Bookmarks - Lesetipps Februar

Die Lesetipps des Monats

art-Redakteurin Ulrike von Sobbe stellt Ihnen in unserer Rubrik "Bookmarks" jeden Monat neue Kunstbücher vor. Die Frühjahrspublikationen der Kunstbuchverlage bieten ein breites Spektrum von der Heiligengestalt Franz von Assisi über Alberto Giacometti in bislang unbekannten Fotografien bis zu Audiobüchern über berühmte Architekten.
Das müssen Sie lesen:Die Buchtipps für den Monat Februar

Ein breites Spektrum: Frühjahrspublikationen der Kunstbuchverlage

Bernard Lebrun/Michel Lefebvre: Auf den Spuren von Robert Capa

Eine Legende war er schon zu Lebzeiten, und seit seinem frühen Tod ist sein Ruhm eher noch gewachsen: Robert Capa, 1913 als Endre Friedmann in Budapest geboren und 1954 in einem vietnamesischen Reisfeld von einer Mine zerrissen.

1936 gelang ihm im Spanischen Bürgerkrieg mit der Aufnahme eines tödlich getroffenen Soldaten eine der Inkunabeln der modernen (Kriegs-)Fotografie, und auch in den folgenden Jahren war der spätere Mitbegründer der stilbildenden Magnum-Agentur vor allem auf den Schlachtfeldern dieser Welt unterwegs – wenn er nicht gerade auf Filmsets und in Bars zu finden war. Capas ganzes abenteuerliches Leben beschreibt diese neue, sorgfältig recherchierte Biografie zweier französischer Journalisten, die den großen Fotoreporter auch als charmanten Lebemann und Kosmopoliten zeigt.
(Knesebeck Verlag. 264 S., 200 Abb., 39,95 Euro)

Beat Stutzer (Hrsg.): Alberto Giacometti neu gesehen

Es gibt wohl kaum einen Künstler, der sich seinen Modellen so behutsam, fast scheu genähert hat wie Alberto Giacometti. Und es gibt kaum einen, der so oft fotografiert wurde wie der Schweizer Maler und Bildhauer aus dem Bergell, dessen Bildnisse und Skulpturen eben diese Unmöglichkeit zeigen, einen Menschen zu erfassen. Henri Cartier Bresson, Man Ray, Ernst Scheidegger, wer Rang und Namen hatte in der europäischen Fotografie des 20. Jahrhunderts, hat den berühmtesten Giacometti zuhause im Alpendorf oder im Atelier, in den Kneipen und auf den Straßen von Paris fotografiert. Nun hat es das Glück gewollt, dass ein ungenannt bleiben wollender Sammler ein Konvolut von 100 Fotografien und einer Reihe von Zeitungs-Zeichnungen, die der Künstler bei sich verwahrte, dem Bündner Kunstmuseum in Chur angeboten hat und dieses von einem Mäzen für das Haus erstanden werden konnte. Der Band, der den Schatz erstmals öffentlich macht – ausgewählte Exponate hat das Museum im letzten Sommer ausgestellt – zeigt keinen ganz unbekannten Alberto, aber er fügt mit den Aufnahmen bekannter wie unbekannter Fotografen neue Facetten hinzu: Das Atelier ist durchaus auch mal aufgeräumt, der Künstler müde und melancholisch. Wir sehen Werke aus anderer Perspektive, und vor allem spüren wir eine unbändige Energie und Lebensfreude. Giacometti lächelt nicht nur, er lacht. Am schönsten vielleicht sind die Aufnahmen mit seiner Frau Annette. Das schwierige Paar hat sich durchaus auch geliebt. Ausgelassen toben beide die Treppe zum Pariser Atelier herunter. Innig schauen sie sich im heimischen Maloja in die Augen. Privater ward der Künstler nie gesehen.
(Verlag Scheidegger & Spiess. 256 S., ca. 180 Abb., 77 Euro)

