Hochschuljubiläum - Dresden/Leipzig

250 Jahre Kunsthochschulen in Sachsen

In Dresden und Leipzig feiern dieses Jahr die Kunsthochschulen ihr Jubiläum – vor 250 Jahren wurden sie gemeinsam gegründet. Mit der Jubiläumsausstellung der Dresdner Hochschule für Bildende Künste gelingt dort ein (kunst)historischer Rundumschlag auf höchstem Niveau. In Leipzig kommt die Feierlaune etwas langsamer auf, und schließlich landen die Studenten beider Häuser mit ihrem "Klassentausch" den Überraschungscoup der Jubiläumssaison.

Unter einer Glashaube liegt das Dokument, mit dem alles begann: Das "Gründungsrescipt" der Kunstakademie Dresden und der Zeichenschule Leipzig und Meißen vom 6. Februar 1764.

Unterzeichnet hat die Urkunde Prinz Xaver, Herzog zu Sachsen. Als "Allgemeine Kunst-Academie der Mahlerey, Bildhauer-Kunst, Kupferstecher- und Baukunst" wurde vor 250 Jahren in Dresden eine der ältesten europäischen Lehranstalten für Bildende Kunst aus der Taufe gehoben. Grund genug, dieses Ereignis in Sachsen einmal richtig zu feiern. Die wohl gelungenste Feier unter allerlei Events ist noch bis 15. Juni in den Ausstellungsräumen der Dresdner Hochschule für Bildende Künste auf der Brühlschen Terrasse zu sehen. Mit leichter Hand, poetischem Assoziationsvermögen und Insiderwissen richteten gleich drei Kuratoren die Schau "geradezu momentan" ein. Einen "Ausstellungsessay" nennen Akademierektor Matthias Flügge, Hauskuratorin Susanne Greinke und Kunstgeschichtsprofessor Dietmar Rübel ihren Parcours durch zweieinhalb Jahrhunderte Institutionsgeschichte. Dabei mischen sie beherzt und nur zum Teil chronologisch Kunstwerke und Archivalien zu einer wohltuend unakademischen Melange. Den Einstieg beleuchtet Gründungsrektor Christian Ludwig von Hagedorn (1712 bis 1780) als karikativer Schattenriss, wegweisend mit einer Lampe in der Hand. Mythologische und Landschaftsdarstellungen sowie frühe Fotografie aus dem 18. und 19. Jahrhundert werden bereits hier mit Gegenwärtigem von Studierenden beziehungsweise Absolventen flankiert – wie etwa dem romantisierenden Gemäldetableau "Elemente" von Clemens Tremmel, dem grimmigen "Kleinen Krieger" von Manuel Frolik und einem performativen Raumobjekt von Alex Gehrke. Als besonders gelungen erweisen sich die Einbauten von Martin Schech, die – zwischen Raumskulptur und Ausstellungsarchitektur oszillierend – sinnreiche Abteilungen herstellen.

KÖRPERBILDER UNTER DER RUHMESKUPPEL

Derlei ästhetische Kollisionen von einst und jetzt lockern das Ganze nicht nur auf, sondern zeigen auch, dass sich die Themen, die in den ehrwürdigen Gemäuern verhandelt werden, nicht so wesentlich verändert haben: Natur, Raum und menschliche Figur. Besonders letztere wird im zentralen Ausstellungsraum, dem Oktogon mit der markanten Glaskuppel, ausführlich zelebriert. Hier delektieren sich die Kuratoren offenbar an den Präsentationsmodi von Wunderkammer und Surrealismus, zumal in lichter Höhe eine effektvolle Hybride aus Mumie, Engel und Porträt (Manuel Frolik) schwebt – vielleicht auch als Referenz an die geflügelte Fama in Gold zu verstehen, die direkt darüber auf der Kuppel thront und den emsigen Kunstschaffenden im Inneren künftigen oder zumindest posthumen Ruhm verheißt. Doch zurück zum Rundgang: Exponate aus der berühmten anatomischen Sammlung des Hauses wie ein Bänderskelett oder ein mit Streichhölzern markierter Schädel, ein überdimensionaler Bildhauerzirkel und diverse Skizzenblätter erinnern an die prominente Rolle, die der menschliche Körper lange Zeit in einem klassischen akademischen Studium einzunehmen hatte. Ein studentisches Drahtzugmodell (Henry Rademacher, 1988) aus der Lehre des namhaften Künstleranatomen Manfred Zoller zeigt auch, wie experimentell dieses Thema dann im späten 20. Jahrhundert angegangen wurde.

