Stuttgart - Szene

Idealismus ist das beste Fördermittel

Neue, nicht-kommerzielle Ausstellungsorte haben heute kaum noch Überlebenschancen. Da eine Förderung meist nur sehr knapp ausfällt, müssen die Jung-Galeristen dies mit viel Enthusiasmus ausgleichen. art-Autorin Adrienne Braun hat sich in der Stuttgarter Untergrundszene umgesehen.
Am Minimum:Off-Spaces kämpfen ums Überleben

Tod Seelie, "Meghan Up", 2005: Hijacked Video Zine Exhibition – Ausstellung und Buchpräsentation im Stuttgarter Off-Space Fluctuating Image im Mai/Juni 2008

An Selbstbewusstsein fehlt es nicht. "Wir sind weltweit führend", sagt Holger Lund von Fluctuating Images. Dem Ausstellungsraum für audiovisuelle Medien in Stuttgart fehlt es jedoch an Geld – weshalb die Galerie im November schließen musste. Ein Schicksal, das fast alle risikofreudigen Off-Spaces früher oder später ereilt.

Off-Spaces werden mit viel Idealismus eröffnet, befruchten die Kunstszene – und gehen bald wieder kläglich ein. Düster sieht es auch für die Galerie Gez. aus, die im Februar 2007 von den Kunststudenten Anna Schaible und Alex Barth eröffnet wurde und gar keine Förderung für ihr Projekt erhält. "Das Kulturamt reagiert nicht auf Einladungen zu Vernissagen, und jeder Gang dorthin war bisher erfolglos. Da bleibt nichts außer viel Idealismus", sagt Anna Schaible.

Die meisten Städte bieten keine Dauerförderung

Dabei liegt den Städten die künstlerische Basis durchaus am Herzen. Stuttgart stellt für sie pro Jahr fast 30 000 Euro zur Verfügung, Berlin 60 000 und Düsseldorf 100 000 Euro inklusive Atelierzuschüssen. "Als Stadt mit Kunstakademie haben wir viele junge Künstler, deshalb ist es uns ein Anliegen, dass sie sich präsentieren können", sagt Karin Rauers, die für die Künstlerförderung in Düsseldorf zuständig ist. Die "Off-Spaces" sollen einen
"Kontrapunkt zu Museen und Galerien" bilden, sie werden je mit 500 bis 8000 Euro gefördert. Manche Städte unterstützen auch bei Öffentlichkeitsarbeit und Logistik, in Karlsruhe hilft das Kulturamt, Ausstellungsräume zu finden und Kontakte zu knüpfen.

Aber mehr als Unterstützung und Projektgelder gibt es nicht. Denn die meisten Städte haben beschlossen, keine neuen Ausstellungsräume mehr in die Dauerförderung aufzunehmen – und seien sie noch so wichtig für die Entwicklung der Kunst. Man will flexibel sein, neue Posten im Haushalt würden den Spielraum der Kulturverwaltung einschränken. Zumindest Frankfurt überlegt zwar derzeit, eine institutionelle Förderung für Off-Spaces einzuführen, in Stuttgart kann man sich wenigstens nach fünf Jahren um Dauerförderung bewerben.

"Man will sich besser nicht festlegen"

Aber allein der Stuttgarter Filmwinter musste mehr als 20 Jahre warten, um nun 8000 Euro im Jahr zu kriegen. Nur zum Vergleich: das Staatstheater Stuttgart bekam von der Stadt 2007 rund 38 000 000 Euro, der Württembergische Kunstverein knapp 500 000 Euro.

Auch das Abgeordnetenhaus in Berlin hat beschlossen, keine neuen Initiativen mehr regelmäßig zu finanzieren. "Dadurch, dass es so viele neue Orte gibt, will man sich nicht festlegen", sagt Ingrid Wagner von der Senatsverwaltung. Auch in Karlsruhe ist es Programm, nur Projektmittel zu vergeben. "Es geht nicht darum, den zweiten oder dritten Kunstverein zu schaffen", sagt Claus Temps vom Kulturamt, sondern um das Flüchtige darum, "Dinge auszuprobieren".

Tatsächlich sind es in den meisten Städten junge Künstler und Akademieabsolventen, die die temporären Projekte initiieren. Nur in Berlin in das anders: Hier trifft man im Off-Space-Bereich alle Altersgruppen. Holger Lund gehört vielleicht auch bald dazu. Er will es mit Fluctuating Images jetzt nämlich in der Hauptstadt versuchen.

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