Franziskus – Licht aus Assisi

Francesco Giovanni dei Pietro Bernardone, besser bekannt als Franziskus von Assisi, ist als der, der mit den Tieren spricht, Legende geworden. Franziskus (1181/82 bis 1226), Gründer des Armut, Friedfertigkeit und einfache Lebensweise propagierenden Ordens der Franziskaner, ist einer der populärsten Heiligen der Kirchengeschichte. Weshalb sich Künstler vieler Jahrhunderte immer wieder gerne des "Schutzpatrons der Tiere", wie er auch genannt wird, angenommen haben. Das Diözesanmuseum Paderborn hat nun zur Ausstellung "Franziskus – Licht aus Assisi" (bis 6.Mai) eine exquisite Auswahl an Kunstschätzen zusammengetragen – Skulpturen und Gemälde, darunter eine "Feuerprobe des Hl. Franziskus vor dem Sultan" von Fra Angelico. Dazu betörend schöne Buchmalereien und filigrane Elfenbeinarbeiten, die vom hohen Stand der Schnitzkunst Zeugnis ablegen. Die Ausstellung ist im Katalog überzeugend dokumentiert, bereichert durch einen einleitenden Textteil zu Franziskus, seinen Orden und den gemeinsam mit der Heiligen Klarissa von Assisi gegründeten Frauenorden der Klarissen.
(Hirmer Verlag. 504 S., 400 Abb., 39,90 Euro)

Magdalena Soest: Caterina Sforza ist Mona Lisa

Caterina Sforza gilt als eine der faszinierendsten, schönsten Frauen der italienischen Renaissance – machtbewusste Fürstin, bewunderte Amazone und verachtete Mörderin. Sie und keine andere war es, die Leonardo da Vinci (1452 bis 1519) in seinem weltberühmten, rätselhaften Bildnis der "Mona Lisa" porträtierte. Davon ist die deutsche Historikerin Magdalena Soest überzeugt. Fachgrenzen überschreitend, leidenschaftlich, durchaus persönlich und pointiert tritt sie in ihrem Band den Beweis für diese These an. Dabei gelingt es ihr die Leserschaft so zu fesseln und das Lebensgefühl des Cinquecento so anschaulich zu schildern, dass selbst nachvollziehbare Zweifel an ihrer nicht durchgehend überzeugenden Beweiskette, das Vergnügen und den Informationsgewinn, den ihr Buch bietet, keinesfalls schmälern.
(Deutscher Wissenschafts-Verlag. 462 S., 29,95 Euro)

Chris Dercon/Julienne Lorz (Hrsg.): Made in Munich. Editionen von 1968 bis 2008

Die Auflagenkunst demokratisierte den Kunstmarkt. Denn die vergleichsweise niedrigen Preise ermöglichten den Kunstkauf für jedermann. München war in den sechziger und siebziger Jahren ein wichtiger Produktionsort für Editionen und Multiples. Mit den Galeristen Sabine Knust, Bernd Klüser und Jörg Schellmann wird die Tradition bis heute fortgesetzt. 2008/2009 fand im Haus der Kunst mit "Made in Munich" eine Überblickausstellung auf 40 Jahre Editionskunst statt. Erst zwei Jahre später erscheint der gleichnamige Katalog. Die umfangreiche und gut recherchierte Publikation ist zugleich die erste in der neuen Schriftenreihe des Studienzentrums zur Moderne – Bibliothek Prinz Franz von Bayern. Mit Werken von mehr als 200 Künstlern und 60 Herstellern wird sie zu einem wichtigen Nachschlagewerk für Kunsteditionen in und aus München.
(Verlag der Buchhandlung Walther König. 368 S., 189 meist farb. Abb., 39,80 Euro)

