Gregor Schneider - Interview

Goebbels' Geburtshaus als Kunst?

Gregor Schneider kaufte das Geburtshaus von Joseph Goebbels im nordrhein-westfälischen Rheydt, um es abzureißen. Das Haus widersetzt sich allerdings seinem Vorhaben. Bis Schneider sein Ziel erreicht hat, wird das entkernte Haus als eine Art Blackbox oder Memento mori stehen bleiben. Er sieht es als künstlerisch-politisches Statement, verriet Schneider im Interview mit art. Ein Container mit Bauschutt des entkernten Hauses ist, nach Station in Warschau, jetzt auch vor der Volksbühne in Berlin zu sehen.
Goebbels' Geburtshaus als Kunst?

Gregor Schneider hat das Geburtshaus von Goebbels gekauft und sogar kurz versucht, darin zu wohnen. Er habe es dort aber nicht ausgehalten, "die Geschichten haben mich eingeholt", erzählt er im Interview

Herr Schneider, seit wann wussten Sie, dass Joseph Goebbels wie Sie in Rheydt geboren wurde?

Gregor Schneider: Dass er ein gebürtiger Rheydter ist, war allgemein bekannt. Er war einer der einflussreichsten und gefährlichsten Politiker während der Zeit des Nationalsozialismus.

ln Anbetracht von geschätzten 80 Millionen Kriegstoten, darunter sechs Millionen Juden, und der von ihm geplanten Pogrome kann einem diese Person nicht gleichgültig sein. Im Mönchengladbacher Stadtrat sitzt heute übrigens wieder die NPD, und in der Altstadt gibt es Aufmärsche von Ewiggestrigen. Bei dieser Intoleranz darf es keine Toleranz geben.

Wann haben Sie erfahren, wo Goebbels' Elternhaus steht?

Das war 2000, als ich zur Biennale nach Venedig eingeladen wurde, um dort den deutschen Pavillon zu bespielen, in dem Goebbels einst zwei Ausstellungen eingerichtet hat! Ich habe mir Fotos von Goebbels auf dem Balkon des Rheydter Rathauses angesehen – und dann recherchiert: Was hat Goebbels mit Rheydt zu tun? Goebbels beschrieb es selbst, wo er geboren wurde. Aber es ist auch in diversen anderen Texten von Zeitzeugen zu finden. Jeder hätte diese Texte finden können. Dass dies niemand gewusst haben will, hat mich auch ein Stück weit schockiert.

Das Haus steht in unmittelbarer Nähe zum Haus u r.

Ja. Ich habe mir auch nicht vorstellen können, dass das so nah ist. Das ist zirca 100 Meter Luftlinie von meinem Haus entfernt. Goebbels Geburtshaus liegt an der Odenkirchener Straße, der meistbefahrenen Hauptstraße. 2006 habe ich dann diese Straße in einem Pressetext zur Ausstellung "End" im Museum Abteiberg erwähnt. Das Stadtarchiv sagt, sie wüssten es auch erst seit 2006. 2010 tauchte die Adresse dann in der Goebbels-Biografie von Peter Longerich auf. Ohne Angaben darüber, ob dieses Haus noch existiert. Jetzt, nach der Veröffentlichung, sprechen mich viele darauf an, und es stellt sich heraus, dass es viele in Rheydt gewusst haben, nicht nur die Nachbarn. Man hat jedoch nicht darüber gesprochen. Inzwischen stelle ich mir manchmal die Frage: Bin ich vielleicht der Einzige gewesen, der es nicht gewusst hat?

Wie lange hat die Familie Goebbels das Haus bewohnt?

Nach meinen Recherchen mindestens drei, höchstens viereinhalb Jahre. Die Psychoanalyse geht heute davon aus, dass die Ursachen für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, wie sie bei Goebbels zweifelsfrei vorlag, zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr liegen. Bedeutet das, dass Goebbels' Störung in einem Zusammenhang mit diesem Haus steht? Goebbels hat bis zu seinem Suizid genau verfolgt, was mit seinem Geburtshaus geschah. Er hat das genau beschrieben. Etwa, dass er noch während des Krieges erfahren hat, dass vor seinem Geburtshaus eine weiße Fahne gehisst wurde (er konnte sich keinen Grund dafür vorstellen). In Absprache mit Hitler hat er Partisanen-Attentate gestartet. Er wollte den neuen OB der Stadt Mönchengladbach, Heinrich Vogelsang, ermorden lassen und an den Pfarrern ein Standgericht durchführen lassen. Der neue OB in Aachen wurde noch durch Partisanen-Attentate ermordet! Wie gehen wir mit den historisch belasteten Häusern um?

