Studienboykott - Hamburg

„Daniel, Jonathan! Wo seid Ihr?”

Seit einer Woche kleben mysteriöse Plakate überall in Hamburg und rufen in Versalien: „ENTLAUFEN!!! Unser Kunststudent ist seit dem 17.7.07 nicht wieder nach Hause an die HfbK zurückgekehrt. Er trägt schwarz und hört auf 300 Namen. Wir vermissen ihn sehr!!! 500,– BELOHNUNG! Bitte melden”. Dazu ein Bild von Daniel Richter und eine Handynummer. art-magazin.de machte sich auf die Suche – und fand die Urheber: das Boykott-Trio Eugen*, 26, Heidi, 24, und Hanna, 23, Studierende der Hamburger Hochschule für bildende Künste (*Alle Namen von der Redaktion geändert)
Streit um Studiengebühren:Eine Hochschule probt den Aufstand

Auf der Suche nach 300 Kunststudenten...

art: Hat sich Daniel Richter schon gemeldet?

Heidi: Noch nicht. Auf einigen Plakaten ist übrigens auch Jonathan Meese zu sehen. Richter und Meese sind ja die Aushängeschilder der HfBK, obwohl beide ihr Studium abgebrochen haben. Mit diesen Namen wird für die Hochschule geworben – und wir wollten dies ad absurdum führen.

Eugen: Und wir fragen uns natürlich auch, warum sie sich nicht zur Lage äußern! Da passieren gerade krasse kulturelle Dinge. Und beide stehen ja stellvertretend für eine ganze Reihe erfolgreicher Kulturschaffender. Aber sie sind nur um ihre eigene Karriere bemüht! Gerade jetzt könnten sie auch mal politisch etwas machen. Wo sind sie jetzt? So kamen wir auf das „Entlaufen!”

Und warum eine Plakat-Aktion?

Hanna: Viel von dem Protest hat sich bei uns an der Hochschule abgespielt. Deshalb wollten wir die Debatte in den öffentlichen Raum tragen. Viele Kulturschaffende wissen auch noch gar nichts von dem Boykott.

Eugen: Wir wollen einen Dialog erzeugen und Aufmerksamkeit generieren. Dieses Plakat war unsere allererste Idee, ein kleiner Auftakt eben. Wir möchten einen öffentlichen Aufruf starten, damit mehr Reaktionen und Aktionen aus Hamburg kommen. Wir haben sogar mehr Solidaritätsbekundungen aus anderen Städten bekommen! Hier gibt es nur sehr wenig Resonanz.

Heidi: Und es geht bei dieser Aktion auch nicht direkt um die Hochschule, sondern um die Freiheit der Kunst.

Hanna: Es geht um Grundsätzliches. Wie kann man überhaupt noch studieren? Soll man nur noch überlegen, wie man seine Schulden zurückzahlt oder wie man finanziell erfolgreich arbeitet? Das kann für ein Studium doch kein Ausgangspunkt sein – da kann man es gleich bleiben lassen.

Heidi: Die Studiengebühren sind nur ein Symbol für eine negative Entwicklung. Das Lernen, Leben und Kunstschaffen ist nur noch marktorientiert. Es geht bei allem nur noch ums Geld. Und wir jobben alle sowieso. Denn ohne Nebenjob kann man sich schon jetzt das Studium nicht leisten. Es kann nicht sein, dass wir nur noch in der Bar hängen.

Eugen: Man schaut nicht, was sozial ist oder in der Welt gebraucht wird, sondern man denkt nur noch: „Wo gibt es Jobs?” Die Freiheit im Geiste und die Gleichheit vor dem Gesetz ist einfach wichtig. Und eine wirtschaftliche Abhängigkeit beschneidet diese Freiheit und Gleichheit.

„Prozesse sind auf jeden Fall geplant”

Plant Ihr weitere Aktionen?

Eugen: Wir arbeiten gerade an dem Projekt „Trimester”. Vom 19. bis 30. September stellen wir den Hochschulraum für Diskussionen, Filme und Workshops zur Verfügung. Jeder kann mithelfen und alternative Seminare anbieten. Und alle unsere Boykott-Bündnispartner werden vor Ort sein: von verschiedenen Studierendenausschüssen, Gewerkschaften über Hochschulprofessoren und Theater-AGs bis zur Marx-Lesegruppe. Und Prozesse sind auf jeden Fall geplant. Wir werden da jetzt einige Prozesskandidaten auswählen. Ob die Studenten bezahlen oder nicht, ist dann egal. Die Prozesse laufen. Und die Studenten könnten unter einem Vorbehalt bezahlen und später das Geld zurückfordern. Oder die Zahlung ist dann erst einmal bis zum Prozessende verschoben. Und das kann ein bis drei Jahre dauern.

Wie ist gerade die Stimmung an der Hochschule?

Eugen: Obwohl wir alle exmatrikuliert sind, haben nur 15 einen Rückzieher gemacht und die Gebühren an die Hochschule gezahlt. Von 300 Studenten sind also 15 abgesprungen, aber 40 sind neu hinzugekommen!

Hanna: Wir haben jetzt zum ersten Mal die politische Ebene betreten. Und lernen gerade, wie man einen Protest artikuliert, wie man mit den Medien umgeht und welche Resonanz bestimmte Aktionen erzeugen. Der Boykott ist auch eine ungeheure Erprobung von Wissen.

Und was werdet Ihr machen, wenn die Hochschule hart bleibt?

Eugen: Bei unserem Trimester-Projekt gibt es auch eine Umorientierungs-Werkstatt. Ziel ist es zu schauen, ob andere Hochschulen bereit sind, eine größere Gruppe von Studenten aufzunehmen.

Heidi: Sehr viele werden dann einfach woanders hingehen. Auch ich. Weil ich mein Vordiplom noch nicht habe, würde ich noch einmal zahlen und dann schnell wechseln. Und vielleicht nach Köln gehen.

Eugen: Seit der Umstrukturierung sind die Bewerberzahlen rapide gesunken. In den letzten zwei Semestern noch einmal um 50 %. Bald gibt es nur wenig mehr Bewerber als Plätze – früher kamen ungefähr 1000 Bewerber auf 40 Plätze.

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In der kommenden art-Ausgabe berichten wir ausführlich über den Boykott: Im Journal berichten Hamburger Kunststudenten über die Gründe für ihren Protest gegen die Studiengebühren – und Werner Büttner, Vorsitzender des Studienganges Kunst, erzählt im Interview, wie „stolz” er „auf seine rebellischen Studenten” ist.

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