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Die Buchtipps des Monats

Unsere Buchtipps – diesmal mit einem Lesebuch zu Ferdinand Hodler, Schieles Frauen, Warhols Porträts und Scherenschnitten von Matisse. Zusammengestellt von Peter Meyer und art-Redakteurin Ulrike von Sobbe.
Kunstbücher im März:art empfiehlt Kunstbücher

Die Buchtipps der art-Redaktion

Jill Lloyd und Ulf Küster (Hrsg.): Ferdinand Hodler – Katalog & Lesebuch

Ferdinand Hodler malte wunderbare Landschaften, und er war ein Damenmann und ein Berserker. Das erste kann man in dem Begleitband nachschlagen, den die Fondation Beyeler zu ihrer famosen Ausstellung über die letzten Lebensjahre anlässlich des 160. Geburtstages des Schweizer Malers herausgegeben hat (zu sehen bis 26. Mai).

Das zweite erzählt deren Kurator in einer handlichen Monografie, die uns den Menschen hinter dem Werk nahebringen möchte. Sehr persönlich schreibt Ulf Küster von seiner eigenen Hodler-Faszination, von der frühen Präsenz des Todes im Leben des Malers und von seinem Bemühen, "durch den Körper die Seele zu gestalten". Wer diese Einführung gelesen hat, wird wacher und engagierter den wissenschaftlichen Erörterungen zum Spätwerk folgen. Empfehlen möchte man beide Bücher. Gerhard Mack

Beide Bände im Hatje Cantz Verlag. 212 S., 197 Abb., 49,80 Euro. 104 S., 12.80 Euro

Jane Kallir: Schieles Frauen

Wohl nicht zuletzt, weil das Internet längst Sex und Pornografie in jeder gewünschten Qualität und Quantität liefert, sind Egon Schieles Frauenbilder heute vermutlich erotischer und intimer als je zuvor in den rund 100 Jahren seit ihrer Entstehung. Dabei lassen sie an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Mit solcher Beharrlichkeit malte und zeichnete Schiele gespreizte Schenkel, entblößte Brüste oder laszive Blicke, dass sie ihm 1911 wegen der „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“ 24 Tage Gefängnis einbrachte. Die US-Galeristin Jane Kallir dokumentiert in dem großartigen Band, der jetzt mit 300 Abbildungen alle wichtigen Frauenfiguren – von der Mutter bis zur Ehefrau – vorstellt, kenntnisreich die Obsession, mit der sich der Künstler bis zu seinem frühen Tod 1918 dem Thema „Weiblichkeit“ widmete. Peter Meyer

Prestel Verlag. 304 S., 300 Abb., 69 Euro

Fotorealismus. 50 Jahre hyperrealistische Malerei

Es war die Zeit, als man in einer Ausstellung nicht wusste, ob man vor einem Gemälde oder einem Foto stand: In den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gingen vor allem amerikanische Künstler daran, Autos, Münztelefone oder Fensterscheiben so akkurat abzupinseln oder aufzuspritzen, dass sie – zumindest auf den ersten Blick – aussahen, als seien sie mit der Kamera aufgenommen. Fotorealismus nannte man diese Richtung denn auch folgerichtig, und je mehr Lack, Chrom oder Glas glänzte und schimmerte, desto mehr mühten sich Richard Estes, Don Eddy oder David Parrish, den schönen Schein zu bannen. Dass er sich bis heute ziemlich gut gehalten hat, zeigt dieser Band, der als Begleitbuch zu einer umfassenden Retrospektive 2012 entstanden ist. Peter Meyer

Hatje Cantz. 200 S., 91 Abb., 35 Euro

Martin Gayford: A Bigger Message. Gespräche mit David Hockney

75 ist er letztes Jahr geworden – doch bis heute ist David Hockney „gierig nach einem immer aufregenden Leben“, freut er sich, nach vielen Jahren in Kalifornien nun in dem kleinen englischen Dorf Bridlington zu leben, denn „das ist ein guter Ort, um zuzusehen, wie mein Geld weniger wird“. Was seine Arbeit angeht, so vermutet der Mann, der in Tausenden von Bildern der Realität auf die Spur zu kommen versuchte, „dass wir in Wirklichkeit nicht sicher sind, wie die Welt aussieht. Furchtbar viele Leute meinen, wir wissen es, ich aber nicht.“ Seit über zehn Jahren ist der britische Kunstkritiker Martin Gayford im Dialog mit Hockney – jetzt ist aus den Unterhaltungen mit einem der letzten noch lebenden Heroen der Pop-Art dieses Buch geworden: das Dokument einer faszinierenden Künstlerkarriere und das Zeugnis eines genialen, noch immer neugierigen Geistes. Peter Meyer

Piet Meyer Verlag. 248 S., zahlreiche Abb., 28,40 Euro

Andy Warhol: Porträts

Nein, pingelig war Andy Warhol bei der Auswahl seiner Porträt-Partner wirklich nicht. Ob Kollege, Promi oder No-Name: Wer bereit war, bis zu 25 000 Dollar zu investieren, der bekam ab den späten sechziger Jahren vom umtriebigen Meister ein Konterfei; die Honorare dienten überwiegend der Finanzierung von Warhols aufwändiger "Factory". Hunderte von Porträts sind so bis zum Tod des Künstlers 1987 entstanden; gut 300 sind nun in diesem Band versammelt, viele belegen Warhols lebenslange Faszination von der Oberfläche, manche dagegen machen sogar den Charakter des Porträtierten erkennbar. Peter Meyer

Edel. 320 S., über 300 Abb., 59,95 Euro

Lesen Sie auf der folgende Seiten den zweiten Teil unserer Tipps mit Büchern zu römischen Mosaiken, Scherenschnitten von Matisse und dem legendären Möbeldesigner Henry van de Velde.

