Neo Rauch

Verlässt HGB

Der Druck war zu gross
Will sich nicht "mausgrau und verdruckst" zurückziehen: Neo Rauch (Foto: Gregor Hohenberg)

DER DRUCK WAR ZU GROSS

An der Leipziger Kunsthochschule geht eine kurze Ära zu Ende – Neo Rauch gibt 2009 sein Professorenamt auf
// SUSANNE ALTMANN

"Bei mir im Atelier brennt es", hatte Neo Rauch im Herbst 2005 gestanden und meinte damit jenen Druck, der durch die immense Nachfrage nach seinen Gemälden auf ihm lastete. Doch genau zu diesem Zeitpunkt trat er, seinem ehemaligen Lehrer Arno Rink folgend, seine Malereiprofessur an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst an. Niemand hätte je die Lehrbefähigung des eloquenten Künstlers bezweifelt – immerhin lagen sechs Dienstjahre als Assistent von Arno Rink hinter ihm, seine Probevorlesung um Dezember 2004 war gnadenlos überfüllt und die Ausschreibung der Hochschule war mit Passagen wie "eine herausragende, im internationalen Kontext von Malerei fest etablierte Künstlerpersönlichkeit, die sich im Zentrum gegenständlicher Malerei bewährt und positioniert haben muss" deutlich auf diesen illustren Bewerber maßgeschneidert.

Nach nur dreieinhalb Jahren ist die Ära Rauch an der HGB nun vorüber. Zum Ende des Wintersemesters legt der Meister im Februar kommenden Jahres seine Professur nieder, aus Gründen, die sich bereits 2005 abzeichneten. Denn noch immer "brennt es im Atelier", und Rauch sieht mittlerweile nicht mehr, wie er seine Lehrverpflichtungen mit dem künstlerischen Produktionsdrang und –zwang in Einklang bringen kann.

Der Entschluss muss schon viel früher gefallen sein, doch Anfang dieses Jahres mochte die Hochschulverwaltung mit den betrüblichen Neuigkeiten noch nicht an die Öffentlichkeit gehen. Man fürchtete, das Publikum zum alljährlichen Frühjahrsrundgang an der Akademie mit der Mitteilung zu vergraulen. Tatsächlich reist der internationale Kunstjetset nicht zuletzt nach Leipzig, um die Produktion aus dem Atelier Rauch zu bestaunen. Die Malereifachklasse, die er betreut, umfasst 40 Studierende – ein gewaltiges Pensum, dem sich Neo Rauch und sein Assistent Stefan Stößel mit Ernsthaftigkeit und Hingabe gestellt haben.

Präsenz und Pflichterfüllung standen nie zur Disposition. Vielleicht besteht darin auch das Dilemma, denn während namhafte Kollegen an anderen Hochschulen ihre Aufgaben gerne delegieren und glauben, allein ihr Name auf dem Türschild des Klassenraums sei ein angemessener Gegenwert für ein Professorengehalt, gehört Anwesenheit in Leipzig zum guten Ton. In diesem Klima wollte auch Rauch keine Sonderrolle einnehmen. Kollegen bescheinigen ihm denn auch, kaum eine noch so lästige Sitzung ausgelassen zu haben. Außerdem führte er neben den üblichen Einzelkonsultationen sehr beliebte Klassenrunden ein, bei denen die Künstleraspiranten lernen sollten, ihre Werke vor größerem Publikum verbal zu vertreten. "Warum malst du, was quält dich?" – das war die Gretchenfrage, die Professor Rauch bereits vor Antritt seines Amts den Studenten stellen wollte.

"Neo Rauch hat die Reißleine aus Verantwortungsgefühl gezogen, weil er das Gefühl hatte weder der einen noch der anderen Aufgabe mehr gerecht werden zu können.", sagt Stefan Stößel. Dabei ging der Assistent dem Professor übrigens voran; Stößel hatte bereits Ende März seinen Job gekündigt und widmet sich jetzt wieder verstärkt seiner künstlerischen Karriere. An der Hochschule formuliert man schon jetzt am Ausschreibungstext für die vakante Stelle, immerhin ging es bei Rauchs Berufung als Rink-Nachfolger speziell darum, die lokale Tradition des figurativen Tafelbilds in einer Professur zu zementieren.

Rauch hat in internen Gesprächen angeboten, weiterhin Meisterschüler zu betreuen und sagt selbst: "Dass ich mich nicht mausgrau und verdruckst zurückziehen werde, nachdem zum Einzug solche Schalmeien ertönten, ist klar." Für ein solches Modell bedürfte es allerdings einer verwaltungstechnischen Neuregelung, und außerdem führte das Angebot bei anderen Professoren, die während des laufenden Verfahrens lieber anonym bleiben, zu Irritationen: Während die Kollegen die Mühen der Ebene im Lehrbetrieb auf sich nähmen, heißt es, bliebe für Rauch dann nur noch der angenehme Feinschliff. Doch allen Beteiligten ist klar, dass seine Offerte viel mehr aus Verantwortungsgefühl als aus divenhaftem Selbstverständnis erging. Dennoch empfiehlt es sich, die Schattenseiten eines Star-Engagments an einer Kunsthochschule künftig genauer zu bedenken. Das gilt allerdings nicht nur für die Leipziger.

Kommentieren Sie diesen Artikel

1 Leserkommentar vorhanden

Eva Horstick-Schmitt

16:14

15 / 05 / 08 // 

Neo Rauch Gratulation

sie kann ich nur beglückwünschen , denn ein Mensch lässt sich nicht zweiteilen, der das eine liebt und das andere mit Pflicht erfüllen möchte. Sie sind der geborene Maler und Sie sollten malen malen malen und das Lehren denen überlassen , die nicht so genial malen wie Sie. Schade zwar für die Studenten, aber sicher für ihre Lebenszeit die bessere Wahl. Gruss eva Horstick-Schmitt Fotografin

Abo