Tanas - Berlin

Güle Güle und Görüsürüz – adé und bis bald

René Block schließt seinen Projektraum Tanas mit einer großen Doppelausstellung. Fünf Jahre hat der erfahrene Kurator in Deutschland Kunst aus der Türkei und der Diaspora gezeigt – und neue Brücken zwischen Istanbul, Diyarbakir und Berlin geschlagen.

Zum Finale sind sie alle noch einmal dabei. Ayse Erkmen und Hale Tenger, die starken Frauen, die bereits Anfang der neunziger Jahre in Istanbul von sich reden machten. Ahmet Ögüt und Sener Özmen, die jungen, ernsten Männer aus dem Osten der Türkei.

Aber auch Lawrence Weiner, Asta Gröting und Rosemarie Trockel machen bei "The Unanswered Question. Iskele 2" mit, der Doppelausstellung bei Tanas und im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.). Mit ihr wird René Block seinen Projektraum Tanas für Kunst in der Türkei und der Diaspora Anfang November schließen. Die Botschaft ist deutlich: Kunst aus der Türkei und dem Westen begegnen sich gleichrangig, hier in Gestalt vieler neuer Installationen, Skulpturen, Videos, Objekte und Fotografien, die locker gefügt ohne großen gemeinsamen Nenner nebeneinander stehen. "Kunst aus der Türkei ist angekommen", sagt Block.

Tatsächlich hat sich Istanbul längst auf die Weltkarte der Kunst geschoben – mit dem neuen Ausstellungshaus Arter etwa und vor allem seiner Biennale. In der Partnerstadt Berlin haben die Istanbul-Schauen der Akademie der Künste das Interesse verstärkt. Doch nirgends in Deutschland hat das Publikum Kunst aus der Türkei so kontinuierlich nah sein können wie bei Tanas. Hier ermöglichten Vorschauen auf die Istanbul-Biennalen 2009 und 2013 frühe Einblicke in die Konzepte. Künstler und Gastkuratoren wie Emre Baykal beantworteten geduldig kritische Nachfragen. Die quirligen Eröffnungen blieben bei Raki und Sesamkringeln stets bescheiden. "Für den Kunstaustausch zwischen Deutschland und Türkei hatte Tanas die größte und nachhaltigste Bedeutung, die ich kenne. Wichtigen Künstlern aus der Türkei wie Halil Altindere und Sarkis wurden hier Einzelausstellungen gewidmet", sagt der Berliner Künstler Nasan Tur, der bei René Block 2009 seine erste große Soloschau in Deutschland hatte.

Block startete Tanas, durchgängig finanziert von der türkischen "Vehbi-Koç-Stiftung", im April 2008 mit Kutlug Ataman. Der Filmkünstler füllte die Fabriketage mit alten Sesseln und Fernsehern, auf deren Bildschirmen Bewohner des Istanbuler Armenviertels Küba vielstimmig von ihren Leben erzählten. Höhepunkt in fünf Jahren Tanas war aber die Gruppenschau "Nicht einfach, die Welt in 90 Tagen zu retten" Ende 2009. Hier liefen Halil Altinderes Filme über das Zweistromland sowie Fikret Atays und Erkan Özgens Videos aus den türkischen Städten Batman und Diyarbakir: melancholische, bitter-komische Reflexionen über Grundbedingungen männlicher Existenz in dem von Wassermangel und bewaffneten Konflikten geprägten Osten der Türkei.

Das breite Spektrum begründet sich auf Blocks langjähriger Erfahrung. Bereits 1994 ermöglichte der ehemalige Fluxus-Galerist als Kunstchef am Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen eine Schau mit türkischen Künstlern. "Iskele", "Anlegestelle" hieß sie. Später kuratierte er selbst zum Thema: als Leiter der Istanbul Biennale 1995, als Chef des Kasseler Fridericianums sowie zuletzt in Istanbul am Arter und in der Galerie Pilot. Insider und Außenstehender zugleich, muss er kaum Rücksichten auf diplomatische Fallen nehmen. Ob Atatürk oder Schleier, Militär oder aktuell Erdogans Politik: Arbeiten bei Tanas sprechen heikle Themen an. Damit begründen sie den zunächst altmodisch anmutenden Länderschwerpunkt: Kunst, sagt Block, entsteht im Zusammenspiel mit Ort und Zeit.

Dass er seine Brücke nun ausgerechnet während der Proteste gegen Erdogan schließt, ist ein Verlust. Tanas muss das alte Fabrikhaus hinter dem Berliner Hauptbahnhof verlassen, das Viertel wird saniert. Für René Block Anstoß aufzuhören, bevor sein Projektraum "Routine wird". "Aber wir lassen Herrn Block nicht gehen", sagt Koç-Berater Mehli Fereli: Der Kurator sei im Aufbau-Team des Istanbuler Museums für Gegenwartskunst dabei, das 2016 eröffnen soll. In Berlin wird René Block dennoch bleiben. Seine Edition mit Multiples, die kürzlich 45-jähriges Bestehen feierte, will er 2014 im Bezirk Charlottenburg wiedereröffnen – und dort auch Arbeiten türkischer Künstler verlegen.

The Unanswered Question. Iskele 2

bis 3. November,
Tanas,
Berlin
und Neuer Berliner Kunstverein
http://tanasberlin.de/index.php?nav=aktuell

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