Engel-Wettbewerb - Dresden

Ein Engel flog durchs Internet

Die Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister ruft einen Wettbewerb um Raffaels berühmte Sixtina-Engel aus und stellt die Siegerentwürfe in der Webplattform Second Life vor. Eintritt nur für Avatare
Weihnachtliches Flügelschlagen:Die schönsten Sixtina-Engel

Die Engel aus Raffaels Gemälde "Die Sixtinische Madonna" (1512/13)

Die größte Marketingkampagne der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) läuft seit etwa 200 Jahren. Damals nämlich entdeckten die Romantiker Raffaels Gemälde „Die Sixtinische Madonna“ (1512/13) für sich und erhoben es zur Ikone. Immer mit von der Partie waren die beiden molligen Engel, die zu Füßen der hohen Dame aus dem Wolkenflaum blicken. An Bekanntheitsgrad haben sie ihre Herrin jedoch längst übertroffen, zieren sie doch weltweit ein respektables Souvenir- und Warensortiment zwischen Kaffeetopf und Bettwäsche. Die wenigsten Käufer solcher Produkte, ob in Rom oder Washington, wissen freilich um den sächsischen Standort der geflügelten Sympathieträger.

Das müsse sich ändern, fand Andreas Henning, Kurator für italienische Malerei an den SKD. Endlich einmal müsse das historisch angelegte Marketing der Dresdner Galerie selbst zunutze kommen. Henning sammelt seit Jahren Engelsartefakte zwischen Kitsch und Kunst in seinem Büroschrank. Er war es auch, der auf die Idee kam, die Madonnenengel und deren schöpferischen Ge- und Missbrauch zum Gegenstand eines Wettbewerbes zu machen. Wer spürt die besten existierenden Engelsideen auf oder erfindet selbst eine neue Verwendung für das pausbäckige
Gespann?

Der Schauplatz des Wettbewerbs allerdings ist ebenso virtuell wie die himmlische Szene auf dem Gemälde: Verfahren wie auch die Preisträgerausstellung fanden im Internet statt. Genauer gesagt innerhalb des Second-Life-Auftritts der Gemäldegalerie Dresden, der schon seit 2007 als originalgetreue räumliche Nachbildung des Museums im Netz steht. Dort findet man – wie beim wirklichen Museumsbesuch – alle Gemälde brav an Ort und Stelle, auch ein Audioguide steht zur Verfügung und seit 1. Dezember nun im Garderobenfoyer die Präsentation „The curious life of the Dresden Cherubs“ mit den elf ausgewählten Siegerarbeiten.

Avatare unterwegs beim Kunstbummel

Eine Jury, der neben Andreas Henning und der Museumspädagogin Claudia Schmidt noch der Webdesigner Stephan Keisers und der Second-Life-Communitymanager Silvio Remus angehörten, entschied über etwa 60 Einreichungen. Um jetzt an den Werken vorbeiflanieren zu können, loggt man sich in die globale Second-Life-Plattform ein und wird als Erstes aufgefordert, sich ein persönliches Erscheinungsbild zu schneidern. Von Nasenform über Hüftumfang bis zur Schuhgröße, können hier Schönheitsträume verwirklicht werden, bevor man das Galeriegebäude vom virtuellen Zwingerhof her betritt.

Auf dem Weg ins Erdgeschoss, der natürlich mit Engelshinweisen markiert ist, trifft man bereits auf die eine oder andere fantastische Besucherfigur: Avatare unterwegs beim Kunstbummel. Als Erstbesucher wird man auf Kontaktaufnahmen dieser Wesen hin noch verstört oder ablehnend reagieren – zu wackelig ist die Navigation des eigenen Avatars bis zum Ort des Geschehens. Vor den Werken angelangt, wird schnell klar, dass der ganze Engelswettbewerb ein Riesenspaß ist, bei dem man hohe Kunst vergeblich sucht.

Aber dafür befindet man sich ja auch im Kellergeschoss des Kunsttempels und außerdem sind die beiden Hauptpersonen jahrhundertelange Verkitschungen gewohnt. So hat sich im litauischen Kaunas jemand ein Engelsrelief an die Hausfassade gesetzt und jemand anderes hat seine beiden Kinder engelhaft ins Bild gesetzt. Daneben personifizieren zwei Plüschhunde das Cherubimduo, Titel „Wang Wang“. Das sei chinesisch für „Wau Wau“ erklärt Kurator Henning ernsthaft. Diese Variante sei besonders interessant, da hier jemand die Funktion der Himmelsboten als Liebesboten erkannt und sie seiner fernen Angebeteten geschickt habe. Aha. Das nennt man dann Ikongrafie.

Engel-Zwiegespräch auf Sächsisch

Die drei schönsten Videobeiträge sind an einer anderen Wand durch Klicks zu aktivieren: Der Schutzengel-Werbespot eines bekannten Autokonzerns ist dabei und ein animiertes Zwiegespräch der beiden offensichtlich gelangweilten Flügelwesen auf Sächsisch. Am gelungensten ist zweifellos der Film von Schülern einer Förderschule für geistig Behinderte aus Borken. Die Kinder haben das Motiv ganz verschieden zeichnerisch interpretiert und Lehrer daraus einen fröhlichen Film produziert. Nach Besichtigung der Siegerentwürfe darf freilich ein Besuch vor dem Original nicht fehlen. Dafür steuere man seinen Avatar (jetzt schon etwas sicherer) ins erste Obergeschoss und pausiere andächtig vor der sixtinischen Madonna.

Besser als Kunstgeschichtsbuch

Für Andreas Henning steht jetzt schon fest, dass der Second-Life-Auftritt der Galerie auch insgesamt ein großer Erfolg ist. Damit wird eine junge Zielgruppe erreicht, die sonst mit Kunst nicht viel zu tun habe und nach unterhaltsamen Abenteuern in virtuellen Gefilden sucht. Mittlerweile hat sich bereits ein veritabler Freundeskreis der Galerie gebildet, der sogar eine eigene Website betreibt. Manchmal begegnet der Community-Manager Silvio Remus bei seinen abendlichen Netzstreifzügen Studentengruppen aus dem fernen Ausland, inklusive vor den Gemälden dozierendem Professor.

Insofern ist das Second Life eine Alternative zum dicken Kunstgeschichtsbuch und dessen statischen Abbildungen. Im Gästebuch finden sich Einträge, in denen bereits Dresden-Besuche geplant werden. Hier ist offenbar auch ein fundierter Austausch im Gange und die Avatare bekommen Appetit auf die Wirklichkeit. Remus schwärmt noch vom Eröffnungsevent am 1. Dezember: Hier traf sich die virtuelle Fangemeinde von Galerie und Engelswettbewerb im Gobelinsaal des Museums, um einem Auftritt der Sängerin Jaynine Scarborough (im wirklichen Leben Juliane Gabriel) beizuwohnen, die aus ihrem Berliner Studio einen Livestream in Netz speiste. Etwa 60 seltsam gewandete Besucher hatten sich versammelt, um das Engelsspektakel im Web zu zelebrieren. Bis April wird die Ausstellung noch zu sehen sein – Zeit genug, um sich eine eigene Identität in dieser – nicht nur spaßigen – Scheinwelt zusammenzuklicken. Teleport now!