Pro Athen - Documenta 14

Die Documenta soll Risiken eingehen!

Die Documenta 14 will große Teile der Ausstellung nach Athen verlegen und sorgt damit für ein geteiltes Stimmungsbild in der art-Redaktion. Nach Steffen Zilligs Plädoyer gegen den Teilumzug, widerspricht heute Ralf Schlüter. Die Documenta könne Adam Szymczyk zwar um die Ohren fliegen, dieses Risiko sei aber eine Chance für bessere Kunst.
Mehr Risiko:Ein Plädoyer für die Documenta in Athen

Pro & Contra: art diskutiert den Teilumzug der Documenta 14 nach Athen

Athen: So lautet das neue Angstwort in Kassel. Und das zu Recht. Bisher war die griechische Hauptstadt angenehm weit weg, nicht nur geografisch. Die Probleme des überschuldeten EU-Mitglieds Griechenland konnte man sich bequem im Fernsehen anschauen. Und dann vielleicht noch ein bisschen lästern über die "Pleite-Griechen". Die harte Sparpolitik von Angela Merkel brachte viele Bewohner des Mittelmeerlandes gegen Deutschland auf, es entstand eine medial übertragene oder auch erzeugte  Konfrontation zweier Bevölkerungen. Ein Forum, in dem diese Konfrontation auf zivilisierte Weise gelöst werden kann, gibt es nicht. Deutsche laufen mit eingezogenem Kopf auf ihrer liebsten griechischen Insel herum. Griechen verkneifen sich böse Worte, um die deutsche Kundschaft nicht zu verschrecken. In den Medien zirkulieren Bilder von Ohnmacht, Protest und Wut. Soll das so bleiben?
 
Nun ist Kunst nicht dazu gedacht, Diplomatie und Völkerverständigung zu ersetzen. Man darf Adam Szymczyks Plan, die Documenta 14 in zwei Hälften, in Kassel und Athen, anzusiedeln, auch nicht als Good-Will-Aktion missverstehen. Künstlern und Kuratoren geht es am Ende immer um die Kunst. Sie brauchen den Bezug auf relevante Themen, damit die Kunst selbst relevant bleiben kann. Die Zeiten, in denen ein "Schwarzes Quadrat" oder eine blutige Performance selbst schon ein revolutionärer Akt sein konnten, sind vorbei. Die künstlerischen Mittel sind weitgehend bekannt, ihre zeitgenössische Bedeutung gewinnt die Kunst heute auch durch ihre Inhalte. Das haben die Leiter der letzten Documenta-Ausgaben gewusst und beherzigt: Catherine David (1997), Okwui Enwezor (2002) und Carolyn Christov-Bakargiev (2012) veranstalteten Symposien und Vorträge, die sie als Teil der Schau auffassten. Szymczyk belässt es nicht bei Rederunden in fernen Ländern: Er erschließt gleich eine ganze Stadt und ein ganzes Land als neues Thema und Wirkungsfeld.

Kassels Ruinencharme hat sich erschöpft

Wir sehen uns in Kassel, alle fünf Jahre – diese Regelmäßigkeit hat etwas Beruhigendes. Fast wie Weihnachten, oder "Tatort"-Gucken am Sonntag. Und die Documenta-Macher ringen alle fünf Jahre darum, innerhalb dieses festgesetzten Settings etwas Besonderes, Unverwechselbares zu machen. Vor zwei Jahren reizte Carolyn Christov-Bakargiev mit ihrer Schau viele Aspekte dieser Kulisse aus: Nie hatte es so viele Kunstwerke an so vielen verschiedenen Orten gegeben. Doch die Tiefenbohrungen in Kassels (Nazi-)Vergangenheit haben sich nach der Documenta 13 ebenso erschöpft wie der Ruinencharme verfallener Gebäude.

Adam Szymczyk hat erkannt, dass es sich bei der Documenta nicht nur um eine Zusammenstellung von Kunstwerken handelt, sondern dass das Szenario, die Grundanordnung genau so wichtig ist wie die konkrete Auswahl. Man könnte seinen Plan als Flucht ins Spektakel brandmarken, oder als Annäherung an den Kunst-Jet-Set (siehe Beitrag von Steffen Zillig gestern). Dabei übersieht man, welches hohe Risiko der Kurator eingeht. In der griechischen Gesellschaft liegen die Nerven blank, und sich mit dieser Realität direkt zu konfrontieren, ist ein Wagnis. Das Publikum in Deutschland wird sehr schnell bereit sein, auf die Documenta zu schimpfen und sich ausgeschlossen zu fühlen. Wenn es Szymcyk nicht gelingt, die Schau in zwei Städten als eine spürbar zu machen, könnte ihm seine Documenta um die Ohren fliegen.

Sollte er dies aber schaffen, dann kann das eine ganz besondere Ausstellung werden – eine, die die Potenziale dieses Formats noch einmal neu entfaltet. Man fordert von der Kunst, dass sie Risiken eingeht und Gewohntes in Frage stellt. Das tut Szymcyk. Die Documenta ist nicht der "Tatort" – zum Glück!

Documenta 14

Termin: 10. Juni bis 17. September 2017 in Kassel und Athen
http://www.documenta.de