Gib mir fünf! - Tipps der Woche

Die fünf Tipps der Woche

Jede Woche stellen wir Ihnen Kunst-Höhepunkte vor, die Sie sich nicht entgehen lassen sollten. art-Autorin Maja Hoock empfiehlt diese Woche Kreativität statt Bürokratie, relative Realität und Kunst im Kohlebunker.

Münster: Over and out. Strategien des Be- und Umnutzens sowie Ent- und Bewertens von Dingen und Zusammenhängen

Ende und aus. Mit dem Leerstand ist erst einmal Schluss. 13 Künstler, darunter Lars Breuer, Angela Fette, Sebastian Freytag, Marcel Hiller, Guido Münch, Sebastian Walter und deren Gäste, bespielen zwei sonst ungenutzte Räume in Münster.

Diese Orte wollen sie aktiv in die Ausstellung "Over and out" (bis 15. November) einbeziehen. Ein ehemaliges Verwaltungsgebäude ist nun also Kulisse und integrierter Teil der Gruppenausstellung zugleich. Es wirkt richtig befreiend, wenn Kunst in der sonst staubtrockenen Atmosphäre die Bürokratie ersetzt. Zwischen Lamellenvorhängen und Linoleumböden in gedecktem Grau erhebt sich fast trotzig eine kleine Mauer aus rotem Backstein. Die Bürolampen hängen lose von der Decke, endlich hat Kreativität die Ordnung des Amtes ersetzt. Der zweite Ausstellungsort ist eine offene Industriebrache am Hafen. Hier werden rohe Betonwände durch Sebastian Freytags Gestaltung plötzlich zu "Weltlandschaften". So wird auch der komplizierte Beiname der Schau klar: "Strategien des Be- und Umnutzens sowie Ent- und Bewertens von Dingen und Zusammenhängen" meint auch die Wiederbelebung vergessener Orte.

Berlin: Szenen und Spuren eines Falls. Die Berliner Mauer im Fokus der Photographen

"Wir waren das Volk." In riesigen weißen Buchstaben prangt der Satz auf einem Plattenbau. Regina Schmekens Fotografie zeigt sofort, worum es in der neuen Ausstellung der Stiftung Brandenburger Tor geht: Um den Mauerfall. 20 Jahre nach dem Ereignis präsentieren 21 Fotografen ihre besten Aufnahmen zum Thema. So sind wohlbekannte Motive wie Karsten de Rieses "Öffnung der Massantebrücke" von 1989, auf dem ein Mann mit einer Leiter über die Mauer in den Westen klettert, zu sehen. Aber auch neuere Arbeiten wie "Wir waren das Volk" von 1999 dokumentieren mal lustig, mal ernst und melancholisch Deutschland nach der Wende. Die Fotoausstellung wird am 2. Oktober in der Stiftung Brandenburger Tor eröffnet und kann bis zum 6. Dezember besucht werden.

Hamburg: Allen Jones. Showtime

Zirkusartistinnen im hautengen Anzug faszinieren schon seit Generationen. Auch Pop-Art Künstler Allen Jones, der seit den sechziger Jahren mit seiner erotischen Kunst für Aufsehen sorgt, interessiert sich sehr für die gelenkigen Damen. In der Ausstellung "Showtime" präsentiert der Brite schummrige Szenen aus Jazzlokalen, Zaubershows und Zirkusrevues. Die Arbeiten – hauptsächlich kleinformatige Ölgemälde – zeigen kurvenreiche, farbenfrohe Frauenfiguren auf der Bühne. Männer sind meist anonyme Zuschauer in Grau und Braun. So stößt die Artistin in "No Hands" einen gesichtslosen Herren im dunklen Anzug um; hinter der Schönen im hellblauen Catsuit auf der Arbeit "Tumble" stürzt ein Mann ohne Gesicht zu Boden. Auch in den zwei Meter hohen Stahlskulpturen wiederholt sich dieses Muster: Sie zeigen zwei tanzende Paare, wobei der Mann stets dunkel und seine Partnerin farbkräftig in Gelb- und Rottönen gestaltet ist. Jones verherrlicht so auf der einen Seite Frauen als besonders reizvoll, auf der anderen Seite reduziert er sie genau darauf. Der Künstler wurde mit lebensgroßen Figuren von Frauen in masochistischen Posen berühmt. Unter anderem gestaltete er damit die "Korova-Milchbar" in Stanley Kubricks "Uhrwerk Orange". "Showtime" wird am 5. Oktober eröffnet und ist bis zum 6. November in der Hamburger Galerie Levy zu sehen.

München: Fabian B. Larsson & Johann Lurf. Reality Breeds

Wie man seine Umwelt wahrnimmt, ist absolut subjektiv – "Realität" gibt es in diesem Sinne nicht. Fabian B. Larsson und Johann Lurf stellen die Natur in ihrer Gemeinschaftsausstellung "Reality Breeds" verzerrt, verschwommen oder aus völlig ungewohnten Blickwinkeln dar und spielen so mit der wohlbekannten Welt der Betrachter. Verschiedene Fotografien werden miteinander kombiniert; aus Vertrautem entsteht eine neue Welt. So wirkt ein heimischer Nadelwald durch ein Fischauge betrachtet und hell belichtet märchenhaft fremd. Auch Fabian B. Larssons Arbeit "Verwerfung" erzeugt gleichzeitig das Gefühl von Vertrautheit und Fremdheit. Die Arbeit ist eine Collage aus zwei unterschiedlichen Wäldern. Durch Risse in der einen Fotografie, die Bäume zeigt, scheint ein zweiter Wald in einer größeren Auflösung. So ergibt sich ein neuer Ort, den es in der "Realität" nie geben würde. "Reality Breeds" wird bis zum 30. Oktober in München in der "Lothringer 13" gezeigt.

Essen: Jochen Stenschke. Bilder im schwarzen Kasten

"Schwarzer Kasten" – damit ist wohl der Ausstellungsort gemeint. Denn die Kohlebunker im Essener Zollverein sind im Prinzip genau das: dunkle, hohe Räume. Außerdem sind sie UNESCO-Welterbe und bilden mit dunkelgrauen Wänden einen guten Kontrast zu Jochen Stenschkes farbintensiven Arbeiten. Der Maler präsentiert hier seine bis zu sechs Meter breiten Bilder mit abstrakt- geschwungenen Formen. Dabei verbindet er Stilrichtungen wie die Ornamentik des Islam mit modernen geometrischen Formen und abstrakten Figuren. In "Hirn-Claque" erstrecken sich Hunderte fein gezeichnete Fünfecke über die gesamte Fläche des Bildes. Je nach Blickwinkel wirkt das Penrose-Muster plastisch oder flach. Ein dicker blauer Balken durchstreift diesen pastellfarbenen Hintergrund harsch. Rechts davon dominieren weiche Figuren das Bild, zum Beispiel eine große Blase in Form eines Gehirns. "Die geometrischen Formen symbolisieren die konstruierte, starre Welt. Das Runde auf der anderen Seite stellt die organische, sich bewegende Welt dar", erklärt Stenschke. "Wie in dem Spruch von Francis Picabia: Der Kopf ist rund, damit die Gedanken die Richtung wechseln können." Die Schau "Bilder im schwarzen Kasten" wird bis 1. November in der Essener Kokerei Zollverein ausgestellt.