Gallery Weekend – Highlights 2009

Bier statt Champagner

Wer war schuld? Die Sonne? Oder die Krise? Das Gallery Weekend in Berlin hatte diesmal deutlich weniger Besucher als noch vor einem Jahr, als man sich in manche Galerien regelrecht hineindrängeln musste. Trotzdem war die Veranstaltung ein Erfolg.

Diesmal konnte man locker durch die Räume schlendern, der große Kunst-Hype der letzten Jahre scheint einer neuen Nüchternheit gewichen zu sein. Unangenehm war das allerdings ganz und gar nicht: Überall sah man entspannte Gesichter, auch bei den Galeristen. Statt Champagner fließt jetzt eher Bier, in einer Galerie in der Lindenstraße wurde sogar Whiskey ausgeschenkt: Getränke, die ganz gut zur neuen Lage passen. Das in letzter Zeit viel beschworene Interesse an der ernsthaften Auseinandersetzung mit Kunst – vielleicht existiert es wirklich. Dass sich das Besucherinteresse abgekühlt hatte, ist aber sicher auch dem strahlenden Frühlingswetter zuzuschreiben: Mancher fuhr lieber ins Grüne, als rastlos durch meist geschlossene Räume zu tigern. Dabei gab auch außerhalb der Galerien viel Kunst zu erleben. Eine kleines, unvollständiges Protokoll eines sonnigen Berliner Kunst-Wochenendes.

Donnerstag Abend, Rosa-Luxemburg-Platz

Auch in diesem Jahr nutzten junge Künstler, die (noch) nicht von den großen Galerien gezeigt werden, das Gallery Weekend für eigene kreative Interventionen. Eine der spannendsten konnte man in einer Etagenwohnung in der Rosa Luxemburg-Straße besichtigen. Markus Draper hatte Künstlerfreunde zur Gruppenausstellung gebeten. Den Titel „Full of Emptiness“ entlehnte er einem Donna-Summer-Song. In der Leere einer teilsanierten Bel Etage trafen ungewöhnliche Künstlerpositionen aufeinander: Suse Webers blaues „Individuum“ aus PVC-Hohlkammerplatten bewacht eine braune Oberflächenstudie von Eberhard Havekost; Frank Nitsches Turm aus Bierdosen und Aufklebern entzieht sich der Sogwirkung eines Draper-Videos, in dem Latten und Ateliermüll von einem schwarzen Loch geschluckt und dann wieder ausgespuckt werden. Wie reizvoll das Bespielen leer stehender Wohnungen sein kann, zeigte die Teilnehmerliste mit bekannten Namen wie Andreas Hofer, Tatjana Doll, David Shrigley und Robert Kusmirowki.

Donnerstag Abend, Martin-Gropius-Bau

Auf der Eröffnung der nationalen Jubelschau "60 Jahre" zum Verfassungsjubiläum im Gropiusbau lobt Kai Diekmann, Chefredakteur der "Bild" die ebenfalls anwesende Kanzlerin Angela Merkel für ihren Einsatz um die Leihgabe des Beuys-Filzpianos in höchsten Tönen. Merkel habe beim Nato-Gipfel Anfang April bei Nicolas Sarkozy erfolgreich für die Ausleihe des eigentlich als unentleihbar geltenden Exponats aus dem Pariser Centre Pompidou geworben. In der nachfolgenden Rede retourniert Merkel auf gewohnt trockene Weise, in dem sie den Bild-Mann für die "Bild"-typische Wahrheitsnähe lobte, um dann doch richtigzustellen, dass sie Sarkozy nicht beim Nato-Gipfel in Strasbourg, sondern beim darauffolgenden EU-Treffen in Prag auf das Kunstwerk angesprochen habe: "Ich darf sagen, Herr Diekmann hat nahezu alles richtig erzählt, es war nur in Prag – und nicht in Strasbourg – einen Tag später."

