Bookmarks - Lesetipps Mai

Die Lesetipps des Monats

art-Redakteurin Ulrike von Sobbe stellt Ihnen in unserer Rubrik "Bookmarks" jeden Monat zehn neue Kunstbücher vor. Diesmal über die Schönen der abendländischen Kunst, japanische Geishas und die Kitschfiguren von Jeff Koons. Dazu eine fotografische Reise nach Berlin, zu Palladios Villen und in den Großen Basar von Istanbul.

Jeff Koons

Die 1500 vom Künstler handsignierten Exemplare der kiloschweren XXl-Monografie, mit der Verleger Benedikt Taschen das Comeback des großen Provokateurs letztes Jahr begleitete, waren bereits vor Erscheinen vergriffen. Nun lässt der Verlag eine im Format etwas verkleinerte, wenn auch immer noch gewichtige Ausgabe der Koons-Studie zum erschwinglichen Preis von knapp 50 Euro folgen. Wer eintauchen möchte in die Welt der überlebensgroßen Kitschfiguren, Pornoszenen aus Muranoglas oder Ballonhündchen aus Edelstahl, erlebt ein spannendes, knallbuntes, dickes Buch über Koons Trivialkultur, die alles erlaubt, wie Ute Thon in ihrem art-Bericht (10/2008) zur Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie geschrieben hat: "Spießigkeit und Statusdenken, Kitsch und schmutzige Gedanken" (Taschen Verlag. 592 S., zahlreiche Abb., 49,99 Euro).

Georg Baselitz. Gemälde und Skulpturen 1960 –2008

Das Museum der Moderne Salzburg widmet dem bedeutenden deutschen Künstler bis 21. Juni eine Schau, die mit Schlüsselwerken aus allen Werkphasen die große Wandlungsfähigkeit des 1938 in Sachsen geborenen Malers, Zeichners und Bildhauers dokumentiert. Berühmt gemacht haben ihn seine auf den Kopf gestellten malerischen Motive, aber auch seine kantig groben, überdimensionalen Holzskulpturen zeigen eine unverwechselbare Formensprache. Das die Retrospektive begleitende umfangreiche Katalogbuch – es enthält auch eine Erzählung des Schriftstellers Ingo Schulze – liefert mit zahlreichen Abbildungen und Fotografien sowie fundierten Aufsätzen Gelegenheit, sich mit dem Werk dieses wichtigen Gegenwartskünstlers vertraut zu machen (DuMont Buchverlag. 208 S., über 120 Abb., 49,95 Euro).

Frauen schön und stark. Frauen von heute über die Schönen der Kunst.

Gabriele Strehle, Chefdesignerin von Strenesse, hat sich für ihren Text einen Akt von Peter Paul Rubens gewählt, den der Künstler von seiner 37 Jahre jüngeren zweiten Frau Hélène gemalt hat. Sie zeigt sich darin – ganz dem Schönheitsideal des 17. Jahrhunderts entsprechend – in ihren üppigen weiblichen Formen. Und Frau Strehle denkt darüber nach, "ob es nicht viel spannender ist, wenn die Geschlechter lustvoll den großen Unterschied leben?" Die Moderatorin Elke Heidenreich dagegen erahnt die geheimen Wünsche einer Dame in einer Opernloge, porträtiert von Auguste Renoir. Wir erfahren, warum Schauspielerin Ingrid Caven immer ein Bild von Pablo Picassos "Dora Maar mit Katze" bei sich trägt. Und Christina Weiss, ehemalige Kulturstaatsministerin, ist beeindruckt von der "Madonna del Parto", die Piero della Francesco 1455 gemalt hat. Es ist ein Buch über Bildnisse von faszinierenden Frauen der Kunstgeschichte, die Texte dazu haben 56 Frauen von heute geschrieben, darunter Schriftstellerinnen, Journalistinnen, Unternehmerinnen, eine Köchin und eine Primaballerina. Sehr unterhaltsam zeigt der Band, was starke Frauen von heute über starke Frauen von einst denken. (Knesebeck Verlag. 128 S., 60 Abb. 19,95 Euro).

