht in den Townships an den Rändern der Großstädte leben, mit Wohnsitzlosen und Angestellten, die ihm fast täglich über den Weg laufen und jenen, die ihm vertraut sind: seine Frau, seine Eltern, seine Kinder.

"Südafrika ist so ein zerbrochenes, schizophrenes Land", erzählt Hugo, der 1976 in Johannesburg geboren wurde, aber fast sein ganzes Leben in Kapstadt verbracht hat, einer Stadt, die als eine der schönsten der Welt gilt und zugleich mit großer Armut und einer hohen Kriminalitätsrate zu kämpfen hat. "Früher war mir das egal, aber als vor vier Jahren meine Tochter geboren wurde, habe ich darüber nachgedacht, von hier fortzugehen." Er blieb. "Wir sind ein Teil dieser Geschichte, deshalb sollten wir auch Verantwortung dafür übernehmen", findet Hugo. Eigentlich sind wir zu einer Rundfahrt durch Kapstadt verabredet, doch am Vortag haben Jugendliche die Scheiben seines Autos eingeschlagen.

Direkt ins Gesicht

Jetzt sitzen wir zwischen Plattenkisten mit Independent-Musik und einem Lautsprecher, auf dem ein Totenkopf steht. "Den habe ich in Amsterdam gekauft", sagt Hugo und lacht. "Ich wollte das übliche Schema – Anthropologen graben etwas in ­Afrika aus und bringen es nach Europa – einfach mal umdrehen." Eine Wand ist mit Prints seiner neuen Serie "Kin" gepflastert: eindringliche, intime Porträts von Menschen, die dem Betrachter fast immer direkt ins Gesicht zu blicken scheinen. Schwarze und Weiße, solche mit und ohne Besitz; die meisten wurden dort fotografiert, wo sie leben. "Das hier ist Louis Matanisa", der Künstler zeigt auf das Foto eines jungen Schwarzen, der mit freiem Oberkörper auf einem Bett mit geblümter Tagesdecke posiert.

"Er wohnt in einem Haus hier um die Ecke." Matanisa ist ein Musiker aus Simbabwe, der illegal über die Grenze geflüchtet ist. Jetzt lebt er in einem Obdachlosenasyl mit 22 Menschen in zwei Räumen. "Und das ist meine schwangere Frau", sagt er, und deutet auf eine Nackte, deren gerundeter Leib geradezu altmeisterlich in geheimnisvolles Licht gehüllt ist – ein Bild, das schonungslos jeden Pigmentfleck zeigt und zugleich – wie alle diese Fotografien – von großer Anmut und Poesie ist. Er habe viel von August Sander gelernt, erzählt Hugo: "die Sparsamkeit der Mittel, Direktheit, Anspruchslosigkeit". Doch während der Fotopionier seinen Modellen neutral gegenübertrat, spricht aus Hugos Bildern stets eine große Zuneigung.

"Dieser Ort ist ein Magnet für Freaks"

Dann brechen wir doch noch auf. Hugos Frau hat ihr Auto zur Verfügung gestellt. Der Künstler fährt an Orte, die man in keinem Touristenführer findet. Zum Beispiel den Parkplatz von Milnerton Beach, einem der weniger glamourösen Strände in Kapstadt. Hier empfängt uns eine minderjährige Bikini tragende Parkplatzanweiserin in Miley-Cyrus-Pose mit herausgestreckter Zunge. Wir laufen weiter Richtung Strand, wo ein Hula-Hoop-Kurs klatschend im Kreis hüpft. Ein Mann ohne Zähne lehnt an einer Mauer und beobachtet das seltsame Treiben. "Dieser Ort ist ein Magnet für Freaks", sagt Pieter Hugo, während wir an einem Leuchtturm vorbeikommen, in dem man vor drei Jahren einen menschlichen Schädel gefunden hat. Wir ­suchen Daniel, einen zutätowierten Straßenstricher mit stechenden grünen Augen. Auf dem Porträt, das Hugo 2013 von ihm gemacht hat, sieht er furchteinflößend und verletzlich zugleich aus, so schön und brutal wie das Land, in dem er lebt.

Wir haben ihn verpasst. Stattdessen zeigt Hugo auf einen Busch, den ein Wohnsitzloser in eine Garderobe umfunktioniert hat: ein lustiger, ein gnaden­loser Anblick.
Wir fahren weiter entlang der Westküste durch Viertel, die Rugby und Brooklyn heißen, vorbei an baufälligen Häusern, Puffs, Drogendealern und Menschen, die am Straßenrand campieren. Vor einem Sexshop namens Hanky-Panky schieben zwei Männer eine alte Waschmaschine über den Bürgersteig. Ein verknittert aussehender Herr mit Koffer wandert unverdrossen die Schnellstraße entlang. Eindrückliche Motive, die man übersähe – wäre da nicht Pieter Hugo mit seinem wachsamen Blick.
"In Deutschland könnte ich keine Fotos machen", sagt der Südafrikaner. "Da gibt es rein gar nichts, was mich visuell stimuliert."

"Pieter Hugo – Corporeality"

Bis 11. April 2015 in der Kölner Galerie Priska Pasquer


Parallel zeigt auch die Pariser Fondation Henri Cartier-Bresson noch bis zum 26. April Arbeiten von Pieter Hugo.