In Rheydt existiert ein weiteres Haus, in dem die Familie Goebbels später gewohnt hat, und es existiert das Gästezimmer im Schloss Rheydt, welches der damalige Direktor der Kunstakademie Düsseldorf, Emil Fahrenkamp, ihm eingerichtet und gestaltet hat. Dieses Geschenk wurde damals vor der Bevölkerung geheim gehalten, und es gab Überlegungen, ihm, dem damaligen Ehrenbürger, das Schloss zu schenken. Selbst nach der Zerstörung der Stadt gab es Kontakte per Telegramm mit Goebbels, in denen sich die Stadt bis zum Ende mit ihm solidarisiert hat. Obwohl Rheydt bis zu 90 Prozent zerstört wurde, blieben diese persönlichen Orte Goebbels' erhalten.

Wie kamen Sie in den Besitz des Hauses?

Im März 2013 habe ich im Immobilienscout diese Anzeige gesehen. Mir ist das Haus nur aufgefallen, weil ich es kannte. In der Anzeige standen keine Angaben zur Geschichte. Und unter "unsere fachmännische Beurteilung" stand: "Wer viel Platz für die Familie benötigt (...) und ein wenig handwerkliches Geschick mitbringt, kann sich in diesem Wohnhaus eine gemütliche Wohnoase schaffen." Wäre es richtig gewesen, wenn dort eine Familie einzieht, ohne etwas von der Geschichte zu wissen? Wir müssen mit der Geschichte leben, aber uns nicht darin gemütlich einrichten.

Sie besitzen in Rheydt bereits mehrere Häuser und wollten noch eins?

Ja. Häuser spiegeln unser Seelenleben. Und sie werden geschrieben wie Bücher. Häuser begreife ich wie Skulpturen. Es ist eine große Skulpturensammlung, die sich über die Stadt verteilt. Vergessen Sie nicht, ich bin Bildhauer. Ich denke dreidimensional und konkret. Zusätzlich bin ich immer auf der Suche nach Lagermöglichkeiten, da ich die Räume untersuche, erforsche, erhalten und transportieren möchte. Um unabhängiger zu sein, habe ich das Bedürfnis, die Dinge, die ich herstelle, auch zu besitzen.

Ich habe mich dann mit dem Makler vor Ort getroffen. Das Haus war noch bewohnt. Nach ein paar Tagen habe ich den Makler gefragt, ob er wisse, dass das Goebbels' Geburtshaus sei. Ich hatte eigentlich gehofft, dass ich dadurch den Preis drücken könnte. Er hat dann Rücksprache mit den Besitzern gehalten und meinte danach kurz und knapp zu mir, dafür würde sich sicher auch ein Interessent finden.

Wieso geben Sie viel Geld für ein unbrauchbares Haus aus?

Ich frage mich vielmehr: Wieso hat es niemand anderes gekauft? Wieso hat sich niemand dafür verantwortlich gefühlt? Eine Stadt hat beispielsweise immer ein Vorkaufsrecht. Kollektive Verdrängung oder Gleichgültigkeit? Mich hat die Banalität und Gleichgültig provoziert. In der Psychologie würde man von Repression sprechen. Die Geburtshäuser von Despoten sind ein schweres Erbe. In Gori wurde um das Geburtshaus von Stalin ein Tempel errichtet, und in Predappio wurde aus dem Geburtshaus von Mussolini ein Museum. Nicht vorstellbar, wenn dieses Haus in Rheydt in die falschen Hände gelangt wäre. ln der Nazi-Szene war der Ort bekannt. Es wurden dort Blumen abgelegt. Täterorte üben eine magische Anziehungskraft aus. Nichts tun hat zumindest an diesem Ort nicht zu einem Erfolg geführt. Die Frage ist: Wie kann man an die Verbrechen erinnern, ohne den Tätern ein Denkmal zu setzen? Wie aktuellen negativen Entwicklungen entgegentreten, um sinnerfüllte Lehren für die Zukunft zu ziehen?

Ich habe das Haus gekauft, nun komplett entkernt und somit unbewohnbar gemacht. Den alten Geist mit den alten erhaltenen Materialien entfernt, die denkbaren Berührungsreliquien aufgelöst. Geschichte lässt sich nicht rückgängig machen und eine Leerstelle kann sehr laut sein. Dieser Ort ist wie ein blinder Fleck, und wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. Das ist die Herausforderung. Jetzt muss sich jeder in der Stadt mit dem Haus beschäftigen. Für mich ist das ein klares politisches Statement gegen Neo-Faschismus in Deutschland.

Begreifen Sie die Arbeit an dem Haus als Kunst? Handelt es sich dabei nicht eher um Aufarbeitung?

Dadurch mache ich mich sicherlich angreifbar. Ich frage mich, was hat das mit mir zu tun? In dem Haus u r habe ich Raumschichten hinzugefügt, nun wurden sie entfernt. Versuche ich, mich von der eigenen Repression zu befreien? In den letzten Jahren habe ich eine Reihe von Arbeiten gemacht, die außerhalb des Kunstkontextes als gesellschaftlich relevant diskutiert wurden. Dabei ist die Frage für mich, ob das nun Kunst ist, nicht von Bedeutung. Früher hat man mir gesagt: Wenn du politische Statements machst, macht dich das künstlerisch unfrei. Heute kann ich aus eigener Erfahrung, spätestens seit dem "Cube", sagen: Man muss als Künstler frei sein, um politische Statements machen zu können.

