Doktor der Kunst - HFBK Hamburg

Auch in den Salons macht sich Unruhe breit

Mit einem "Dr. phil. in art" – einem Doktor der Philosophie in den Künsten – darf sich schmücken, wer an der Hamburger Hochschule für bildende Künste (HFBK) den neu geschaffenen Promotionsstudiengang absolviert hat. Nicht nur der Doktorentitel ist einzigartig in Deutschland, auch das Modell: Es lädt Künstler dazu ein, ihre künstlerische Arbeit Teil der Promotion werden zu lassen. Ein Gespräch mit Hans-Joachim Lenger, Professor für Philosophie an der HFBK, über die neuen Möglichkeiten und das knisternde Verhältnis von Kunst und Wissenschaft.

Herr Lenger, wie ist die Resonanz von Kunststudierenden auf theoretische Lehrangebote der HFBK? Wollen oder müssen sie in den theoretischen Unterricht?

Hans-Joachim Lenger: Auch für künstlerisch Studierende sind Theorieveranstaltungen natürlich verpflichtend. Dabei können sie sich aussuchen, ob sie sich bevorzugt mit Kunstgeschichte, Ästhetischer Theorie, Philosophie oder anderem beschäftigen wollen. Die Resonanz ist dabei unterschiedlich. Es gibt Studierende, deren künstlerische Arbeit weniger mit Begriffen zu tun hat; denen erscheint der wissenschaftliche Studienanteil vielleicht als "Muss". Andere aber greifen auch künstlerisch sehr stark auf theoretische Begriffe zurück; für die wird es dann eher eine Leidenschaft...

Sie waren zeitweise Gastprofessur an der Universität Basel. Gibt es prägnante Unterschiede zwischen einem wissenschaftlichen Studium an einer Universität und einer Kunsthochschule?

Gewiss. An den Universitäten hat man mitunter 120 Leute im Seminar, und da lässt sich kaum noch produktiv arbeiten. An einer Kunsthochschule dagegen ist die Seminargröße meist überschaubar. Da kann man beispielsweise noch intensive Textarbeit treiben. Gäste, die von anderen Universitäten an die HFBK kommen, äußern sich deshalb nicht selten verblüfft über das hohe theoretische Niveau, auf dem bei uns nachgedacht und diskutiert wird. Nicht unwichtig aber ist, dass künstlerisch arbeitende Studierende unter anderen Perspektiven an wissenschaftliche Fragen herangehen. Da entstehen mitunter Lesarten, die erkennbar künstlerischen Logiken entstammen, aber auch theoretische Probleme auf eine Weise neu akzentuieren, auf die an Universitäten so schnell niemand käme. Insofern ist die Kunst, wie mir scheint, für die Philosophie ein ausgezeichnetes Milieu. Ich würde, wenn’s um Philosophie geht, die Kunsthochschule immer der Universität vorziehen...

Sind heute, nach Abschluss der Studienreformen, die Kunsthochschulen Inseln freier Lehre und Entfaltungsmöglichkeit, und zwar auch, was die Geisteswissenschaften anbelangt?

Diesen Eindruck kann man mitunter haben. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass eine unreglementierte Offenheit zum Begriff der Kunst selbst gehört. Eine Kunst, die um ihre Resultate bereits wüsste oder den administrativen Vorgaben irgendwelcher Studienreformer folgen würde, wäre keine. Und das setzt nicht nur den Reformtechnokratien gewisse Grenzen; dies vermag auch die wissenschaftliche Arbeit zu inspirieren. In einem künstlerischen Umfeld kann sie an Fragen arbeiten und Formen entwickeln, die das Bologna-Regime an den Universitäten zunehmend zurückdrängt. Zwar gibt es auch an der HFBK das Bachelor-Master-System. Bei dessen Einführung haben wir jedoch als Kunsthochschule einige Fehler vermeiden können, die an den Universitäten mittlerweile für nachhaltiges Kopfzerbrechen sorgen.

