Sky Event - Berlin

Aufsteigen

So war es bei Otto Pienes Sky Event auf der Neuen Nationalgalerie – art berichtet.

Es ist bisher der heißeste Sommerabend in diesem Jahr. Ein Abend für Otto Piene. Der Künstler hat das Sky Art Event vorbereitet, dabei sein konnte er leider nicht.

Er starb plötzlich, am 17. Juli 2014, mitten in den Vorbereitungen für die Veranstaltung. Wenige Stunden vor seinem Tod war Otto Piene selbst erstmals auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie, um den Schauplatz für seine Luftskulpturen zu besichtigen. Er war voller Vorfreude. Die Architektur von Mies van der Rohe verehrte er. An diesem Abend sollte der Himmel zu seiner Bühne werden.

Bereits Mitte der fünfziger Jahre kehrte Otto Piene den klassischen Medien der Kunst den Rücken zu und begründete zusammen mit Heinz Mack die ZERO-Bewegung. Die Künstler der Gruppe ZERO experimentierten mit Licht, Rauch, Luft und Feuer. Elemente, die nicht messbar oder greifbar waren. Piene selbst entwickelte Rauch- und Feuerbilder, kinetische Lichtballette – und seine Sky Art Events.
Trotz der Hitze finden sich viele Besucher bereits gegen 17 Uhr bei der Neuen Nationalgalerie ein. Sie bestaunen die Technik, mit der zunächst riesige Schläuche mit Helium gefüllt werden, um dann an einer Seilbahn auf das Dach gezogen zu werden. Ein Bogen nach dem anderen wird auf den Mies-Bau gesetzt. Unspektakulär und faszinierend zu gleich.

Piene verlegte zahlreiche seiner Projekte jenseits von Galerie und Museum in den öffentlichen Raum. Ende der sechziger Jahre wanderte er in die USA aus und leitete in Boston ein Medienlabor für künstlerisch-optische Experimente. "Die große Zeit von Otto Piene, auch wenn man sich seine ganze Biografie anschaut, deutet daraufhin, dass er wirklich ein Visionär war," sagt Udo Kittelmann. Der Direktor der Nationalgalerie schwärmt von der Aktualität von Pienes Werk: "Es wird vielleicht in seiner ganzen Bedeutung heute erst erkannt. Die Arbeiten haben natürlich den Spirit einer anderen Zeit. Aber ich glaube, dass eine jüngere Generation diesen Spirit auch wieder anders und aktuell verstehen kann."

Immer mehr Besucher finden sich mit den Stunden ein. Die Menschen scheinen vorbereitet zu sein auf diesen Abend. Sie sitzen auf mitgebrachten Klappstühlen, Picknickdecken, fotografieren oder flanieren umher. Die Eroberung der Luft lässt den Raum unten zu einem Ort der Begegnung werden. Kunst verbindet doch. Selbst am Imbissstand spricht man über Piene. Und alle Leute blicken erwartungsvoll in eine Richtung. Die Kunsthistorikerin Christina Rosnersky erzählt, dass Pienes Werk sie durchs Studium und darüber hinaus begleitet hat. "Was ich faszinierend finde, dass er einer der prägenden Figuren war, die das Lichtkonzept in die Kunst gebracht haben. Er hat das auch in die Öffentlichkeit getragen."

Bei vielen schwingt Wehmut über den Tod des Visionärs Piene mit, aber alle sind überzeugt, es hätte ihm sehr gefallen. "Er war ein ganz beeindruckender Mann. Ich finde es sehr traurig, dass er so plötzlich gestorben ist, aber auf der anderen Seite finde ich es sehr schön, dass er bei der Eröffnung da sein konnte", sagt der Künstler Wilhelm Beestermöller. Wehmut auch bei Udo Kittelmann, der dankbar ist von "diesem jungen Geist" so viel gelernt zu haben. Mit Beginn der lauen Sommernacht findet sich kaum noch ein freies Plätzchen. Er habe damals als kleiner Junge von neun Jahren schon die gleiche Luftskulptur am Ernst-Reuter-Platz bestaunt, erzählt Christian Wichert. Deshalb ist er heute gekommen. Für ihn ist dieses Event typisch Berlin.

Als die Diashow um kurz vor 22 Uhr im Glasbau des Museums angestellt wird, ertönt ein Raunen. Aber der Höhepunkt des Events zieht sich nach hinten. Ein starker Wind in der heißen Sommernacht verhindert, dass Pienes riesige Sterne schon früher aufsteigen. Geduldig bleiben hunderte Menschen bis tief in die Nacht. Alle sprechen von der Schönheit und Vielschichtigkeit der Arbeit. Die Skulpturen verändern sich, sie schwingen im Wind, stetig entstehen neue Bilder am Himmel. An diesem Abend wird der Pionier Piene geehrt und die aufsteigenden weiß leuchtenden Sterne beklatscht. Und so war Otto Piene doch da, als seine Skulpturen aufstiegen. Er hat sich den Himmel erobert.

Otto Piene: More Sky

Ausstellungen von Otto Piene in der Neuen Nationalgalerie und der Kunsthalle der Deutschen Bank, Berlin
bis 31. August
http://www.ottopieneinberlin.de/

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