Was ist eigentlich mit dem Bewohner des Hauses geschehen?

Es war immer im Besitz einer Familie. Diese hat dann fast alles da gelassen, obwohl es im Notarvertrag anders vereinbart war. Dann habe ich eine Vereinbarung getroffen, dass diese Dinge in meinen Besitz übergehen. Danach bin ich in die Wohnung gegangen und habe mich dort aufgehalten und versucht zu wohnen. Dabei habe ich mich gefilmt.

Wie war das? Was haben Sie vorgefunden?

Jeder Mensch hat seine eigene Sensorik. Ich habe es nicht ausgehalten, dort zu schlafen oder zu essen. Die Geschichten haben mich eingeholt. In dem Haus hat sich die Vergangenheit bis in die Gegenwart gefressen. Innen war ja alles noch erhalten, und im Garten standen noch der Abort und der Haustierstall! Die Wandschränke waren voll mit Büchern aus der Zeit des Nationalsozialismus. Material, das alle Vorurteile bestätigt: alte Zeitungsausschnitte über Adolf Hitler. Kartons mit Büchern und Magazine über Phrenologie, Schädelvermessung und Rassenkunde. Literatur, die sicherlich in vielen alten Häusern aus dieser Zeit noch zu finden ist, aber was für mich gerade an diesem Ort unvorstellbar und sehr belastend ist. Mich hat es schockiert, mit welcher Banalität damit gelebt wurde.

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Was haben Sie dann gemacht?

Ich habe einen 3-D-Scan von dem Haus erstellen lassen. Dann habe ich mich in die Vergangenheit gegraben. Ich habe das Haus Schicht für Schicht von innen abgetragen, schließlich den Putz abgeschlagen und bin jetzt auf dem blanken Mauerwerk angekommen, das 1897, also vor der Geburt Goebbels', errichtet wurde. Das Haus wurde sozusagen chirurgisch behandelt. Gleichzeitig habe ich begonnen, im Keller einen Tunnel zu graben.

Parallel habe ich begonnen, eine Kopie des Geburtszimmers in meinem Lager zu errichten. Dieses wird mit Inventar aus unserer Zeit eingerichtet. Gegenstände, die wir auf der ganzen Welt finden. Von dem gefunden Material werde ich nichts als Original erhalten. Alles wird ordnungsgemäß entsorgt. Mein ursprüngliches Ziel, das komplette Haus abzutragen, ist bisher gescheitert. Das Haus widersetzt sich. Die Rückbaustatik hat ergeben, dass das Nachbargebäude bei einem kompletten Abbruch beschädigt werden könnte, da das Haus sich mit dem Nachbarhaus den First teilt. Und bisher konnte mir kein Statiker eine sichere Lösung vorschlagen.

Ein Abriss kommt also nicht in Frage?

Im Moment nicht. Eine neue Rückbaustatik wird gerade erstellt.

Den Bauschutt vom entkernten Haus haben Sie kürzlich nach Polen transportiert.

Der Bauschutt wurde in einem übergroßen Transporter vor der Nationalgalerie Zacheta in Warschau abgestellt. Im Gebäude zeige ich Filme, die ich in dem Haus gedreht habe, und verschiedene banale Objekte, etwa einen Plastikstuhl, einen Abguss des Treppenstumpfes als Kerze, ein frisches Kirschmarmeladenglas und einen Sandkasten mit Lehm aus dem gegrabenen Tunnel unter dem Haus. Und den kleinen USB-Stick mit den Daten des 3-D-gescannten Hauses. Mit diesen Daten könnte das gesamte Haus nun wieder 1:1 ausgedruckt werden. Jeder Besitzer der Daten müsste dann entscheiden, was damit geschieht. Die Besucher werden mit Fragen konfrontiert.

Wie waren die Reaktionen in Warschau?

Besucher haben sich bei mir bedankt. Auch die Kulturministerin Polens hat sich bei mir bedankt, und sie hat die Eröffnungsrede gehalten. Sie meinte, ich würde diese Ausstellung für Deutschland machen. Jetzt wird der Bauschutt nach Berlin gefahren, vor die Volksbühne gestellt und dann ordnungsgemäß entsorgt. Aus Deutschland kamen inzwischen diverse Hassmails bei mir an.

Was geschieht jetzt mit dem Haus?

Bis zum vollständigen Abbruch wird das entkernte Haus wie eine Blackbox weiter stehenbleiben. Als ein Memento mori: Mahnen und Erinnern. Es wäre natürlich wunderbar, das Gebäude gemeinsam abzutragen, um dort etwas Neues zu errichten. Eins ist klar: Wenn das Haus meine Kräfte und Reserven übersteigt, wird die Stadt und damit alle Bürger Verantwortung übernehmen müssen. Auch als Ruine kann es weiterverkauft werden. Es darf nicht in falsche Hände kommen, damit dort etwas Neues entstehen kann!

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