Adam Szymczyk - Kommentar

Sphinx im Massanzug

Adam Szymczyk bleibt trotz seiner langjährigen Erfahrungen als Kurator für Überraschungen gut.
Solide Überraschungen:Kommentar zu Adam Szymczyk

Adam Szymczyk, neuer künstlerischer Leiter der documenta 14, in der Documenta–Halle in Kassel

Adam Szymczyk bringt alle Voraussetzungen für seinen neuen Job als documenta-Leiter mit. Kann er Überraschungen liefern?

Als im Dezember 2008 durchsickerte, dass die Amerikanerin Carolyn Christov-Bakargiev die documenta 13 leiten würde, musste sie der deutschen Öffentlichkeit erst einmal vorgestellt werden: Carolyn... Who? Die Chefkuratorin des Castello di Rivoli in Turin war bis dahin nur dem harten Kern des internationalen Kunst-Jetset ein Begriff. Mit Adam Szymczyk, ihrem Nachfolger, liegen die Dinge etwas anders.

Spätestens seit der 1970 im polnischen Piotrków geborene Autor und Kurator 2008 gemeinsam mit Elena Filipovic die Berlin Biennale leitete, kennt man Szymczyk hier. Und wenn sich die ganze Kunstwelt einmal jährlich in Basel auf der Messe trifft, gehört für die ewig Neugierigen ein Abstecher in die von Szymczyk seit 2003 geleitete Kunsthalle traditionell dazu. So erscheint Szymczyk fast schon als ideale Wahl für den d14-Posten: Er ist als Mitbegründer der renommierten Foksal-Gallery-Foundation in Warschau – also biografisch mit Osteuropa verbunden, dessen Avantgarde-Traditionen erst nach dem Fall des eisernen Vorhangs allmählich in den westlichen Ausstellungsbetrieb integriert wurden und – wichtig – immer noch für Entdeckungen gut sind. Man darf Szymczyk deshalb Sensibilität für die "Peripherie" unterstellen. Gleichzeitig ist er kein Außenseiter. Im Gegenteil: In Basel pocht ja das dunkle Markt-Herz der Kunstwelt. Durch die Berlin-Biennale-Erfahrung dürfte er zudem eine Ahnung von den Untiefen haben, welche Blockbuster-Veranstaltungen wie die documenta so mit sich bringen. Es gibt schon Leute, die deshalb meinen, Szymczyk sei so solide, er könne gar nichts Überraschendes liefern. Doch die könnten sich irren.

Die Weltkunstschau in Kassel beginnt erst am 10. Juni 2017: so lange hat der neue Leiter Zeit, sein Konzept zu entwickeln. Und so lange darf man nun über das spekulieren, was da kommt. In Berlin jedenfalls schneiderte er 2008 mit "When Things Cast No Shadow" eine Biennale, die erst einmal intellektuell und spröde wirkte und doch saß wie ein Maßanzug: Szymczyk und Filipovic gingen auf Brachen, die es heute nicht mehr gibt. So bespielten sie die Neue Nationalgalerie, den Moderne-Tempel von Ludwig Mies van der Rohe, was passte, weil viele junge Künstler damals die Moderne zitierten. Mit der Produktion eines ausufernden täglichen Veranstaltungsprogramms nahmen sie die Festivalisierung von Messen und Biennalen vorweg. Spätestens seither haben große Ausstellungen Prozesscharakter. Sie entwickeln sich ständig weiter. Szymczyk, der mit seinen schmal geschnittenen Anzügen immer ein bisschen so aussieht, als sei er gerade eben aus einem Bild von Robert Longo gefallen, gehört nicht zu der Sorte Kuratoren, die mediale Öffentlichkeit suchen: Sein Lächeln hat etwas sphinxhaftes, die Statements sind karg, er lässt sich ungern in die Karten schauen und liebt die Rolle des geräuschlosen Strippenziehers. Geschadet hat es ihm jedenfalls nicht. Szymczyk darf nun die wichtigste Ausstellung der Welt kuratieren: höher kann man in der Gegenwartskunst nicht steigen.

documenta 14

10. Juni bis 17. September 2017
http://d14.documenta.de/de/