Fetish Bubblegirls - Fotografie

Nimm mich! Nimm mich!

Der französische Künstler Tilt spielt mit dem Klischee des weiblichen Sexsymbols. Er spricht fremde Frauen an, bemalt ihre Körper, fotografiert sie und hinterlässt in jeder Stadt ein Graffito mit ihren Vornamen. art-magazin.de sprach mit dem Hamburger Kurator und Street-Art-Sammler Rik Reinking über seine Freundschaft zu Tilt und die Idee hinter den schönen Bildern
Graffiti on girls:Tilt verbindet Graffiti und Fotografie völlig neu

"Fetish Bubblegirls", Photograffitis by Tilt.

art: Darf Kunst sexy sein?

Rik Reinking: Ja, auf jeden Fall. Es geht ja darum, den Betrachter zu erreichen und zu bewegen – und das kann auf verschiedenen Ebenen passieren. Ich finde es nur schwierig, wenn stumpf ein paar sexy Motive ausgewählt werden. Aber wenn dahinter ein durchdachtes Konzept steckt, ist das was anderes.

Was ist sein Konzept? Können Sie uns eine kurze Charakterisierung geben?

Es gibt bei seinen Arbeiten drei verschiedene Betrachter. Es gibt immer den, der sagt: „Oh, mein Gott! Ist das aber schlecht gezeichnet!“ Der andere sagt: „Wow, ist die aber hübsch!“ Darum geht es aber nicht. Zum Glück gibt es noch die dritte Gruppe, die sich fragt: „Was passiert da eigentlich?“ Tilt hat sich zum Ziel gesetzt, ein Bubblegirl in jeder Stadt zu finden, in der er sich aufhält. Und wenn er eine interessante Frau trifft, fragt er diese, ob sie bei einem Shooting mitmachen würde. Sie entscheidet dann selbst, wie weit sie gehen möchte. Viele wagen einiges, denn es scheint ihnen darum zu gehen, für einen Moment als Motiv berühmt zu sein, gesehen zu werden. Und es gibt immer mehr Girls, die genau das kitzelt.

Sie glauben also, seine Kunst ist keine Ausrede, um zu reisen und schöne Frauen kennenzulernen?

Nein! Dazu geht Tilt viel zu ernsthaft mit seiner Arbeit um. Man merkt schnell, dass er einen großen Respekt vor Frauen hat. Das ist keine Masche um sein Gegenüber zu bezirzen – das ist ihm relativ egal. Es gibt einen Termin, dann trifft man sich und erarbeitet das Resultat gemeinsam. Abschließend bedankt er sich mit einem öffentlichen Graffito: Er platziert den Vornamen seines Models im Urban Space. Er revanchiert sich also und setzt ihr damit noch einmal ein Zeichen in der Stadt. Zudem inszeniert Tilt seine Models nicht. Er benutzt ihr eigenes Interesse und Bedürfnis, sich zu zeigen. Was ich im Vorwort zum Buch gesagt habe: Heutzutage verstehen wir uns viel stärker als eine Ware, die sich auch benutzen lässt. Wir leben in einer Fast-Food-Gesellschaft und in einer Fast-Consume-Gesellschaft. Und dazu gehört auch, dass man akzeptiert hat, sich konsumieren zu lassen. Ob das gut ist oder nicht, sei dahingestellt. Tilt geht zumindest sehr kritisch damit um.

Und Sie kennen Tilt persönlich?

Wir arbeiten schon seit gut zwei Jahren zusammen. Wir sind befreundet und ich vertrete ihn wirtschaftlich, inhaltlich und rechtlich.

Wie kam der Kontakt zustande?

Ich habe irgendwann ein Buch mit seinen Arbeiten gesehen und dachte: Den muss ich unbedingt mal treffen. Irgendwann hat er sich gemeldet und wir haben uns relativ schnell angefreundet. Ich dachte nie, dass es in seiner Kunst nur um die Oberfläche geht, nur um die süßen Motive. Ich wollte wissen, was für ein Mensch dahintersteckt. Er ist einfach viel zu sensibel, viel zu feinfühlig, um nur ein paar „sexy Bildchen“ zu schießen.

"Tilt begrenzt sich nicht auf den Körper einer Frau"

Wie arbeitet Tilt im Detail?

Er reist und spricht dann Frauen an. Einmal auch in Hamburg. Ich habe ihm noch gesagt: „Vergiss es! Das klappt in Hamburg nie!“ Dann saßen wir in einem Hamburger Café und hatten ein nettes Gespräch – und auf einmal sprang er auf, entschuldigte sich ganz höflich und war weg. Kurz danach kam er wieder – mit einem Mädchen. Sie war ein wenig irritiert, ein wenig verstört, hat sich aber alles angehört und fand es interessant und spannend. Er hat auch nicht angefangen zu flirten. Er hat sich vorgestellt, sein Büchlein gezeigt und sie höflich gefragt, ob sie Lust hat mitzumachen. Und dann haben sie sich für den nächsten Tag verabredet. Auch bei meiner Wuppertaler Ausstellung „Still on and non the wiser“ war er dabei und während wir die Eröffnung feierten, hat er sich verdrückt und mit einer Besucherin eine Fotoserie gemacht – und noch in der gleichen Nacht in der Stadt ihren Namen gesprüht. Er ist ein Sender, auf der Suche nach einem Empfänger – und vice versa. Er sieht auch sofort, wen er ansprechen kann und wen nicht. Man muss ihn dabei erleben, er ist sehr höflich und charmant – will danach aber auch keinen Kontakt zu den Frauen halten. Tilt bekommt oft ganz absurde Mails von Mädchen, die gerne ein Bubblegirl wären. Er geht auf diese Wünsche jedoch nicht ein, denn er selbst muss das Model finden.

Tilt nennt sich selbst „Graffiti Fetischist“ – was soll das sein?

Tilt ist mit Skateboard und Graffiti aufgewachsen – und er hinterlässt im öffentlichen Raum, ohne Genehmigung, seine Zeichen. Das begrenzt sich nicht nur auf den Körper einer Frau, sondern er lebt das Ganze sehr intensiv.

Würden Sie ein Bild von Tilt auch in Ihrem Wohnzimmer aufhängen?

Ja! Es hängt sogar eines dort. Emily aus Auckland.

Und ist jetzt auch eine Ausstellung geplant?

Ja, ab dem 21. September bis zum 10. November 2007 gibt es eine kleine Gruppenausstellung in der Hamburger Galerie Peter Borchardt. Es geht dabei um die Grenzgänger der Fotografie. Neben Tilt werden auch Arbeiten von ZEVS, Nan Goldin, Andre Serrano, Sam Samore und Daniele Buetti gezeigt.

Letzte Frage: Falls Tilt einmal eine „Bubbleboys“-Serie realisieren würde, würden Sie sich bemalen lassen?

Sind Sie wahnsinnig? (lacht) Das will ich wirklich keinem antun.

Buch: Fetish Bubblegirls. Worldwide Bubblegirls, Photograffitis by Tilt. Publikat Verlag, 128 Seiten, 19,90 Euro. Termin: "Gezeichnet", mit Tilt, ZEVS, Nan Goldin, Andre Serrano, Sam Samore und Daniele Buetti. 21. September bis 10. September, Galerie Peter Borchardt, Hamburg