Freitag Nachmittag, Kreuzberg

38 Galerien waren diesmal offiziell am Gallery Weekend beteiligt, so viele wie nie zuvor. Andere Galerien nutzen die Aufmerksamkeit: Allein in Kreuzberg, wo sich in den letzten Jahren ein neues Zentrum gebildet hat, wurden am Freitag rund hundert Ausstellungen eröffnet. Das Spektrum war breit: Bei Jablonka waren Stierkampfbilder des Amerikaner Eric Fischl zu sehen, bei Arndt und Partner präsentierte Ralf Ziervogel eine neue Installation aus Zeichnungen und Skulpturen, und auch neue Entdeckungen waren möglich: Etwa der junge Installationskünstler Simon Schubert, der bei Upstairs Berlin einen begehbaren Raum gestaltete, der in seinem fremdartigen Glanz an Filme von Stanley Kubrick oder David Lynch denken ließ. Bei Klosterfelde waren Arbeiten der kürzlich gestorbenen Konzeptkünstlerin Hanne Darboven zu sehen, Volker Diehl zeigte zarte Porträts japanischer Frauen der Fotografin Frauke Eigen. Enttäuschend die neuen Bilder von André Butzer bei Max Hetzler und bei Baudach – bad painting der banalen Art.

Freitag Abend, Charlottenstraße

Während auf den Berliner Mai-Demonstrationen mal wieder Farbbomben flogen und später abends in Kreuzberg Molotowcocktails, hing in der Galerie Thomas Schulte ganz friedlich eine „Dirty Bomb“. Die Skulptur des US-Künstlers Iñigo Manglano-Ovalle ist ein maßstabsbetreuer Nachbau der zweiten Atombombe, die die Amerikaner 1945 auf Nagasaki abwarfen – mit verheerenden Folgen. Manglano-Ovalles Modell ist blütenweiß lackiert, vorn dekorativ mit Matsch bespritzt wie die SUVs trendbewusster Autofahrer und liefert in seiner stillen Präsenz ein beeindruckendes Statement zur perversen Ästhetik von Massenvernichtungswaffen.

Freitag Abend, janz Berlin.

"Grill Royal" war gestern. Diesmal servierten die Galeristen ihren Gästen lieber selbstgegrillte Würstchen. Wo man auch hinkam, brutzelte es auf dem Holzkohlegrill: Jan Wentrup hatte zur Vernissage von Gregor Hildebrandt hinter der Galerie Bierbänke und Schwenkgrill aufgebaut, auf der Terasse des Schinkelpavillons (Ausstellung: Mandla Reuter) wendete Stefan Landwehr höchstpersönlich die Bratwürste, Johann König lud anläßlich der Ausstellungseröffnung von Annette Kelm zur Grillparty in den Hof der Kunstwerke, bei den Hallen am Wasser waberte der Grillgeruch durch die Frühlingsluft und selbst auf dem schicken Gala-Dinner in der Neuen Nationalgalerie wurden Frikadellen, Schmalzbrote und gegrillte Schweinshaxe serviert.

Freitag Nacht, Galerie Giti Nourbakhsch

"Das Programm von Giti Nourbakhsch ist ja in letzter Zeit auch sehr esoterisch", sagt eine Kunstmarktjournalistin neben uns. Es ist Freitagnacht kurz vor eins, wir stehen auf dem Hof der Galerie und sehen der Galeristin dabei zu, wie sie gemeinsam mit der Performance-Truppe der britischen Exzentrikerin Spartacus Chetwynd in buntbesprenkelten Bettlaken-Kostümen zu ohrenbetäubenden Techno-Improvisationen einen wilden Veitstanz aufführt. Als wir kurz darauf den Heimweg antreten, beobachten wir, wie aus der Altberliner Eckkneipe nebenan verdatterte Leute ins Freie kommen um herauszufinden, woher die merkwürdigen Geräusche kommen. Sie bewegen sich sehr vorsichtig auf das große schwarze Metalltor zu, hinter der sich die Galerie verbirgt.

Samstag Mittag, Strausberger Platz

Am Straußberger Platz, wo die Karl-Marx-Alle sich zu einer grandiosen Anlage mit Brunnen öffnet, und wo einst Musterwohnungen für DDR-Bürger gebaut worden, haben sich einige Galerien neu angesiedelt. Ein kleiner Rundgang am Samstagmittag, wo die meisten von ihnen noch menschenleer sind: Die Sammlung Haubrock zeigt eine kleine, von Jonathan Monk kuratierte Schau mit konzeptuellen Arbeiten; Gisela Capitain feiert in den lichtdurchfluteten Räumen von "Capitain Petzel" einmal mehr ihren Epochenkünstler Martin Kippenberger; Adamski zeigt eine Klang- und Rauminstallation von "Ovalprocess", in der Click- und Summklänge aus Computern zu Minimal Music verarbeitet werden. Vielleicht die schönsten Räume hat die Galerie Ben Kaufmann, sie sind aus DDR-Zeiten teilweise noch holzvertäfelt; hier sind Bilder von Hansjörg Dobliar zu sehen. Eine seltsam stille Atmosphäre herrscht an diesem Platz zwischen den Monumentalbauten; normalerweise siedeln sich Galerien lieber im Kiez an, hier wirken sie ein wenig verloren im Niemandsland zwischen Mitte und Friedrichshain.