DAS DRESDNER HOCHSCHUL-PANTHEON

Mit den idealisierten Leibern eines Sascha Schneider und Einblicken in den Zeichnungsdrill eines Richard Müller, der eine Student, der andere Rektor während der Nazi-Zeit, weist die Ausstellung aber auch in jene ideologieschwangere Richtung von Körperbildern wie sie in den Dreißigern populär war und kommentiert diese Auswüchse auch gleich didaktisch geschickt: In einer spitz zulaufenden Nische nehmen zwei arisch-korrekte Turnerriegen von 1939 (Gerhard Keil), brav in Männlein und Weiblein getrennt, den Betrachter unbehaglich in die Zange, während unweit davon ein Dokumentarfilm Dresden als Wiege der faschistischen Entartungsverdikte entlarvt. Auch bei diesem düsteren Intermezzo hatte der berüchtigte Rektor Richard Müller (1874 bis 1954) seine Hände im Spiel. Abgesehen von solchen sinistren Figuren, ist das illustre Personal an Professoren und Absolventen der Dresdner Akademie schier unüberschaubar und kaum ansatzweise in den vier Räumen zu vereinen: Gottfried Semper, Hermann Krone, Robert Diez, Oskar Kokoschka, Otto Dix und nach dem Krieg Hans Grundig, Wilhelm Rudolph, Mart Stam, Hermann Glöckner, Wilhelm Lachnit, Harald Metzkes, Strawalde oder Gerhard Richter gehören dazu. Ein weltbekannter Dresdner, der hier nie studiert hat, kommt trotzdem zu ausführlichen Ehren: A.R. Penck, der sich mehrmals glücklos um eine Aufnahme bemüht hat, darf heute als einflussreiche Lichtgestalt der DDR-Jahre mit ins Pantheon. Abgesehen davon kommt das späte 20. Jahrhundert vielleicht ein wenig zu kurz in dem essayistischen Reigen von "geradezu momentan".

LEIPZIG ZEIGT KERNKOMPETENZ

Doch sei’s drum: An dieser zeitlichen Schnittstelle übernimmt passenderweise Leipzig ab Mitte Juli den Staffelstab und zeigt im Museum der Bildenden Künste ab Mitte Juli seine Sicht auf das sachsenweite Akademiejubiläum. Unter dem Titel "Kunst. Schule. Leipzig. Malerei und Grafik nach 1947" wird die Kernkompetenz jener Einrichtung vorgeführt, die im fernen Jahr 1764 "nur" als Zeichenschul-Appendix des Dresdner Mutterhauses gegründet wurde und ab dem 20. Jahrhundert und im neuen Jahrtausend überregionale Lorbeeren errang. An der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) also nimmt das Feiern erst jetzt Fahrt auf – nach einer leider etwas spröden Gegenüberstellung von studentischen Werken mit Professorenarbeiten, die bis Mitte Mai in der Kunsthalle der Sparkasse zu sehen war. Ein echtes Highlight jedoch leisteten sich die Leipziger mit der klugen Ausstellung "Freundschaftsantiqua", die gerade in der Galerie für Zeitgenössische Kunst (GfZK) zu Ende ging. Hier wurde nämlich jener ausländischen Studenten gedacht, die zu DDR-Zeiten an der HGB ausgebildet wurden: Buchgestalter, Typographen, Grafiker und Fotografen aus Ländern wie Vietnam, Ungarn, Bulgarien, Polen, Kuba und andere. Die beiden Kuratorinnen Heidi Stecker (GfZK) und Julia Blume (HGB) trafen die einstigen Gaststudenten zu Interviews und stöberten in den Hochschularchiven nach deren Diplomarbeiten. Zudem erarbeiteten sie eine beeindruckende Statistik, die einen überraschend internationalen Aktionsradius der Hochschule zeigt und räumten nebenbei mit ein paar Klischees zur realsozialistischen Kunstausbildung auf.

LEIPZIGER UND DRESDNER STUDENTEN FEIERN GEMEINSAM

Nun mag es fast so scheinen, als liefen die Feierlichkeiten in Leipzig und Dresden trotz gemeinsamer Wurzeln völlig getrennt voneinander ab. Der erste Blick auf das Ausstellungsgeschehen wirkt da bestätigend. Wäre da nicht eine großartige Ausnahme, die allerdings nicht auf offizielle Initiative zurückgeht, sondern auf das alleinige Engagement von Studierenden beider Hochschulen. Unter dem Label "Swap it – Klassentausch" organisierten die Dresdner Honert-Studentin Leonore Blume und ihre Kommilitonin Anna Erdmann ein konzertiertes Besuchsprogramm zwischen Leipzig und Dresden, das alle Konkurrenzgerüchte zwischen den beiden Häusern ad absurdum führte. Für jeweils eine Woche im Mai nahmen 60 Studenten wechselweise am Fachklassenunterricht in den zwei Hochschulen teil – so begeisterten sich etwa die Leipziger für die bildhauerische Ausbildung in Dresden, die Dresdner für den Fotografieschwerpunkt in Leipzig. "Diese zwei Arbeitswochen fühlten sich so intensiv an wie sonst drei Monate", resümiert Leonore Blume. Die Eröffnung der phantasievollen, leider nur sehr kurzen Gemeinschaftsausstellung in der Dresdner Motorenhalle geriet dann zum wahren Festakt des Jubiläumsjahrs. Euphorisch sprach der eigens angereiste HGB-Professor Oliver Kossack von der "Ehre, an diesem Prozess teilnehmen zu dürfen" und fragte sich laut "warum es das nicht öfters gibt." Mit dem gelungenen Klassentausch abseits von kulturpolitischem Zeremoniell gipfelte der duale Hochschulgeburtstag in einem rauschenden Fest – und das nicht nur, weil in einer kollektiven Leipziger-Dresdner-Kunstlotterie gläserweise Wodka verlost wurde.

Ausstellungsessay zum 250-jährigen Jubiläum: Geradezu momentan

HfBK Dresden, Oktogon, Georg-Treu-Platz, 01067 Dresden
bis 15. Juni 2014

Ausstellungsessay




Kunst. Schule. Leipzig. Malerei und Grafik nach 1947
Eine Ausstellung im Rahmen des 250-jährigen Bestehens der Hochschule für Grafik und Buchkunst

13. Juli bis 19. Oktober 2014
Ausstellung in Leipzig



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