Simon de Pury - Berlin

Die Currywurst ist eine Praline

Der Star-Auktionator Simon de Pury zeigt eigene Fotoarbeiten in einer Berliner Boutique – und legt auf der Eröffnung selbst Platten auf. Es kamen viele Kunstfreunde, aber auch Barbara Becker. Ein Bericht von der Partyfront, und ein Interview mit dem Showman des Kunstmarkts
Der Star-Auktionator Simon de Pury:Der Star-Auktionator Simon de Pury

Simon de Pury als DJ "Purepurypop"

Die Gebäude am Berliner Gendarmenmarkt waren am Mittwoch Abend in buntes Licht getaucht – eine alljährliche Lichtkunstaktion, die viele Touristen anzieht. Nur etwas weniger Aufmerksamkeit erregte der Aufmarsch einiger VIPs und Promis am Rande des Platzes: In der Luxusboutique "The Corner" lud der Star-Auktionator Simon de Pury zur Vernissage. Bekannt ist der 58-jährige Schweizer für spektakuläre Auftritte am Auktionspult; keiner kann einen Versteigerungsmarathon so leidenschaftlich inszenieren wie er, ein Showman des Kunstmarkts. Nicht zuletzt deswegen ist er auch nach der Übernahme des Unternehmens PhillipsdePury durch die russische Mercury Group der Chefauktionator geblieben.

Dass er nebenher auch künstlerische Ambitionen verfolgt, war kaum bekannt. Nun zeigt er in Berlin erstmals eigene Fotoarbeiten: beinahe abstrakte Ansichten von alltäglichen Gegenständen und Formen, die er auf seinen Geschäftsreisen rund um die Welt aufnimmt. Die Bilder hingen großformatig und dekorativ und schick an den Wänden in der Boutique, aber man tut de Pury wohl nicht unrecht, wenn man sagt, dass die Kunst an diesem Abend nicht im Mittelpunkt stand.

Ein bunt gemischtes Publikum aus Kunstwelt und Modeszene hatte sich eingefunden, wobei es hier keine Kleider zu sehen gab: Die Schaufensterpuppen samt Kleidung waren aus Angst vor Verschmutzung und Diebstahl durch Partygäste mit Plastikfolie umwickelt worden – es wirkte, als sollten sie für den nächsten Tag frisch gehalten werden. Barbara Becker und ihr Mann, der Designer Arne Quinze tanzten wild auf der Verkaufsfläche, die Verlegerin Angelika Taschen und die ehemalige "Vogue"-Chefin Angelika Blechschmidt waren gekommen, auch Berliner Galeristen wie Matthias Arndt. Den Gastgeber Simon de Pury zog es auch ohne Versteigerung zum Pult: Er ließ es sich nicht nehmen, Teile des Musikprogramms als DJ am Plattenspieler selbst zu bestreiten. Sein Musikgeschmack ist dem Hitparadenpop der achtziger Jahre verpflichtet, es liefen David Bowie, Madonna und die Eurythmics. Gereicht wurden kunstvoll hergerichtete Häppchen, darunter auch eine dekonstruktivierte Variation des Berliner Leibgerichts: "Currywurstpralinen".

Es war also eigentlich ein ganz normaler Abend in der Berliner Kulturszene, die ja schon mit einer gewissen Routine schräge Mischungen produziert. Um zu betonen, dass es nicht nur um ein Partyevent geht, hatte de Pury überall den weißen Katalog zur Ausstellung auslegen lassen. Blättern konnte man darin aber nicht: Er war ebenfalls in Folie eingeschweißt – bleibt frisch!

Interview mit Simon de Pury

art: Herr de Pury, neuerdings betätigen Sie sich als Fotograf. Sind Sie als Leiter des Auktionshauses Phillips nicht ausgelastet?

SdP: Oh doch. Aber um so beschäftigter man ist, um so mehr kann man tun. Und um zu fotografieren, braucht man nicht viel Zeit. Das ist Gott sei dank etwas, das man nebenbei machen kann. Und ich bin aufgrund meiner Arbeit viel unterwegs und habe meine Kamera immer dabei, so dass das eigentlich keine Zeit in Anspruch nimmt.

Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?

Als Teenager habe ich selber gemalt und gezeichnet. Dazu komme ich heute leider nicht mehr. Aber ich habe immer fotografiert. Meine erste Ausstellung hatte ich 2002 in der Galerie Art & Public in Genf, die einige meiner Fotos dann auch auf der Art Basel zeigten.

Ihre Berliner Ausstellung trägt den Titel "Purepurygraphy". Das klingt fast so, als hätten Sie ein neues Fotogenre erfunden?

Der Titel stammt von dem Grafiker und Künstler Chris Rehberger, der die Ausstellung auch kuratiert und das tolle Buch dazu entworfen hat. Bei den Fotos handelt es sich um Detailaufnahmen von Objekten, die von ganz nah fotografiert sind, so dass man in der Vergrößerung nicht mehr erkennen kann, was es eigentlich ist. Es ist wie abstrakte Malerei und eine Obsession mit gewissen Themen, Raster, senkrechte oder waagerechte Linien, Kugelmotive, die immer wieder auftauchen.

Manche Ihrer Bilder erinnern an Werke des amerikanischen Fotografen William Eggleston. Ist er ein künstlerisches Vorbild?

Sicherlich gibt es da Referenzen. Ich bin auch an der frühen deutschen Fotografie interessiert, an Leuten wie Renger-Patsch, aber auch den japanischen Fotografen Naoya Hatakeyama bewundere ich enorm. Viele meiner Fotos sind haben Verbindungen zu Malern, die ich schätze, zum Beispiel Agnes Martin oder Lucio Fontana. Da gibt es eine Serie von Fotos, wo das Licht durch Vorhänge scheint, das ergibt einen Effekt wie bei den Schlitzbildern von Fontana.

Tokio, Los Angeles, Kuwait City, Berlin, London, Malediven... Kann man an den Schauplätzen Ihrer Fotos auch Ihr Jetset-Leben ablesen?

Sicherlich habe ich einen Beruf, der sehr viel Mobilität voraussetzt. Ich bin viel unterwegs und dadurch sind die Fotos an sehr vielen Orten entstanden. Man kann diese Fotos fast so wie ein visuelles Tagebuch betrachten, wobei allerdings nie Personen zu sehen sind. Ich verbringe tatsächlich viel Zeit in Hotelzimmern.

Man erkennt in den Bildern oft Deckenlampen. Ist das der Jetlag–Blick des einsamen Reisenden in seinem Hotelzimmer?

Ich fühle mich in Hotelzimmern sehr vertraut und empfinde das nicht als fremde Welt. Es ist doch faszinierend, dass man dort nicht weit zu gehen braucht, um seine Motive zu finden. Ich bin zum Beispiel fasziniert von Badezimmern und Duschen. Sehr viele Fotos wurden in Badezimmern gemacht.

Macht es Ihnen Spass, dem Betrachter Rätsel aufzugeben?

Ja. Eigentlich sollte man gar nicht mehr wissen, was es ist. Manchmal kann ich mich selber gar nicht mehr daran erinnern, wog genau ich ein Bild aufgenommen habe. Diese Verfremdung zwischen dem Objekt und dem Bild, das dabei herauskommt, gehört dazu.

Warum findet die Ausstellung in Berlin in einer schicken Mode-Boutique statt und nicht in einer Galerie?

"The Corner" ist ein toller Concept Store, der nicht nur Mode anbietet, sondern auch Bücher, Musik, Design und Kunst. Das liebe ich. Außerdem sind es tolle Räume und die Lage direkt am Gendarmenmarkt ist auch gut. Für das Opening werde ich dort als DJ auch noch für die passende Musik sorgen. Das ist die ideale Location für mich.

Was kosten Ihre Bildern denn dort?

6000 Euro das Stück. Es handelt sich allerdings auch im Unikate, keine Editionen. Und sie sind wunderschön aufgezogen von der Firma Grieger in Düsseldorf.