Das Buch zur Serie "Kin" ist bei Aperture erschienen und kostet 85 US-Dollar.
http://priskapasquer.com/

Gegeneinander wird Nebeneinander:Pieter Hugo porträtiert Südafrika
Köln
Fotografie
79315
Display author information

Pieter Hugo muss nicht inszenieren. Seine Heimat Südafrika inszeniert sich selbst – und der Fotograf schaut hin: "Dike Ngube and Gold Gabriel", Enugu, Nigeria, aus der Serie "Nollywood", c-print, #PH029

Magie der Bilder. Das Magnum Archiv

Haben Fotografien eigentlich im Zeitalter der Computer und solcher Hexereien wie Photoshop ihre Glaubwürdigkeit verloren? Schwierige Frage und noch schwieriger zu beantworten – aber mit welcher Überzeugungskraft sie Auge und Gehirn immer noch beeindrucken können, beweist jetzt ein weiteres Mal ein Sammelband mit Aufnahmen der 1947 gegründeten und bis heute aktiven Foto-Agentur „Magnum“. Zwar kommt der ziegelschwere Wälzer unsinnigerweise als Jahrbuch (mit minimalen Informationen) daher, aber das tut der Wirkung dennoch keinen Abbruch: Die Bilder von Robert Capa, Henri Cartier-Bresson und über 70 weiteren Gesinnungsgenossen zeigen aufs Eindringlichste, wie aus „der Neugier an dem, was in der Welt geschieht, und dem Wunsch, all das visuell umzusetzen“ (Cartier-Bresson), große Kunst wird.
(Prestel Verlag. 752 S., 365 Abb. 29,95 Euro)

Doisneau: Mein Paris

Haben Sie Lust auf einen Spaziergang durch die Stadt an der Seine? Dann sei Ihnen dieser Bildband empfohlen. Der französische Meisterfotograf Robert Doisneau (1912 bis 1994) war der Flaneur mit der Kamera. In und auswendig kannte er die Stadt, liebte sein Paris und hielt Momente ihres alltäglichen Zaubers in unzähligen Aufnahmen fest. 600 Aufnahmen haben seine Töchter für diesen Band ausgewählt. Sie alle erzählen kleine Geschichten des Tages und der Nacht aus den Jahren 1940 bis 1970. Darunter auch eindringliche Bilddokumente von der Besetzung und Befreiung der Stadt im Zweiten Weltkrieg, die Doisneau als Fotograf der Résistance dokumentierte. Entstanden ist ein sehr poetisches Paris-Porträt von den kleinen Gassen bis in die großen Ballsäle der Metropole. Tagebuchnotizen und Kommentare des Fotokünstlers liefern Einsichten in eine so nahe und doch schon verklungene Zeit.
(Schirmer Verlag. 400 S., 600 Abb., 29,80 Euro)

Silke Kettelhake: Renée Sintenis – Berlin, Boheme und Ringelnatz

An der Berliner Autobahn steht an der Stadtgrenze im Süden ein Bronzebär, der die Besucher willkommen heißt. Fast jeder hat ihn schon mal gesehen, oder kennt ihn als Wahrzeichen der Hauptstadt. Dass er von der Künstlerin Renée Sintenis stammt, wissen nur wenige. Die Journalistin Silke Kettelhake hat das Leben dieser Bohemienne aus den „Goldenen Zwanzigern“ in einer spannend zu lesenden Biografie nachgezeichnet. Aufgewachsen im märkischen Neuruppin, kam sie 1905 als Siebzehnjährige mit ihrer Familie nach Berlin, wo sich die androgyne junge Frau mit Bubikopf und Zweireiher bald in der Kunstszene einen Namen machte, unterstützt von ihrem Galeristen Alfred Flechtheim und ihren Künstler- und Dichterfreunden Ernst Barlach, Joachim Ringelnatz und Rainer Maria Rilke. Doch die Naziherrschaft bedeutete einen jähen Wendepunkt für die Halbjüdin, sie wurde aus der Akademie der Künste ausgeschlossen, überlebte aber die Kriegsjahre in Berlin, wo sie einsam 1965 starb. Mit ihrem sensiblen Porträt der Sintenis gelingt der Autorin auch ein schillerndes Bild des Berliner Kulturlebens in den zwanziger Jahren.
(Osburg Verlag. 480 S., mit Abb., 22,90 Euro)

Benjamin Katz: Photographien

Über siebzig ist er inzwischen, seit gut fünf Jahrzehnten arbeitet er mit der Kamera, und weil er sich in dieser Zeit fast unentwegt in der Kunstszene umgetan hat, ist Benjamin Katz zu ihrem beharrlichsten und genauesten Chronisten geworden. Aufmerksam und einfühlsam – und die Leica immer zur Hand – hat er verfolgt, wie Künstler, Galeristen und Museumsleute arbeiten, sich treffen und feiern, und wenn er es auch mittlerweile ruhiger angehen lässt – seinem nimmermüden Interesse ist es zu verdanken, dass viele seiner Zeitgenossen nicht nur mit ihren Arbeiten sondern auch mit ihrem Gesicht bekannt geworden sind. Dass sein Spektrum allerdings weit darüber hinaus reicht, dokumentiert dieser (leider viel zu schmale) Band, der auch etliche Stillleben und Landschaftsaufnahmen zeigt und in drei Aufsätzen das Werk von Benjamin Katz würdigt.
(Wienand Verlag. 160 S., 155 Abb., 19,80 Euro)