15 Quadrat - Kunst macht Schule

Fuck passt immer

15 Quadrat, eine gemeinnützige Initiative des Kunstclubs Hamburg, möchte Kinder und Jugendliche für zeitgenössische Kunst begeistern: Sechs Hamburger Schulen haben in diesem Schuljahr einen Kunstkoffer erhalten – und einen Künstler als Vermittler. art zu Besuch in der Gesamtschule Harburg.
Kunst im Klassenzimmer:art zu Besuch in der Gesamtschule Harburg

"Ein Koffer voller Kunst" nennt sich das ungewöhnliche Lehrkonzept – aber nicht alle Schüler scheinen begeistert

In Hamburg-Harburg wird an einer Bombe gebastelt. Ganz ohne terroristischen Hintergrund: Die Attentäter führen nichts im Schilde – außer Kunst. Sie besuchen die zehnte Klasse der Gesamtschule Harburg. Dass die Bombenbauerei hier quasi auf dem Lehrplan steht, ist dem Projekt "15 Quadrat – Kunst macht Schule", kurz 15 Quadrat, zu verdanken.

15 Quadrat ist eine Initiative des Kunstclubs Hamburg, die Kindern und Jugendlichen zeitgenössische Kunst näher bringen will. Das Prinzip: 80 Künstler, darunter Eva & Adele, Jonathan Meese und Lois Renner, steuern jeweils drei Werke bei, im Format 15 x 15 cm. Das erste ist für die wachsende Sammlung bestimmt, das zweite wird zur Finanzierung des Schulunterrichts versteigert, und das dritte kommt in einen Kunstkoffer und ist für das Programm an den Schulen gedacht. "Ein Koffer voller Kunst" nennt sich das ungewöhnliche Lehrkonzept. Praxisnah soll der Unterricht sein und den Kunstbegriff der Jugendlichen durch den Umgang mit Originalen – Werken und Künstlern – bereichern. In diesen Monaten stellt sich das Projekt einem ersten Praxistest, auch an der Gesamtschule Harburg.

Das explosive Objekt in den Kunsträumen im vierten Stock ist eine Skulptur aus drei ursprünglich harmlosen Materialien: einer quadratischen Schachtel, einem kleinen runden Lampenschirm und einem Absperrband für Baustellen. Nach nur anderthalb Stunden ist daraus die eingezäunte Paketbombe geworden, mit dem roten Schriftzug "DHL" auf knallgelbem Karton. "Eine sehr zeitgenössische Arbeit zur Alltagskultur", sagt der Künstler Matthias Weber und quittiert die Leistung der Gruppe "Cyan" mit einem anerkennenden Nicken. "DHL geht jetzt ja auch Pleite." Weber ist einer der fünf Kunstvermittler von 15 Quadrat. Er bestreitet heute die vierte von insgesamt neun Doppelstunden, gemeinsam mit zwei Lehrern. Kunst beginnt bei den beiden zehnten Klassen, die sich für das Projekt zu einem Kurs zusammengefunden haben, jeden Montag um acht Uhr.

Schüler interviewen Jonathan Meese und Peter Hönnemann

"Das ist hier wie im Film für mich", sagt Matthias Weber, "wie auf dem Mond" – und meint das frühe Aufstehen. Die Fahrt von Stade, wo er seinen Wohn- und Atelierstandort hat, zur Schule in Harburg dauert immerhin eine Stunde, mindestens. In der Zeit muss er wach werden. Denn kaum hat er das Backsteingebäude der Schule in der Eißendorferstraße 26 erreicht, muss er funktionieren. Die 30 Schüler in den beiden Kunsträumen im vierten Stock wollen unterhalten, "wach gerüttelt werden", sagt Weber.

Heute steht Jeff Koons auf der Tagesordnung

Die Stunde beginnt mit einem Rückblick aufs Wochenende. "Was war da wichtig? Außer für Bio zu lernen?" Die Menge schweigt und starrt auf den Boden. Hier und da klirrt leise einer der überdimensionalen Ohrringe, die in den Ohrläppchen fast aller Mädchen stecken. Weber gibt nicht auf. "Kunst" steht an der Tafel und dazu gehört für ihn auch, über aktuelle gesellschaftspolitische Ereignisse zu sprechen. Dafür bringt Weber Zeitungen mit, die "Süddeutsche" zum Beispiel oder "Vanity Fair". Heute steht Jeff Koons auf der Tagesordnung. "Das ist der mit diesen Skulpturen, mit seiner Frau und so", sagt ein Mädchen. "Genau!", ruft Matthias Weber begeistert, sein Bürstenhaarschnitt wippt. Er liest ein Zitat von Jeff Koons vor, dass seine Arbeiten von "Überlegenheit und Unterlegenheit", von "Ermächtigung" handeln würden. "Manche trauen sich eben was", sagt Weber und blickt ernst in die Runde.

Wohin kommt der kleine Blumenstrauß aus Plastik?

Er fragt nach dem Stand der Dinge: Wie weit sind die einzelnen Gruppen? Team "Magenta" meldet sich zögernd. Es soll heute gemeinsam ein Kunstwerk gestalten, natürlich im Format 15 Quadrat. Grundlage ist eine Zeitungsmeldung: Ein Mann will eine Comicfigur heiraten. "Ihr könnt machen, was ihr wollt", erklärt Linda Ebert noch mal, die Atelier-Praktikantin von Matthias Weber, die ihn auch bei seinen Schulbesuchen unterstützt. Sie deutet auf das gesammelte Material für die kleine Leinwand, das auf dem Tisch liegt: "Wenn ihr das hier so ein bisschen schlampig aufklebt, sieht das schon ganz geil aus." Die Gruppenmitglieder nicken eifrig.