Umberto Pappalardo und Rosaria Ciardiello: Griechische und römische Mosaiken

Aus der Ferne meint man, eine erlesene Malerei zu sehen. Von Nahem betrachtet offenbart sich die wahre Identität der Kunstwerke: Es sind Mosaiken, aus Hunderttausenden, oft nur millimetergroße Steinchen zusammengesetzt. Die meist unbekannten Mosaizisten konnten mit ihnen feinste Schattierungen, räumlich-plastische Wirkungen und äußerste Lebendigkeit erzeugen. Seit dem Jahr 1000 gilt die Kunst des Mosaik aus unerforschten Gründen als ausgestorben – von ihrer Faszination aber hat sie bis heute nichts eingebüßt. Die Autoren des großartigen, voluminösen Prachtbandes verweisen denn auch gleich zu Beginn auf Bezüge zur Jetztzeit: So wurde John Lennon am Central Park ein Denkmal in Form der Kopie eines römischen Mosaik-Tondos errichtet; und Pablo Picasso studierte in der Casa del Labirinto in Pompeji ein Mosaik mit dem Minotaurus, das mythische Zwitterwesen wurde eines seiner bevorzugten Motive. Die Autoren bringen dem Leser mit großem Fachwissen, aber in unprätentiöser, ansprechender Weise und mit grandiosen Fotos von Luciano Pedici die kulturhistorische Bedeutung, aber auch die Schönheit der steinernen Meisterwerke aus der griechischen und römischen Antike nahe. Petra Bosetti

Hirmer Verlag, 318 S., 250 Abb., 118 Euro

Matisse: Der ausgeschnittene Himmel. Die späten Scherenschnitte

Die Strahlkraft ihrer Farben und die Schlichtheit ihrer Komposition hat sie auf der ganzen Welt bekannt gemacht. Bis heute haben die Scherenschnitte von Matisse nichts von ihrer Modernität eingebüßt, und das obwohl der Künstler zu dieser Art der Ausdrucksform erst fand, als seine Krankheit ihm das Malen zu beschwerlich machte. Mit zahlreichen Beispielen aus dem immensen Sammlungsensemble des Musée Matisse in Nizza wollen die Verfasserinnen und Konservatorinnen Marie Thérèse Pulvenis de Séligny und Sylvie Forestier den künstlerischen Entstehungsprozess der Gouachenschnitte erlebbar machen, bis hin zu den Glasmalereien für die Fenster der Rosenkranzkapelle in Vence, die ebenfalls ausführlich im Buch dokumentiert werden. Ein Band, der es leicht macht, in dieses heitere Spätwerk einzutauchen. Ulrike v. Sobbe

Wienand Verlag. 240 S., 12 Klapptafeln und 173 Abb., 68 Euro.

Uwe Bremer, Albert Schindehütte, Johannes Vennekamp, Arno Waldschmidt: Die Druckwerkstatt der Dichter. Rixdorfer Wort- und Bilderbögen

In Berlin-Kreuzberg entstanden ihre ersten bibliophilen Kunstwerke. Das war vor einem halben Jahrhundert. Seither haben „die Rixdorfer“, das sind Uwe Bremer, Albert Schindehütte, Johannes Vennekamp und Arno Waldschmidt, mittels ausgedienter Blei- und Holzlettern ihre eigene Typografik er- und gefunden: Handpressen-Handwerk und Wortkunst aufs schönste vereint. Jeder der vier hat seine eigene künstlerische Arbeit, was sie jedoch als Künstlergruppe zusammengehalten hat, dokumentieren die im Folioformat präsentierten Bilderbögen mit ihren zeitkritisch provokanten Erscheinungsformen – meist gemeinsam erdacht mit deutschen Literaten. Und im Original auch in einer Ausstellung im Haus am Lützowplatz bis 7. April zu erleben. Ulrike v. Sobbe

Die andere Bibliothek. 448 S., Subskriptionspreis 79 Euro

Ursula Muscheler: Möbel, Kunst und feine Nerven. Henry van de Velde und der Kultus der Schönheit

Er war ein kleiner Mann von eher zarter Konstitution – doch umso eindrucksvoller war die Energie, die er entwickelte: Schon ehe er 1900 aus dem heimatlichen Belgien nach Deutschland kam, hatte er sich als Gestalter daran gemacht, der bürgerlichen Gesellschaft die Spießigkeit und den düsteren, schwülstigen Pomp auszutreiben. Schwerer Brokat musste fließender Seide weichen, anstelle wuchtiger Fassaden waren die eleganten Linien des Jugendstils angesagt, und überhaupt galt es, Harmonie, Feinsinn und guten Geschmack durchzusetzen. So erfolgreich war der Apothekerssohn dabei, dass er schon bald als Stilpapst eines moderneren Deutschlands galt. Mit dem Ersten Weltkrieg freilich schwand sein Einfluss; zwar wurde seine Weimarer Kunstgewerbeschule zur Vorläuferin des legendären Bauhauses, doch 1917 ging van de Velde als unerwünschter Ausländer von Deutschland in die Schweiz. Mit Detailfülle schildert die Architekturhistorikerin Ursula Muscheler die große Zeit dieses Propheten einer „Einheit von Kunst und Leben“, dem vor allem in Sachsen zum 150. Geburtstag zahlreiche Ausstellungen gewidmet sind. Peter Meyer

Berenberg Verlag. 192 S., zahlr. Abb., 22 Euro

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