Vor etwa einem Jahr nun wurde an der HFBK die Möglichkeit zur Promotion geschaffen. Promovieren konnte man bisher auch an einigen anderen Kunsthochschulen. Was ist neu an dem "Hamburger Modell"?

Es gibt bei uns zwei Optionen. Zum einen kann man an der HFBK ganz regulär wissenschaftlich promovieren; da gelten die üblichen universitären Standards. Andererseits gibt es an der HFBK die Möglichkeit, eine künstlerische Arbeit selbst zum Teil einer Promotion zu machen. Wir wissen: Das ist eine umstrittene Angelegenheit. Der vorherrschende Wissensbegriff ist schließlich an den alphanumerischen Code, ans Schreiben von Büchern und Texten gebunden. Diese Vorherrschaft ist jedoch fragwürdig geworden, nicht erst seit Derrida. Denn gibt es überhaupt einen in sich reinen "wissenschaftlichen Diskurs"? Und was ist mit anderen "Aufschreibesystemen"? Kunst ist schließlich auch eine Ordnung, in der sich "Wissen" organisiert. Mit dem Promotionsangebot wollen wir deshalb nach Möglichkeiten fragen, die Grenzen von Kunst und Wissenschaft auf eine Durchlässigkeit oder Porosität hin zu befragen, in denen sich Wissensbegriffe verschieben und Konturen eines neuen Wissens abzeichnen könnten. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Auch diejenigen, die künstlerisch arbeiten, müssen bei uns eine Dissertation abliefern, die einen Beitrag zur wissenschaftlichen Forschung darstellt. Wünschenswert aber wäre, dass dabei theoretische und künstlerische Diskurse in neuer Weise interferieren.

"Der Zusammenhang zwischen Farbe und Lachen"

Gibt es dafür Beispiele?

Wenn sich etwa eine professionelle Filmeditorin die Frage vorlegt, was Filmschnitt unter heutigen medialen Bedingungen bedeuten kann; wenn ein bildender Künstler nach Zusammenhängen zwischen Farbe und Lachen fragt – dann sind das Fragen, die mit der künstlerischen Praxis eng verbunden sind, aus der sie hervorgehen. An einer Universität liegen sie vielleicht nicht so nahe. Und vielleicht zeigt sich auch an den Techniken, mit denen solche Fragen durchgearbeitet werden, dass hier andere Referenzen ins Spiel kommen.

Warum besteht man dann auf einem wissenschaftlichen Anteil? Vertraut man der künstlerischen Arbeit am Ende doch nicht?

Mit dem Doktortitel bescheinigen wir, dass sich jemand auf einer Höhe wissenschaftlicher Reflexion bewegt, wie sie auch an Universitäten üblich ist. Aber wir suchen nach Öffnungen, nach neuen textuellen Ordnungen, und das heißt nicht zuletzt: nach Querverbindungen zu einem "Wissen der Kunst". In gewisser Hinsicht sind die Anforderungen an unsere Doktoranden insofern sogar höher als an einer Universität.

Sind experimentelle Formen denn auch im schriftlich-theoretischen Teil erlaubt, vielleicht sogar erwünscht?

Wenn es gelingt, solchen Formen eine diskursive Evidenz zu verleihen – in jedem Fall! In avancierten kunsttheoretischen und philosophischen Kontexten gelten literarische Texte oder künstlerische Bilder schließlich längst als Instanzen einer solchen Evidenz, an die ein traditioneller Begriffsapparat möglicherweise nicht herankommt. Insofern mag es sein, dass die Dissertationen bei uns sogar ein gewisses Risiko eingehen, wenn sie an solche Einsichten anknüpfen. Und das macht die Sache interessant. Wobei es aber stets darum geht, ein Wissen zu generieren, das auch wissenschaftlich transparent ist.

Wie scharf lässt sich die Trennlinie zwischen Kunst und Wissenschaft überhaupt ziehen?