Samstag Nachmittag, Mitte

Der monströse Bau für Görings Luftfahrtministerium an der Ecke Leipziger Straße und Wilhelmstraße, heute genutzt vom
Bundesfinanzminsierium, ist ein echter Hingucker. Auf der Maydayparade am Vortag wurde das Gebäude mit Farbeiern beworfen. Die Farben sehen frisch und strahlend aus. Ästhetisch gesehen sind die Autonomen voll auf der Höhe der Zeit. Der Effekt auf die staunenden Autofahrer ist ähnlich wie der auf die Passanten, die das Gebäude neben Heiner Bastians Chipperfield-Haus an der Museumsinsel bestaunen, wo unbekannte Street-Art-Künstler Einschusslöcher an der Fassade mit bunten Legosteinen "verputzt" haben.

Samstag Nachmittag, Perez Projects, Schlesische Straße

Zu den Stargästen des Gallery Weekends zählte zweifellos Terence Koh. Der New Yorker Bad-Boy-Künstler steht für Glamour, Koks und Skandalkunst. So weiß wie seine Lieblingsdroge sind auch seine Kunstwerke. Bei seinem Berliner Galeristen Javier Perez zeigte er diesmal allerdings nur eine ziemlich brave Arbeit, die schon im letzten Jahr auf der Yokohama-Triennale zu sehen war: Der verschleierte "Kohbunny" – eine menschliche Figur mit Hasenohren – ist mit zerstoßenen Kunstperlen beklebt und steht ziemlich verloren auf einem weißen Sockel in dem turnhallengroßen Ausstellungsraum. Ein zweiter Sockel daneben bleibt leer. In Yokohama hatte Koh dazu noch eine Performance geliefert. Dazu fehlte ihm diesmal wohl die Energie.

Samstag Abend, Neue Nationalgalerie

Wer hätte das gedacht: Mies van der Rohes modernistischer Glaspalast hat schon so manchen Kurator zur Verzweiflung getrieben, weil er zwar schön anzusehen, aber sehr schwer mit Kunst zu bespielen ist. Zum Gallery Weekend hat er kurzzeitig seine wahre Bestimmung gefunden – als eleganter Party-Pavillon. Während draußen die Sonne hinter der St. Matthäus-Kirche versank, versammelte sich das aufgekratzte Kunstvolk zur Happy Hour im Aquarium der Moderne. Gallery-Weekend-Impressario Michael Neff hatte kluger Weise auf eine feste Tischordnung verzichtet und statt dessen ein eklektisches Sammelsurium aus Stühlen, Sofas und Chaisse Longues aufgestellt. So ließ es sich zwanglos plaudern, networken oder einfach nur das Großstadtpanorama im Abendlicht bewundern. Auch der neue Hausherr Udo Kittelmann schien zufrieden. "Ich möchte das Haus öffnen für ungewöhnliche Aktionen", sagte er strahlend. Da darf man gespannt sein auf die Dinge, die noch kommen werden.

Sonntag Vormittag, Prenzlauer Berg, Studio Michel Majerus

Seit der Berliner Maler Michel Majerus bei einem Flugzeugunglück im November 2002 nur 33-jährig ums Leben kam, kümmert sich seine Galerie neugerriemschneider um den Nachlass. Aus Anlass des Gallery Weekends wurde nun das ehemalige Atelier des Künstlers in einem Hinterhof im Prenzlauer Berg erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Doch wer sich Erkenntnis darüber erhofft hatte, in welchem Umfeld Majerus' großformatig-grelle Super-Mario-Leinwände entstanden, der sah sich enttäuscht. Der cleane Showroom der die neugierigen Besucher erwartete, versprühte den aseptischen Charme der Gentrifizierung, den mittlerweile die ganze Nachbarschaft atmet. Und auch wenn in den Räumen außer den Bildern nichts mehr an den Künstler erinnerte: die Idee, genau dort einen Brunch zu veranstalten, entsprach nicht der Stimmung des Ortes.