Venedig Biennale 2015: Der erste Rundgang

Tramezzini 2015

Noch hat die 56. Kunstbiennale in Venedig nicht offiziell eröffnet. Die ersten Korken knallen trotzdem schon schonungslos. Wer sich ab Samstag ahnungslos ins Getümmel um Giardini, Arsenale und Co schmeißt, läuft Gefahr Orientierung und Ruf zu verlieren: Die art-Redaktion hat sich dieser Bedrohung angenommen. Hier kommen unsere Tramezzini zur Venedig Biennale: Eindrücke, Hintergründe und Tipps zum schnell aber genüsslich Schnabulieren. Buon Appetito!
Tramezzini 2015

Auf der diesjährigen Biennale gibt es spektakuläre Skulpturen, wie etwa Xu Bing: "Phoenix", 2012-2013, ein haushohes Vogelwesen aus recyceltem Baumaterial, das chinesische Wanderarbeiter zurückließen

Zentralpavillon: Ein Künstler namens Karl Marx

Es ist wohl die erste Venedig-Biennale, die Karl Marx in der Künstlerliste führt. Der deutsche Philosoph hat wieder an Ansehen gewonnen, seit die Finanzkrise gezeigt hat, dass seine Analysen vielleicht doch nicht so ganz falsch waren.

Ein Problem des Kapitalismus, so hat es Marx analysiert, ist sein Hang zur Überproduktion. Den hat er mit der Kunstwelt gemein, könnte man denken, wenn man sich tagelang durch die gigantischen Mengen von Kunstwerken arbeitet, die in Venedig zu sehen sind. Der Hauptkurator Okwui Enwezor hat Marx nicht nur in die Künstlerliste aufgenommen, er macht ihn gewissermaßen zum Hausgeist der großen Ausstellung im Zentralpavillon. In der neu eingebauten Theaterarena wird aus Marx' Hauptwerk "Das Kapital" vorgelesen, der indische Künstler Madhusudhanan zeigt einen Zyklus von Zeichnungen zu Marx, und der Medienkünstler Isaac Julien befragt in einem Video den neomarxistischen Theoretiker David Harvey. Enwezor beweist damit ein gutes Gespür für den Zeitgeist, trotzdem wirkt diese Setzung seltsam halbherzig. Gerade im Zentralpavillon wird viel 68er-Revolutionsromantik verbreitet, Arbeiten von Künstlern wie Olaf Nicolai und Naeem Mohaiemen beziehen sich auf die Ära der Studentenrevolte, deren Relevanz für die Gegenwart bleibt aber unklar. Brennende heutige Themen wie die Schuldenkrise kommen gar nicht vor, dafür darf ein verdienter Politkünstler wie Hans Haacke in einem ganzen Raum nochmal die Schlachten von gestern schlagen. An dieser Stelle ist Enwezors Ausstellung denkfaul und vermittelt entgegen ihrer Absicht den Eindruck, Marx sei ein Thema für Nostalgiker. rs

Enwezor: Der neue Hang zur Opulenz

Wer Komplexität erreichen will, muss Widersprüchliches zulassen. Als der in Nigeria geborene Okwui Enwezor im Jahr 2002 die Documenta in Kassel kuratierte, war das Echo gespalten: Der Kurator wurde gelobt für die Leistung, die Globalisierung der Kunstwelt glaubwürdig abgebildet zu haben, kritisiert wurde aber das Übergewicht des Dokumentarischen und des Diskurses gegenüber der sinnlichen Erfahrung. 13 Jahre später erweist sich Enwezor plötzlich als Regisseur einer neuen Opulenz. Mit dem ostentativen Bezug auf Karl Marx und einigen politischen Arbeiten scheint dem Diskurs Genüge getan, Enwezor schwelgt ansonsten erstaunlich oft in opulenten Bildern von Künstlern, die darüber hinaus auch noch als Marktlieblinge gelten. Vor allem die Malerei hat ihre großen Auftritte: Georg Baselitz und Katharina Grosse füllen ganze Räume im Arsenale. Im Zentralpavillon sind Stars wie Wangechi Mutu, Andreas Gursky, Marlene Dumas und Victor Man eigene Mini-Ausstellungen gewidmet. Will Enwezor es allen Recht machen? Ist er zum Mainstream-Kurator geworden? Eine mögliche Erklärung: Seit 2011 führt er das Haus der Kunst in München und arbeitet damit zwangsläufig näher am Publikum. So richtig zusammen gehen der alte und der neue Enwezor aber noch nicht: Es gibt sehr schöne einzelne Räume, aber insgesamt wirkt die Mischung an vielen Stellen unausgegoren und produziert eher Unwucht als komplexe Widersprüchlichkeit. rs

