Museum Quai Branly - Paris

Das "Andere" mal anders zeigen

Mit zahlreichen Sonderausstellungen und Sammlungen der Volkskunst Afrikas, Amerikas, Asiens und Ozeaniens will das Museum Quai Branly in Paris den westlichen Blick aufs exotische "Andere" in Kunst und Kultur verändern.
Das "Andere" mal anders:Volkskunde-Museum Quai Branly in Paris

Ozeanien-Sammlung im Museum Quai Branly in Paris, Januar 2013

Wie können Museen für Ethnographie heute sowohl schwerblütige Pädagogik wie den Geruch kolonialistischer Tropheensammlung vermeiden? Wie jeden Exotismus umgehen und dennoch für jenes fremde "Andere" werben, das sich grundlegend von den Werken der westlichen Kunstgeschichte unterscheidet? Allzu lange als "primitiv" bezeichneten Kulturen gerecht werden, auf die Kunstbetrieb und -markt bis heute von oben herabsehen, obwohl sie schon die Pioniere der Avantgarde, von Pablo Picasso bis zu Expressionisten und Surrealististen, faszinierten?

Sieben Jahre nach seiner Eröffnung wirkt das Pariser Musée Quai Branly, dieser für 300 Millionen Euro von Stararchitekt Jean Nouvel gleich neben den Eiffelturm gesetzte Ozeandampfer fremder Kulturen, immer noch so frisch, überraschend und verstörend wie am ersten Tag. Das im Umgangston kurz Quai Branly genannte Monstrum für Kunst und Kunsthandwerk aus Afrika, Ozeanien sowie Süd- und Nordamerika wurde vom damaligen Staatschef Jacques Chirac initiiert und ging aus der Fusion drei bereits bestehender Museen hervor. Es versteht sich als Verneigung der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich vor nichteuropäischen Kulturen. Sein ehrgeiziges museums- und kulturpolitisches Ziel: Den westlichen Blick auf alles "Andere" zu verändern und gleichzeitig die immer noch bestehenden Kategorien von High und Low, Hoch- und Alltagskultur, Kunst und Kunsthandwerk zu sprengen.

Vom Seine-Ufer wie ein farbiges Containerschiff mit Schwung auf Stelzen gesetzt und umgeben von einem künstlichen Urwald exotischer Pflanzen, wird das Quai Branly von Touristen eher eingeschüchtert wahrgenommen – zu mächtig der Bau mit seinen wechselnden Fassaden, farbig abgesetzten Vorsprüngen und vertikalen Gärten. Von den Parisern jedoch ist das Museum nach anfänglichem Zögern angenommen worden, was sicher auch an seinem dynamischen, aktuelle Debatten und Themen aufgreifenden Programm, an einem ambitionierten Filmprogramm im Auditorium und dem üppigen Werbebudget liegt, mit dem nicht einmal das Centre Pompidou mithalten kann.

Sonderveranstaltungen wie die Schau "Photoquai", die mit aktuellen Arbeiten von insgesamt 250 meist nichtwestlichen Fotografen illustriert ist, zeigen, dass das "Andere" vielleicht doch nicht so anders ist. Während man im die Exponate verklärenden Halbdunkel der ständigen Sammlung nicht viel mitbekommt von heutiger Wirklichkeit, beziehen die Wechselausstellungen im Erdgeschoss immer wieder pluridisziplinär aktuelle Realität mit ein. Thematisch, indem etwa die Geschichte des Jazz als einer ursprünglich zutiefst schwarzen Musik bis in die Neuzeit erzählt wird; konzeptuell, wenn eine Ausstellung über Schamanismus auch die Gegenwartskunst von Joseph Beuys bis Annette Messager einbezieht; und pädagogisch, indem immer wieder durch Videoprojektionen und Touch-Screens neueste Technologie die ethnologische Betrachtung auffrischt.

Das Quai Branly setzt in seiner fließenden Innenarchitektur mit Rampen, Balkonen, lederbezogenen halbhohen Zwischenwänden, mit isolierten Wunderkammern und dramatisierender Lichtführung bewusst auf theatralische Akzente. So schön kann das Fremde sein, wird dem Besucher immer wieder suggeriert. Wandhohe Glasscheiben – flexibel durch in den Boden eingelassene Schienen – sorgen für eine effektvolle Inszenierung in raumgroßen Vitrinen und erlauben immer wieder Durchblicke in andere Erdteile. Die Exponate werden ohne Rücksicht auf Entstehungszeit, Funktion oder Ursprungsregion gemischt: Farbenfrohe Karnevalskostüme aus bolivianischen Minenregionen wechseln sich ab mit präkolumbianischen Ritualstelen der chilenischen Mapuche und Federschmuck aus dem Amazonas-Gebiet. Kunst und Kunsthandwerk der Indios bleibt im Sichtbereich der Indianer, Lederkleidung und Waffen von nordkanadischen Stämmen oder Sakralobjekten der arktischen Inuit: Das ethnographische Mehrwissen wird nebenbei geliefert, im Vordergrund steht der visuelle Charme der Exponate.

Die große Herausforderung eines Völkerkunde-Museums ist heute die Präsentation des Fremden unter Vermeidung aller bestehenden Vorurteile. Das schafft das Quai Branly spielerisch, indem es neue museale Konzepte mit furchtloser Ästhetisierung einer Sammlung von insgesamt 300.000 Werken verbindet – jedes Objekt wird als einzigartig gewürdigt. Zu dieser Überwältigungsästhetik gehört die monumentale Architektur Jean Nouvels ebenso wie der wunderbare Park mit seinen Bambuswäldern und künstlichen Teichen. Erst wenn der Besucher eingestimmt ist auf die Faszination des "Anderen", lernt er im Beiprogramm, in Wechselausstellungen, Filmen und Seminaren die heutige Realität von Kulturen kennen, die längst nicht mehr so anders als wir sind.

Museum Quai Branly

bis 22. September: "Charles Ratton – L'invention de arts 'primitifs' [Die Erfindung der 'primitiven' Künste";


bis 29. September: "J' arrive, j'aime, je m'en vais [Ich komme, ich liebe, ich bin dann mal weg] – Pierre Loti, l'ambigu exotique [die exotische Doppeldeutigkeit]";


bis 3. November: "Chasses magiques [Magische Jagd]";


17. September bis 17. November: "Photoquai, 4ème Biennale des images du monde [Vierte Biennale der Bilder der Welt]";


17. September bis 2. Februar 2014: "Nocturnes de Colombies, images contemporaines [Nocturnes von Kolumbien, zeitgenössische Bilder]" im Rahmen von "Photoquai";


15. Oktober bis 26. Januar 2014: "Kanak, l'Art est une parole [Kanak, Kunst ist eine Sprache]";


13. November bis 26. Januar 2014: "Secrets d'ivoire. L'art des Lega d'Afrique centrale [Geheimnisse aus Elfenbein. Die Kunst der Lega aus Zentralafrika]";


dauerhaft: Afrika-, Asien-, Ozeanien- und Amerika-Sammlung des Museums
http://www.quaibranly.fr/en/