Linda Ebert seufzt. Sie ist ein bisschen enttäuscht über so viel Gehorsam. "Ich hätte gedacht, die wären viel spontaner, viel motivierter", sagt die 22-Jährige und blickt bedauernd auf ihre Schützlinge. "Ich hätte mir früher so einen Kunstunterricht gewünscht!" Da rauscht Matthias Weber mit wehendem Schal vom Nebentisch heran. "Jeff Koons!" ruft er begeistert, als er das goldene Herz sieht, das "Magenta"-Mitglied Nelli zwischen ihren Fingern mit den Goldlackierten Nägeln hält. Die Gruppe lässt sich von derlei Zwischenrufen nicht stören. Sie beraten weiter über die Komposition ihres Bildes: Wo soll das Herz hin? Wohin kommt der kleine Blumenstrauß aus Plastik? Und was passiert mit dem ausgeschnittenen Mann, dessen Kopf nicht mehr auf die kleine Leinwand passt?

"Meese ist ein bisschen komisch"

Einen Tisch weiter geht es derweil um Jonathan Meese. Die Schüler blättern in einem Katalog mit seinen Arbeiten. "Wenn man sich das so anschaut", sagt Matthias Weber, "denkt man sich doch auch, der kann echt schweinegut malen und nicht nur Haargummis aufkleben, oder?" Dieses ungewöhnliche Material, das Meese bei seinen 15 Quadrat-Kunstwerken einarbeitete, rief bei den Schülern zwiespältige Reaktionen hervor.

Kim findet Meese "ein bisschen komisch". Auf ihrer kleinen Leinwand kleben Zeitungsausschnitte von "Drogen und so" und ein lachendes Baby, als Gegensatz, abgetrennt durch eine feine Linie aus Blattgold. Zur Vollendung ihres Werks fehlt der Fünfzehnjährigen jetzt nur noch der passende Schriftzug. Aus dunkel umrandeten Augen starrt sie grübelnd aus dem Fenster, in den Hamburger Regen. Da, der rettende Einfall – sorgfältig schreibt sie mit Filzer "Fuck" auf den Baby-Kopf: "Das passt immer!"

Die "schwarze" Gruppe beugt sich derweil über einen alten Meister. "Leonardo Da Vinci, darüber haben wir doch letztes Mal gesprochen, erinnert ihr euch? Der 'Da Vinci-Code' und so?" fragt Matthias Weber. Die Jugendlichen nicken. Sie wollen nun da Vincis Abendmahl nachstellen, die "moderne Version", auf insgesamt 13 kleinen Tafeln – für jede abgebildete Person eine.

15 Quadrat Kidsevent

"Darf ich den Rahmen zerstören?" fragt Meltem und runzelt die Stirn hinter den langen, dunklen Ponyfransen. Sie kümmert sich um den neuen Jesus. "Wenn’s Sinn macht, klar!" antwortet Matthias Weber und Meltem legt los. Das Mädchen ritzt vorsichtig den Stoff auf. Warum sie das tut? "Ich weiß nicht, das kam ganz spontan." Sie klebt eine Postkarte der Mona Lisa hinter die Leinwand, die jetzt wie ein Stoffgitter aussieht. "Weil die als so perfekt gilt – so wie Jesus eben auch."

"Kunst ist nicht so schnippselig"

Matthias Weber ist nicht ganz zufrieden. Ihm ist das alles noch nicht "flippig" genug. Er findet die Schüler "total nett", aber ein "bisschen spießig". Er wünscht sich, dass sie "den Rahmen sprengen" – und meint damit auch die Regeln von 15 Quadrat. Denn die sind dem Künstler bisweilen zu eng. Er vermisst manchmal das große Ganze: "Ich finde es horrorartig, mich so beschränken zu müssen! Kunst ist nicht so schnippselig, nicht so klein und vor allem nicht so linear wie Mathematik."

Weber dehnt die Regeln von 15 Quadrat deshalb ab und zu ein bisschen und nutzt das Format als "Vehikel" für andere Auseinandersetzungen mit Kunst. Seine "15 Kubik"-Schachtel, aus der die "Cyan"-Gruppe ihre Paketbombe gebastelt hat, ist ein solcher Fall der leichten Regelübertretung. Wichtiger als das Format ist Weber das Material: "Und wenn es nur ein Absperrband ist – auch daraus kann Kunst werden."

"Das Pendel der Liebe"

Vanessa hat verstanden, was er meint: "In der Kunst ist alles erlaubt", sagt sie selbstbewusst den anderen Mitgliedern der "Magenta"-Gruppe. Und Nelli benutzt bereits die Fensterscheibe um ein Mädchen aus einem Manga-Comic abzupausen, für das Gruppenkunstwerk. Als endlich alles auf Leinwand gebannt ist, eine Collage aus Comic, Foto, Malerei und Gegenständen, ist das Mädchen zufrieden: "Das sieht voll hübsch aus!"

Am Ende der Stunde muss das Team von "Magenta" den anderen Gruppen vorstellen, was es gemeinsam erarbeitet hat. Nelli zupft sich noch schnell die pinkfarbene Strickjacke zurecht. Vanessa streicht sich nervös über den Seitenscheitel. Dann hält sie die kleine Leinwand der Gruppe hoch, samt frei schwebendem goldenem Herz. "Ah", sagt Matthias Weber schwärmerisch. Er sieht darin "das Pendel der Liebe", das in jeder Beziehung "hin und her" schwingt. "Nee", entgegnet Vanessa mit hoch gezogenen Augenbrauen, "das ist nur, weil meine Hand so zittert!"

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