Helden der Bühne und Schönheiten der Nacht. Meisterwerke des japanischen Holzschnitts.

Die Legende erzählt, die ersten Drucke seien im 19. Jahrhundert als Einwickelpapier für japanisches Kunsthandwerk nach Europa gekommen, hätten mit ihrer fremdartigen Farbgebung und Komposition Aufsehen erregt und sogar nicht unerheblich die Geburt der Moderne beeinflusst. Unbestritten werden sie als ein wichtiger Beitrag Japans zur Weltkunst geschätzt. Ihre Bildsprache führt den Betrachter in eine ferne, längst vergangene Zeit und wirkt dennoch außerordentlich modern und lebensnah. Der großformatige Band stellt mit 240 Holzschnitten zwei wichtige deutsche Sammlungen vor – die von Otto Riese und Johann Georg Geyger – die das gesamte Genre repräsentieren: Theaterdrucke oder Bilder des städtischen Amüsierbetriebes bis hin zu Landschaftsbildern von Hokusai oder Hiroshige. Ein ebenso unterhaltsamer wie faktenreicher Übersichtsband zu einer Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst Frankfurt, bis 10. Mai (Wienand Verlag. 336 S., 494 Abb., 49,90 Euro).

Saul Steinberg

Unter "verspielt" werden seine Arbeiten gern einsortiert – doch ganz so einfach hat es der aus Rumänien gebürtige amerikanische Künstler (1914 bis 1999) seinem Publikum nie gemacht: Mit abgründigem Witz und schier unerschöpflicher Phantasie widmete sich der promovierte Architekt, der einst den zu seiner Ausreise nötigen Stempel selbst gefälscht hatte, in seinen Zeichnungen den Abseiten und Abgründen dieser Welt, kritzelte Hunderte von Karikaturen (vor allem für das Magazin "The New Yorker") und hinterließ schließlich auch noch zahlreiche Gemälde, Skulpturen, Fotografien und Collagen. Gut 150 Stücke aus diesem Steinbergschen Universum sind jetzt in Hamburg zu sehen (Museum für Kunst und Gewerbe, bis 1. Juni); der begleitende Katalog würdigt den vielseitigen Meister zudem mit zwei schönen Texten (Hatje Cantz Verlag. 288 S., 310 Abb. 58 Euro).

Gerrit Engel: Berlin

"Schaut auf diese Stadt", rief Berlins Bürgermeister Ernst Reuter 1948; der Fotograf Gerrit Engel hat diese Aufforderung 60 Jahre später wörtlich genommen und präsentiert jetzt in diesem großformatigen Prachtband das Ergebnis: Auf 234 Farbaufnahmen dokumentiert er die Baugeschichte seiner Heimatstadt, von der um 1230 begonnenen Nikolaikirche bis zu dem 2008 vollendeten Galeriehaus des britischen Architekten David Chipperfield am Kupfergraben 10. Und gerade weil Engel dabei ohne jede Attitüde, sondern vielmehr mit fast spröder Sachlichkeit zu Werke ging, ist ihm ein Panorama von spektakulärer Eindringlichkeit gelungen (Schirmer/Mosel Verlag. 278 S., 234 Abb., 78 Euro).

Laura Salm-Reifferscheidt, Moritz Stipsicz, Isabel Böcking: Die Basare Istanbuls.