Corinne Diserens (Hrsg.): Santu Mofokeng – Chasing Shadows

Spektakel oder gar Sensationen wird man auf den Fotografien von Santu Mofokeng eher vergebens suchen; der farbige Südafrikaner bevorzugt bei seinen Aufnahmen den Blick aufs Alltägliche, Unauffällige. Langweilig sind seine Bilder deshalb aber durchaus nicht – dafür sorgt schon die dramatische Geschichte seines Landes. Für die interessiert sich der inzwischen 55-Jährige, der den Zusammenbruch des Apartheid-Regimes vor Ort miterlebte, seit seiner Jugend und dem Studium. In einer ganzen Reihe von Projekten wie dem "Bloemhof Portfolio" (benannt nach einem Ort in der North West Province von Südafrika) dokumentierte er die oft deprimierenden Lebensbedingungen der schwarzen Bevölkerung, er grub alte Fotografien aus, um die Identität seiner farbigen Vorfahren zu bewahren, untersuchte den gelegentlich unfreiwilligen subversiven Humor von schicken Reklametafeln in schäbigen Umgebungen, und selbst Landschaften wurden vor seiner Kamera zu Zeugen der Historie seines Landes. Inzwischen – auch das belegt der Band, der erstmals einen Überblick über sein Gesamtwerk gibt – setzt Mofokeng seine Spurensuche an Schattenorten im Ausland fort: So entstand in den neunziger Jahren eine Serie über das KZ Auschwitz. Nach Stationen in Paris und Bern (siehe art 10/2011) werden seine Arbeiten noch in der Kunsthalle von Bergen, Norwegen (bis 26. Februar) und in der Extra City Kunsthal im belgischen Antwerpen (4 Mai bis 29. Juni) zu sehen sein. Die Monografie enthält neben zahlreichen Abbildungen auch ein ausführliches Gespräch der Herausgeberin mit dem Künstler, in dem er Konzeption und Herangehensweise seiner Fotografie erklärt, sowie einen Essay von Okwui Enwezor über die Ambivalenz zwischen Kunst und Dokumentation im Werk von Mofokeng im Vergleich zu seinen afrikanischen Zeitgenossen.
(Prestel Verlag. Text in Englisch. 240 S., 200 Abb., 49,95 Euro)

Wunderkammermusik. Die Sammlungen der Kunsthalle Bremen 1994–2011 und darüber hinaus. Eine Introspektive

Seit rund 150 Jahren beherrscht der stattliche Bau der Bremer Kunsthalle die Wallanlagen unweit des Marktplatzes. Im Sommer vergangenen Jahres wurde das Museum nach gründlicher Sanierung und einem spektakulären Anbau neu eröffnet. Mit der Übergabe der neuen Hallen an die Stadt nahm Wulf Herzogenrath nach 17 wirkungsvollen Jahren als Direktor seinen Abschied. Ihm zu Ehren ist nun ein wunderbarer Wälzer erschienen. Er dokumentiert das Geschehen um die Neuerwerbungen von 1994 bis 2011, beleuchtet aber auch den historischen Fundus der Sammlungsbereiche. So ist ein voluminöses Opus entstanden, ein spannender Parcours durch die intensive Ära Herzogenrath – kammermusikalisch hat er selbst die Exponate aus rund 600 Jahren stets liebevoll genannt. Die Herausgeber hat das zum Buchtitel "Wunderkammermusik" angestiftet. Ein anregender Band ist es geworden, im dem man, begleitet von Ausführungen kluger Museumskollegen, durch die erstaunlichen Bremer Schätze flanieren kann.
(DuMont Buchverlag. 752 S., 450 Abb., 78 Euro)

"Keiner hat diese Farben wie ich." Kirchner malt

Die Leuchtkraft in den Gemälden von Ernst Ludwig Kirchner fasziniert jeden Betrachter immer aufs Neue. Eine Ausstellung in Davos (Kirchner Museum, bis 15. April) möchte nun dieser Faszination auf den Grund gehen. Welche Maltechniken hat der Expressionist eingesetzt, wie hat er selbst seine Farben wahrgenommen? In seinen Tagebüchern und Skizzenheften sind dazu viele Details zu finden: "Rohleinen glatt, gemangelt" wollte er, denn "Die größte Sorgfalt sollte auf den Grund verwendet werden." Meist wählte er eine "Matte Oberfläche, die die Farben auch in der dunkelsten Ecke noch leuchten lässt", und natürlich sollten seine Bilder "ohne jeden störenden Schutzüberzug" ihre Wirkung entfalten. Basierend auf den Selbstzeugnissen Kirchners erforscht die Ausstellung anhand ausgewählter Arbeiten mit Infrarotaufnahmen die Malweisen des Künstlers. Das Begleitbuch dokumentiert detailgenau, wie er um seine Farbakkorde gerungen hat, und ermöglicht so einen spannenden Blick auf den Werkprozess bei Kirchner.
(Hatje Cantz Verlag. 192 S., 223 Abb., 39,80 Euro)

Helmut Friedel/Helena Perena (Hrsg.): Egon Schiele – "Das unrettbare Ich". Werke aus der Albertina