Lassen Sie mich die Frage anders, nämlich "wissenschaftstheoretisch" stellen. Welche Umstände sorgen für einen Paradigmenwechsel, für einen Sprung, der unversehens neue Fragestellungen und Wissenschaften freisetzt? Unvermittelt taucht eine Frage, die bis dahin verdrängt oder randständig geblieben war, im Innern einer Wissenschaft auf und stürzt sie in eine Krise. Der Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn spricht davon, wo er die "Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" untersucht: Man hat keine Oberbegriffe mehr. Plötzlich gelten die alten Regeln nicht länger, man verfährt assoziativ, tastend oder experimentell. Man versucht, die Phänomene so zu ordnen, dass man vielleicht irgendwann wieder zu Oberbegriffen kommt, die paradigmatischen Status haben. All das aber sind bereits Bestimmungen künstlerischer Arbeit. Nicht zufällig entdeckt Kuhn deshalb im Innern jedes "Paradigmenwechsels" auch ein – "künstlerisches" Problem.

Herrscht an einer Kunsthochschule also eine permanente Krise?

Wenn es gut läuft, ja. Die Kunsthochschule ist die institutionalisierte Krise, die Krise in Permanenz, die Krise als Normalfall. (lacht) Im Innersten der Kunst hat man es nämlich stets schon mit der Frage zu tun, was ein Paradigma ausmacht und legitimieren kann. Deshalb kommen im wissenschaftlichen Paradigma ja auch Logiken zum Tragen, die man eher aus der Kunst kennt. Radikalisiert man das, werden hier Begriffe der Wissenschaft natürlich ebenso fragwürdig wie solche der Kunst... Und an solchen Problemen, so wünschen wir uns, entstehen bei uns Dissertationen.

Ist der Künstler gerade in seiner kriselnden Andersartigkeit heute für eine Gesellschaft wichtig, die selbst von permanenten technologischen und sozialen Paradigmenwechseln geprägt ist?

Kunst ist eine Art Sensorium, ein bewegliches Ensemble aus Materialen, Techniken, Sensibilitäten, Sprachregelungen, Krisen, Umbrüchen, Erneuerungen. Es zeichnet die Welt ebenso auf, wie es neue Welten entstehen lässt. Der Expressionismus, der Kubismus, das Informel haben die "Welt" ja nicht nur anders "gesehen". Sie haben auf ihre Weise ebenso eine "neue Welt" hervorgebracht.

Aber gibt es heute überhaupt noch derart radikale Entwürfe? Erleben wir nicht eine Zeit, in der Kunst ein Teil des Unterhaltungsbetriebs geworden ist und ständig droht, ins Banale abzurutschen?

Gewiss, wir durchleiden seit einiger Zeit eine neue Phase der Salonkunst. Sie gehört zu den Symptomen der allgemeinen Depression. Künstlerische Fragestellungen dagegen, die Kraft und Schärfe besitzen, sind randständig, marginal, minoritär. Aber das dürfte kaum so bleiben. Auch in den Salons macht sich schließlich Unruhe breit. Die kulturellen Umbrüche und gesellschaftlichen Umwälzungen, die bevorstehen, werden vor dem Salon nämlich nicht haltmachen. Und auch nicht vor den Salonmalern.

Hans-Joachim Lenger

Hans-Joachim Lenger lehrt Philosophie an der Hochschule für bildende Künste. In den 80er Jahren war er verantwortlicher Redakteur der von Karola Bloch herausgegebenen Zeitschrift "Spuren", die an der HFBK Hamburg erschien. Er veröffentlichte Bücher, Aufsätze und zahlreiche Zeitschriftenbeiträge zu Fragen einer Philosophie des Ästhetischen, des Politischen und der Medien; außerdem arbeitet er als Autor für verschiedene Rundfunkanstalten. Gegenwärtig bereitet er gemeinsam mit Michaela Ott, Sarah Speck und Harald Strauß im textem-Verlag einen Tagungsband vor, der die Beiträge des im November an der HFBK Hamburg veranstalteten Symposions "Virtualität und Kontrolle" zu Gilles Deleuze versammelt.
http:// www.hjlenger.de