Australischer Pavillon: Schamanismus 2.0

Wie schon bei der Documenta, wo Fiona Hall in einer kleinen Parkhütte ihren persönlichen Zivilisations-Voodoo ausgebreitet hat, ist auch in Venedig das Eintauchen in diesen Privatkosmos Pflicht. Bemalte Kuckucksuhren und gehäkelte Schrumpfköpfe, Gewehre aus Teig und erfundene Dokumente, Totenköpfe und Knochen arrangiert wie ein großes Totemfest bevölkern den neu gebauten Australischen Pavillon. Dieses bizarre Kabinett der Wunder und des Schamanismus ist Kult im besten Sinne. tb

Palazzo Falier: Mit den Augen die Kamera wegdrücken

Wir sind zu früh. Um sieben Uhr abends haben erst eine Handvoll Gäste den Weg zur Vernissage im Palazzo Falier am Canal Grande gleich hinter der Accademia-Brücke gefunden. Die Kellner polieren noch die Sektgläser, der Künstler Sean Scully ist nirgends in Sicht. Also erstmal in Ruhe Bilder gucken. Die machen sich im venezianischen Prunkambiente ziemlich gut. Der irische Maler, bekannt für samtige Farbfeldgemälde in gedeckten Grau-Braun-Schwarztönen, hat seine Palette für Venedig aufgepeppt. Da glühen leuchtend rote und gelbe Blockstreifen neben türkisblauen und giftgrünen. Und so als habe der schwankende Untergrund Venedigs seine Linienführung aus dem Lot gebracht, sind die Farbblöcke nicht mehr ordentlich im rechten Winkel aufgebaut, sondern verlaufen mal schräg nach oben, mal hat der Pinselstrich einen nachlässigen Schwung. Das verunsichert die eingefleischten Scully-Fans. "Ist ja ganz schön, aber die alten Bilder gefallen mir besser", hört man sie tuscheln. Allmählich füllt sich der Saal, die meisten schreiten schnurstracks auf den Balkon und genießen erst mal den erhabenen Blick auf den Kanal. Jetzt ist auch der Künstler da. Vor einem grünblauen Streifenbild mit dunklen Schlieren, das an die Farben des Wassers in der Lagune erinnert, unterhält er sich mit Besuchern und signiert Kataloge. Wir wollen auch einen. Schließlich hat ART Sean Scully schon 1998 zum Titelhelden gekürt. An das Cover-Shooting, auf dem Scully mit intensiven, fast drohendem Blick vor einem seiner Bilder steht, kann sich der 70-jährige Künstler noch genau erinnern: "Da kam dieser Fotograf aus Deutschland angereist, baute seine Kamera auf und erklärte mir, ich solle mit den Augen die Kamera wegdrücken: Push the camera away with your eyes! – Ich wusste gar nicht, was er damit meinte. Aber als ich das Ergebnis sah, war ich begeistert. Das ist das beste Porträt, was je von mir gemacht wurde." Danke für das Kompliment, sagen wir – und machen dann noch schnell ein freundliches Handyfoto. ut

Punta della Dogana: 100 Jahre Vergänglichkeit

Der dänisch-vietnamesische Künstler Danh Vo durfte parallel zur Biennale in der Punta della Dogana eine eigene Groß-Schau mit dem Titel "Slip of the Tongue" kuratieren, die sich zu einem Museum der Metamorphosen auswuchs. Eigene Werke kombiniert Vo mit körperlicher Konzept-Kunst aus über hundert Jahren. Von Rodin bis Nairy Baghramian reicht die Formgeschichte, von schmerzlich bei Paul Thek bis lustig bei Elmgreen & Dragset reichen die Atmosphären, und jeder Raum stellt eigene Bezüge zu Themen wie Deformation, Tod, Vergänglichkeit und Identität her. Eine überaus sinnliche Schau zu einem eher philosophischen Universalthema. tb

Palazzo Fortuny: ein bunter Strauß Kunstgeschichte

Ein überbordende Sammlung von Objekten wurde im Palazzo Fortuny zum Thema "Proportion in Kunst und Architektur" auf vier Stockwerken versammelt. Die überwältigende Inszenierung stellt historische Theatermodelle neben Videoinszenierungen, hängt Elsworth Kelly neben klassische Marmortorsi und ägyptische Miniaturen, baut Räume mit Archivschränken, einem monumentalen Pferdebild und Pop-Art, um die unterschiedlichen Auffassungen über das menschliche und das unmenschliche Maß zu illustrieren. Eine grandiose Abenteuerreise in die Kunstgeschichte. tb