Heute zählen seine eindringlichen Porträts und provokanten Akte zu den Meisterstücken des Expressionismus. Um die vorletzte Jahrhundertwende lösten die Bildthemen des Österreichers bei Kunstliebhabern eher Verständnislosigkeit oder Empörung aus. In Wien war er bereits berühmt – verehrt und umstritten – als er erst 28-jährig starb. Das Extreme, Einzigartige, Unvergleichbare spielte bei der Wahrnehmung von Egon Schieles Leben und Werk immer eine entscheidende Rolle. Die Städtische Galerie im Lenbachhaus zeigt nun bis 4. März eine Auswahl seiner Kreide-, Bleistift und Aquarellzeichnungen aus dem Besitz der Wiener Albertina und unternimmt den Versuch, Schieles Werk weniger im Spiegel seines skandalumwitterten, kurzen Lebens als im Kontext der gesellschaftlichen Zeitströmungen um 1900 zu verstehen. Im Begleitkatalog mit exzellenten Abbildungen liefern Autoren wie die Kuratorin Helena Perena oder der Leiter der Albertina, Klaus Albrecht Schröder, einen neuen Blick auf den Künstlermythos Egon Schiele.
(Wienand Verlag. 264 S., 180 Abb., 39,80 Euro)

Moritz Holfelder: Peter Zumthor, Zaha Hadid, Daniel Libeskind. Audiobücher

In Köln wird am 14. März der Deutsche Hörbuchpreis 2012 verliehen. Der Berliner Verlag DOM Publishers ist von der Jury für seine Architekturhörbücher nominiert worden. In der Begründung dazu heißt es: "In einer verständlichen, unprätentiösen Sprache und unter wohldosiertem Einsatz minimalistischer Geräuscheffekte setzen sie ein genuin optisches Thema kongenial ins akustische Medium um." Häuser zum Hören – das Vorhaben klingt kompliziert, ist aber tatsächlich sehr gelungen. Der Journalist und Autor Moritz Holfelder begleitet die Zuhörer zu Peter Zumthor, Zaha Hadid und Daniel Libeskind. Die Architekten kommen jeweils selbst zu Wort, umreißen die Ideen und Motive ihrer Bauwerke und äußern sich zu ihrer Philosophie. Die fließenden Linien von Zaha Hadid werden beim Zuhören vor dem inneren Auge ebenso sichtbar wie die minimalistische Formensprache von Peter Zumthor oder die Symbolkraft der Libeskind-Bauten. Zuletzt ist im November 2011 ein Hörbuch über die Architektengruppe GRAFT erschienen.
(Dom Publishers. Spielzeit je ca. 73 Minuten, je 14 Euro)

Forget Fear

Schon im Vorfeld der 7. Berlin Biennale sorgte der Kurator Artur Zmijewski mit provokanten Aktionen für reichlich Diskussionsstoff. "Was erwartet uns auf der Ausstellung? Und hat das überhaupt noch etwas mit Kunst zu tun?", fragten sich viele besorgt. Somit kommt die erste Publikation zur geplanten Ausstellung mit dem Titel "Forget Fear" genau zum rechten Zeitpunkt. Der kompakte, in blaues Leinen gebundene Band präsentiert Künstlerpositionen, dokumentiert Aktionen, stellt unangenehme Fragen und schlägt alternative Strategien vor. "Das Modell kuratorischer Arbeit, das ich angenommen habe, basiert nicht darauf, Kunstobjekte zu verwalten, sie aus dem Gesamtwerk von KünstlerInnen zu fischen, sie zu transportieren, zu versichern und an die Wand zu hängen," erläutert Zmijewski sein Konzept: "Es basiert auf Moderation und auf Verhandlung zwischen konträren politischen Standpunkten in Form von künstlerischem Handeln." Mit seinem Ansatz hat er sich bisher wenige Freunde gemacht. Denn Zmijewski kritisiert Kunst nicht nur als "inhaltsleeres Spektakel", sondern stellt auch gleich das ganze Kunstsystem in Frage. Als Kurator der Berlin Biennale ist das ein riskantes Unterfangen. Schließlich ist die von der Kulturstiftung des Bundes mit 2,5 Millionen Euro geförderte Ausstellung ein international beachtetes Vorzeigeprojekt zeitgenössischer Kunst. "Auch ich fürchte mich", gibt er zu, "aber ich versuche, die Angst zu vergessen."
(Erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König ab 28. Februar, 28 Euro)