Markus Lüpertz - Konzert

Der Pianofürst

Samstagabend: Über Leipzigs Augustusplatz fliegen dissonante Klänge. Das ist nicht ungewöhnlich in den Tagen der Buchmesse – da brodelt es überall irgendwie, kulturell gesehen. Diese Töne allerdings versprechen ein ungewöhnliches Erlebnis, sie dringen aus dem Foyer des hell erleuchteten Gewandhauses. Dort tritt heute nämlich Markus Lüpertz mit seiner Band auf. Als Begleitevent zur Vorstellung von Lüpertz’ "Zeitschrift für kursives Denken" hat der Verleger und Manager G. H. Holländer einen Gig der illustren Formation im Gewandhaus organisiert.
Exklusiver Video-Mitschnitt:Markus Lüpertz und seine Band – live

"Alle Energie, die beim Malen verloren geht, kommt am Piano wieder rein." – Markus Lüpertz präsentiert seine Fingerfertigkeit

Direkt unter Sighard Gilles monumentalem Wandgemälde, das sich in vier Segmenten vom Erdgeschoss des Hauses bis zum Dach hinaufschwingt, spielt die Jazzcombo aus sieben Herren mittleren Alters. Allerlei Prominenz ist ausgerückt, das Spektakel zu erleben: hinter der Rezensentin sitzt Gille selbst, Tilman Spengler weht im roten Schal durch die Hallen, Reclam-Geschäftsführer Frank R. Max ist gekommen, und in der ersten Reihe thront Hartwig Ebersbach.

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Strecken Teaser

Zunächst einmal erklärt Bassist und Bandleader Frank Wollny die musikalische Strategie: Das Stück werde dirigiert von der absoluten Hingabe des Mannes am Klavier, nämlich Markus Lüpertz. Dessen Hände seien ja nur den Pinsel gewöhnt und nach dem Auftritt gleichsam blutig: "Alle Energie, die beim Malen verloren geht, kommt am Piano wieder rein." Was Lüpertz spiele, werde von den Profi-Kollegen sozusagen umrundet. So sehe die Struktur aus – und schließlich seien Musiker wie bildende Künstler ja gewohnt, mit Strukturen umzugehen. Diese Gemeinsamkeit sei wie ein Bild. Dann kommen die Herren zur Sache. Am Vibraphon nimmt der geniale Percussionist Wolfgang Lackerschmid das noch sanfte Ostinato des Meisters am Steinway-Flügel auf, Manfred Schoof legt wohlwollend ein paar Trompetenklänge drüber, Frank Köllges streichelt sein Schlagzeug ein wenig, und Frank Wollny am E-Bass sowie Jesus Canneloni (sic!) am Saxophon halten sich vornehm zurück. Das klingt sehr nach der angekündigten Struktur und weniger anarchistisch als man von einer angekündigten Free-Jazz-Session erwarten mag.

Markus Lüpertz & Band – live

Melancholische und sympathische Selbstzerrissenheit

Noch hat man Zeit, darüber nachzudenken, dass für diese Künstlergeneration Free Jazz wohl untrennbar zum Lebensgefühl gehört. Lüpertz wird unterdessen ein bisschen rot im Gesicht vor Anstrengung an Tasten und Pedal, sein grünes Einstecktüchlein wippt ein bisschen und die bekannten exzentrische Ringe sucht man vergebens an seinen flinken Fingern. Hier wird also tatsächlich gute Musik gemacht. Die versammelten Stars der Jazzszene genießen den Spaß sichtlich, sie toben sich in spannenden Soli aus. Wunderbar der Saxophonist mit dem skurrilen Pseudonym, bald erwacht auch der Schlagzeuger, Gitarre und Trompete folgen. Während anfangs das angekündigte Umrunden des Mannes an den Tasten noch wie ein respektvolles Umschleichen wirkte, entwickelt sich nun rasch ein furioses Finale, das die Holzvertäfelung des Gewandhauses zum Vibrieren bringt. Zum Schluss des ersten Sets intoniert Frank Wollny verschmitzt noch einen fast melodischen Scat-Gesang, in dem Worte wie "Leipzig bleibt" zu identifizieren sind. Da swingt der Saal sogar ein bisschen, und wie tröstend fügt Wollny am Schluss dazu "Euer Leipzig ist immer noch schön". Darauf erst einmal ein Bier am Lobbytresen.

Das Gedicht "Wehmut" von Markus Lüpertz

In der Pause gesellt sich der Malerfürst im schwarzen Gehrock kurz zu den Rauchern auf dem Augustusplatz, ist aber dann bald wieder auf der Bühne und treibt seine Mitstreiter ungeduldig zusammen. Dann ergreift er das Mikro und rezitiert wahrhaftig ein eigenes Gedicht. Hier werden offenbar alle verfügbaren Talente mobilisiert. Das kleine Poem heißt "Wehmut" und illustriert Lüpertz’ Interesse am Lyrischen wie weiland seine Dithyramben-Kunst. Man findet die melancholischen und sympathische Selbstzerrissenheit spiegelnden Zeilen auch in der jüngsten Ausgabe der erwähnten "Zeitschrift für kursives Denken", die am Sonntagmorgen auf der Buchmesse präsentiert wurde. Für das Heft, das unter dem Obertitel "Frau und Hund" erscheint, lädt Lüpertz namhafte Autoren ein – aktuell sind das Koryphäen wie Werner Schade, Durs Grünbein oder der junge sächsische Dichter Thomas Kunst. Die Lust, sich mit Kreativen auf Augenhöhe zu umgeben, wirkt gekonnt und spiegelt sich auch in der handverlesenen Besetzung der Band, die gerade wieder ins erhitzte Improvisieren gerät. Derart warmgespielt, kann das Konzert im legendären Dresdner Jazzklub "Tonne" am nächsten Abend eigentlich nur noch ein Erfolg werden.