Polnischer Pavillon: Herzog trifft auf Thurn und Taxis

Große Panorama-Leinwand, große Oper: Das polnisch-amerikanische Künstlerduo C.T. Jasper & Joanna Malinowska hat sich von Werner Herzogs "Fitzcarraldo" inspirieren lassen und in einem Dorf in Haiti die polnische Volksoper "Halka" aufgeführt. Die Künstler haben das gefilmt und präsentieren sie nun als Drei-Kanal-Video auf einer riesigen, halbrunden Cinemascope-Leinwand. In der Oper geht es um ein schwangeres Bauernmädchen und hochmütige Landbesitzer, verletzte Ehre und mangelnden Respekt. Das Orchester sitzt auf einer Veranda auf Plastikstühlen, der Dirigent rennt eben mal über die Straße zu seinem E-Piano, um die Klavierüberleitung zu spielen. Die Sänger singen mitten auf der Straße und verschwinden hinter klapprigen Hütten. Die haitianischen Dorfbewohner sitzen, stehen, rauchen, lachen, klatschen am Straßenrand. Auch eine am Baum festgebundene Ziege spielt eine nicht unwesentliche Nebenrolle. Ab und zu rattern Motorradfahrer durchs Bild. Dann plötzlich wankt eine korpulente ältere Frau mit rosa Chanel-Jäckchen, strubbeligem Kurzhaar und großer Sonnenbrille vor der Leinwand durchs Bild. Gehört das jetzt auch zur Performance? Nein. Es ist Gloria von Thurn und Taxis, die verwirrt ins Publikum blinzelt, auf die Screens schaut, weiter trottet, bis ganz zum Ende des Saals. Dann geht sie mit mürrischem Blick wieder zurück, dicht an der Leinwand, mitten durchs Bild. Polnische Oper im kreolischen Dorf ist wohl nicht ihr Ding. ut

Deutscher Pavillon: Leider – erstmal – nichts zu sehen

Auf dem Dach des Deutschen Pavillons lässt Olaf Nicolai Maß-Bumerangs schnitzen. Nur ab und zu ist ein Probewerfer kurz am Gesims zu sehen, die Holzteile flitzen um die Baumkronen. Dann werden sie an Straßenhändler abgeben, die sie in Venedig verticken. Das ist ein kluger und zugleich poetischer Kommentar über die Warenkreisläufe in der globalisierten Welt, die beste Arbeit in der Fabrik, die der Deutsche Pavillon diesmal sein will. Leider wird sie aber nicht gezeigt. Wie man davon erfährt? Nicht vom Kurator, sondern vom Galeristen. Den ganzen Tag über lauert Eigen+Art-Chef Judy Lybke draußen vorm Pavillon und erklärt wohlgelaunt die immaterielle Arbeit seines Künstlers da irgendwo über den Köpfen. Auch seine Performance ist ein Kommentar über Warenkreisläufe, nicht so poetisch, aber treffend. ts

Britischer Pavillon: Trash Punk statt Ausverkauf

Wollüstige Riesenwürste vor grellgelber Wand, lebensgroße Gipsrücken mit Zigaretten im Arsch, Köpfe in Kloschüsseln, Eames Chairs aus Beton, rollige Balloon Cats... Bad Girl Sarah Lucas hat im britischen Pavillon noch mal ihr ganzes rotzig-trashiges Formenrepertoire ausgebreitet, diesmal allerdings richtig teuer. Patinierte Bronze statt fleischfarbener Strumpfhosen. Da hört man gleich wieder die Unkenrufe, besonders von den Herren der Schöpfung: Ausverkauf. Jetzt macht sie auf große Bildhauerin. Jeff Koons für Arme. Wenn schon, dann doch wohl eher Franz West für Feministinnen! Und überhaupt, was ist daran verkehrt, wenn eine bedeutende britische Künstlerin in Venedig groß auftrumpft? Ist das nicht Sinn und Zweck der Sache? Und ist der Britische Pavillon nicht genau die richtige Bühne dafür? Keine Sorge, Sarah Lucas tritt auch mit patinierter Bronze dem Establishment noch gegenʻs Schienbein. Das hat sie bei der Eröffnung bewiesen: keine salbungsvollen Reden, sondern Trash-Punk vom Feinsten. Dazu trug sie Doc Martens mit der britischen Flagge auf der Spitze – darunter verbergen sich immer noch Stahlkappen. ut

Palazzo Pisani: Per aspera ad astra

Ziemlich versteckt liegt der Seiteneingang zum Palazzo Pisani, wo Komponist Brian Eno und Maler Beezy Bailey vollmundig "The Sound of Creation" ankündigen. Man kämpft sich durch ein endloses Treppenhaus: sechs Etagen, 41 nette Bildchen, viele davon mit minimalistischen Eno-Sounds illustriert, die man über Kopfhörer verabreicht bekommt. Aha, so also klingt die Schöpfung. Dann aber tritt man leicht genervt und abgekämpft auf die vielleicht schönste Dachterrasse der Welt mit einem atemraubenden Blick über die Stadt, den Canal Grande zu Füßen und den Wind um die Ohren. Das war den Kreuzweg wirklich wert. Danke, Brian Eno! ts

56. Venedig Biennale

Die Biennale läuft vom 9. Mai 2015 bis zum 22. November 2015 in Venedig.
http://www.labiennale.org