Bomb Gallery - Mostar

Glitter und eine gute Portion Wahnsinn

Berliner Künstler treffen auf die Jugend von Mostar: Wie die Bomb Gallery ein Kunstprojekt in Bosnien auf die Beine stellt
Glitter und eine Portion Wahnsinn:ein Kunstprojekt in Bosnien

Beim Auftritt in Mostar - die Band deutscher Mädels

"Kannst du dir vorstellen, dass uns der Krieg bis hier steht? Wir alle hier haben es gesehen. Da muss kein Ausländer kommen, um uns den Krieg zu zeigen!", trotzig reckt Anamarija aus Mostar in Bosnien ihr Kinn.

Gerade ist der Auftritt der Berliner Punkglamrockband "Band Deutscher Mädels" vorbei. Stunden vorher hatten Band und Kuratoren noch über die Show gestritten – die angekündigten Pappleichen, Suizid, Blut und Feuersalven erschienen den Kuratoren zu kontrovers. Der Kompromiss ist ein entschärfter Auftritt. Die Performance von Frontsänger Jens "Jensus" Laßnig im Hermelincape, Glitter und einer guten Portion Wahnsinn packt wohl gerade deswegen das Publikum. Provokation braucht hier keiner.

Explosiv ist nicht nur dieser Anfang des Kunstprojekts Bomb Gallery, auch die Idee dahinter hat ordentlich Pulver: 20 Jahre nach dem Krieg wird die Ruine der ehemaligen Bibliothek von Mostar Schauplatz eines Kunstfestivals sein. Bomb Gallery soll mit ihren Ausstellungen, Performances und Diskussionen die brachliegende Kulturszene aufleben lassen.

Bomb Gallery sei eine soziale Skulptur, sagt die selbstkuratierende Künstlergruppe von sich selber. Neben den Gründungsmitgliedern Anita Kapraljevic, Josip Mijic, beide stammen aus Mostar, sowie Friederike Ruff und Aleksandar Nesic arbeitet Bomb Gallery in Kollaboration mit zahlreichen internationalen Künstlern. Für die finanzielle Realisierung des Projekts haben etliche Künstler wie Daniel Richter, Tal R und Christian Jankowski Kunstwerke gestiftet, die bei einer Auktion unter der Führung von Christiane Gräfin zu Rantzau von Christie’s Deutschland in der Jugendstilvilla von Wiensowski & Harbord in Berlin Tiergarten versteigert wurden.

Vier Brücken verbinden inzwischen wieder die beiden Teile der Stadt über die Neretva hinweg. Die Brücken in den Köpfen sind nach wie vor zerstört. Westlich des Flusses liegt der christlich-kroatische Teil der Stadt über dessen Dächern auf dem höchsten Gipfel ein imposantes Kreuz wie ein Stinkefinger auf den anderen, den muslimisch-bosnischen Teil zeigt. Hier liegt die osmanische Altstadt mit der berühmten Stari Most, der alten Brücke, die in einem vollkommenen Bogen beide Teile miteinander verbindet. Überall in der Stadt findet man nach wie vor Kriegsruinen. DJ Robert Aladijn sagt: "Aber wenn du schaust, es sind immer nur einzelne Häuser betroffen, das waren persönliche Angelegenheiten zwischen den Leuten, kein zufälliges Treffen eines Bombardements."

In einer solchen Ruine stehen die Künstler am ersten Tag nach ihrer Ankunft kniehoch im Dreck. Klimatisierte, steril in Weiß gehaltene Galerien scheinen weit entfernt zu sein. Kurz bevor die Bomb Gallery von allem Dreck befreit ist, kommt ein ernsthafter Herr vorbei, auch wenn die Stadt sage, dass die Ruine von Landminen geräumt sei, er würde denen nicht vertrauen.

Es ist der Abend des muslimischen Opferfests. Die Bomb Gallery ist mit vielen Teelichtern geschmückt, neben den Eingang haben die Künstler Friederike Ruff und Edson Colón Aguirre einen interreligiösen Altar in einer Nische aufgebaut, und etliche Scheinwerfer scheinen in die Baumkronen im Haus. Viele Leute kommen zur Eröffnung.

Tags drauf stellten die bosnischen Künstler Renata Papišta und Paponja ihr Werk in der Bomb Gallery aus. Die Grafikerin Papišta lässt schwarze Kugeln an Ketten im Türdurchbruch baumeln, flankiert von großen schwarzen Punkten. Diese stellen sich beim näheren Betrachten als Holzdrucke von schwarzen Gesichtern auf schwarzem Hintergrund heraus. Ähnlich subtil sind die grauen Gesichter, die vor dem nackten Mauerwerk fast verschwinden. Davor bilden Paponjas Bilder eine Synthese aus Malerei und dem Gebrauch neuer Technologien, wie Photoshop. Seine farbenfrohen Bilder sind deutlich von Street Art beeinflusst.

Wegen Wolkenbruches mussten die deutschen Künstler am nächsten Tag mit dem Aufbau ihrer Ausstellung ein wenig warten. Bedrohlich glänzt der Monolith aus geflochtenem Videobändern im Schein des Strahlers. Melanie Hübner, Künstlerin aus Essen erinnert mit diesem Objekt an Kubricks "2001: A Space Odyssey". Betty Böhms Videoinstallation "das Mahl" war ein Vexiervideo in Endlosschleife. Die Künstler träumen davon, in den kommenden Jahren immer wiederzukommen.

Bomb Gallery in Mostar

bis 12. August
http://bomb-gallery.info/

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