Einsturzgefährdet sei er, der Große Basar, so meldeten auch deutsche Zeitungen vor einiger Zeit, und die Istanbuler Feuerwehr würde ihn am liebsten schließen. Aber wie soll das gehen? Seit 550 Jahren treiben Händler hier nun schon ihre Geschäfte. Er hat Feuersbrünsten und Erdbeben getrotzt, hat Sultane überlebt und in der Republik Attatürks floriert. Bis zu einer Million Menschen besuchen den Basar heute täglich. Doch die alten Gemäuer, die von oben gesehen in ihrer Verschachtelung geradezu kubistisch wirken, werden vielleicht tatsächlich in dieser Form nicht mehr lange bestehen. Lokalpolitiker wollen die vielen kleinen Werkstätten, aber auch die Großhändler mit ihren oft mehrstöckigen Lagern aus dem Capali Carsi verbannen, der mit seinen rund 3400 Quadratmetern vermutlich nicht nur der größte Basar Istanbuls, sondern einer der größten der Welt ist. Dieser vom Untergang bedrohten Welt des Großen Basars, der Urform des modernen Kaufhauses, sowie dem angrenzenden Ägyptischen Basar haben die Journalistin Laura Salm-Reifferscheidt, 32, und der Fotograf Moritz Stipsicz, 33, einen spannenden, intensiv recherchierten Bildband gewidmet – die grafische Gestaltung übernahm Isabel Böcking, 34. Die Fotos führen uns in eine märchenhaft bunte Welt von orientalischem Kunsthandwerk, Kalligrafien und antiquarischen Büchern, aber auch von Fälschungen, Tand und Heimwerkerbedarf.
Das Buch, dessen Fotos auch Einblick schaffen in das ganz alltägliche Leben der Händler und Handwerker, ist eine Hommage an einen der wohl faszinierendsten Orte der Bosporus-Metropole. Wer bis jetzt noch kein Istanbul-Fan ist, wird es beim Blättern in diesem üppigen Bildband garantiert (Christian Brandstätter Verlag, 224 S., zirka 300 Abb., 49,90 Euro). Undine von Rönn

Thomas Wrede. Manhattan. Picture Worlds.

Hier wird die Stadt zur Bühne: Fasziniert von den übergroßen Plakatwänden in der amerikanischen Metropole hat Wrede immer wieder Straßenansichten fotografiert, in denen die idealisierten Scheinwelten der Werbung mit den ungeschönten Realitäten des Alltags zu überraschenden Collagen verschmelzen: So entstanden vielschichtige Momentaufnahmen der urbanen Vitalität New Yorks (Kerber Verlag. 120 S., 52 Abb., 48 Euro).

Museum Brandhorst. Sauerbruch Hutton Architekten.

Mit farbintensiver Signalwirkung nach außen und zurückhaltender Raumgestaltung im Innern ist im Münchner Kunstareal ein neuer Höhepunkt der jüngeren Museumsarchitektur gelungen (siehe art 5/2009). Leicht verständlich macht der Band nachvollziehbar, wie die Berliner Architekten Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton dem Neubau für die Sammlung Brandhorst nicht nur ein unverwechselbaren Aussehen gegeben sondern auch mit innovativer Lichtführung und ökologischer Klimatechnik Maßstäbe gesetzt haben (Hatje Cantz Verlag. 128 S., 70 Abb., 29,80 Euro).

Guido Beltramini: Palladio. Lebensspuren.

Italien feierte im vergangenen Jahr den 500. Geburtstag des genialen Renaissancebaumeisters, der Generationen von Architekten beeinflusst hat. Seine typischen Säulenformationen findet man an Bauten in aller Welt – vom Capitol in Washington bis zu Landhäusern in England. Als erster brachte er Licht in die bis dahin eher düsteren Kirchenbauten, bis heute zählt die Kirche San Giorgio Maggiore in Venedig zu seinen am meisten bewunderten Werken. Im Veneto zeugen aber auch prächtige Villen von der Kunst des Müllersohns aus Vicenza. Über seine Biografie wusste man jahrhundertelang nur wenig. Der Direktor des Palladio-Forschungszentrums in Vicenza, Guido Beltramini, hat seine kenntnisreiche Spurensuche nun in einem handlichen Büchlein veröffentlicht, das sich wunderbar auch als kleine, feine Reiselektüre für Italienfreunde eignet (siehe Bericht von einer Studienreise in art 2/2009, Wagenbach Verlag. 120 S., viele Abb., 14,90 Euro).

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