Deserteurs Denkmal - Wien

Besser spät als gar nicht

Direkt am Wiener Ballhausplatz wird am Freitag das erste Deserteurs-Denkmal in Österreich eingeweiht. Gestaltet hat es der Berliner Künstler Olaf Nicolai. im art-Interview erklärt er, was es mit seinem liegenden "X" auf sich hat, und wann Widerstand zur Pflicht wird.

art: Bei Ihrem Deserteurs-Mahnmal steht jeder von uns plötzlich wie ein Held auf einem Sockel. Zumindest jeder, der sich traut, die drei Stufen auf das liegende Beton-"X" hinaufzugehen. Woran soll er oder sie im Augenblick dieser Erhebung denken? Was ist die Message?

Olaf Nicolai: Ich denke nicht zu sehr in Botschaften. Mir reicht es, wenn die Leute es betreten, die Inschrift lesen – und sich Gedanken machen wie sie sich als Einzelpersonen zu dem Moment der Dissidenz verhalten. Ein Innehalten, bei dem man sich als Einzelner erfährt, umgeben noch dazu von lauter Orten, die den Staat repräsentieren. Es geht um die Beziehung zu einem selbst, um dieses "alone", um die Bereitschaft, alleine für etwas einzustehen.

"All/alone" ist auch als Inschrift in die Oberfläche des "X" eingelegt, ein Zitat des schottischen Schriftstellers Ian Hamilton Finlay. Wie sind Sie gerade auf ihn gestoßen in diesem Zusammenhang?

Es ist kein Zufall, sondern hat viel mit Wien zu tun, worauf auch auf der Informationstafel hingewiesen wird. Ich wollte mich auf die für Wien charakteristische sprachexperimentelle Literatur beziehen, für die zum Beispiel die Wiener Gruppe steht. Da ist die Frage nach den Möglichkeiten des Engagements zentral: Ist dieses in der Kunst nur gegeben, wenn ich mich direkt politisch artikuliere? Oder ist eine Auseinandersetzung mit Sprachnormen, mit der Grammatik als Herrschaftsform, die viele für ein l'art pour l'art halten, nicht ebenso Engagement? Finlay hatte einen engen Bezug zur Wiener Szene, war ein Freund von Ernst Jandl. Außerdem war mir auch wichtig, dass es ein englischer Text ist und er somit eine gewisse Internationalität hat, für alle verständlich sein kann, die hierher kommen. Schließlich ist die Frage der Dissidenz gerade auch heute aktuell – was sind gerechte Kriege, gerechte Militäreinsätze, eine gerechte Armee?

Das Denkmal wirkt auf den ersten Fotos mehr grau als das ursprünglich in den Entwürfen zu sehen gewesene tiefe Blau. Warum haben Sie die ursprünglich geplante Farbe verändert? War es doch zu heikel an diesem Platz und für dieses Denkmal die politische Farbe der Rechten in Österreich zu wählen?

Nein, überhaupt nicht, es ist nur nicht das tiefe Blau der digitalen Visualisierungen, sondern ein helles Blau. Ich bin froh, dass es gelungen ist, den Beton so zu färben und dass nicht ein Anstrich ausgeführt wurde, der im Gespräch war. Dieser wäre zum einem nur temporär dauerhaft gewesen, und zum anderen hätte er der konzeptionell wichtigen, einfachen Materialität widersprochen. Es wäre dann eher der Eindruck eines überdimensionierten Spielzeugs entstanden. Jetzt ist es durch und durch farbiger Beton, dessen verwaschenes Jeansblau für mich mit jener wichtigen literarischen Assoziation verbunden bleibt, die mich unter anderen zum Blau geführt hat. In Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." nennt der Romanheld Jeans kein Kleidungsstück, sondern eine Lebenseinstellung. Jeans zu tragen hatte in der DDR einen symbolischen Wert, manche Leute wurden deshalb sogar der Schule verwiesen. Es war ein ganz klares dissidentes Merkmal.

Inwieweit haben Ihre Erlebnisse als in der DDR Aufgewachsener Ihre Arbeit an dem und Ihre Entscheidung zur Konzeption dieses Denkmals beeinflusst?

Ja, das hat eine Rolle gespielt. Ich habe mich bisher nicht beteiligt an Denkmal-Wettbewerben, weil ich nicht glaube, dass komplexe historische Sachverhalte zu bebildern sind. Aber gab es einen biografischen Bezug für mich? Die Situation, in der man sich entscheiden muss, wie man handelt, trotz Androhung von Strafe und Gewalt, und auch verängstigt zweifelt, kenne ich. Das soll nicht heißen, dass ich meine Erfahrung mit jenen Schicksalen analogisiere, derer hier gedacht wird. Man kann das nicht vergleichen. Auch wenn die DDR ein Unrechtsstaat war, ist sie nicht mit dem Nationalsozialismus vergleichbar. Ein solcher Vergleich verhindert eher historische Aufklärung. Aber durch diese Erfahrung hatte ich einen Zugang. "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht" – was dieser Satz Martin Luther Kings bedeuten könnte, wie weit man bereit ist zu gehen, das wurde diskutiert in meinem Freundeskreis.

In Deutschland gibt es über 30 Denkmäler für Deserteure, in Österreich ist es das Erste. Welche Hindernisse, Hürden mussten Sie während der nur einjährigen Konzeption bewältigen? Oder haben Sie gar positive Erfahrungen gemacht?

Ich war erstaunt, dass es das Erste ist. Aber besser spät, als gar nicht. Hürden für das Arbeiten gab es nur im technischen Sinne. Sollte es andere gegeben haben, dann hat man sie von mir ferngehalten. Es war ein ganz ruhiges Arbeiten. Den Zeitplan, der sehr sportlich war, einzuhalten – das wäre mit großen Diskussionen nicht möglich gewesen. Jedenfalls haben alle, die beteiligt waren, tolle Arbeit geleistet. Auch Kathrin Röggla hat sofort zugesagt, als ich sie um die Eröffnungsrede bat, genauso wie das Tanzquartier für die Performance. Es gab von allen Seiten große Unterstützung.

Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz

Am 24. Oktober 2014 wird das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz am Wiener Ballhausplatz eingeweiht. Es ist das erste Denkmal für Deserteure in Österreich. Es wurde von dem Berliner Künstler Olaf Nicolai entworfen und ist etwa 10 x 9 x 1,65 m groß