Julian Schnabel - Interview

Ich kann machen, was ich will

Schon mit Filmen wie "Basquiat" (1996) oder "Schmetterling und Taucherglocke" (2008) konnte er Lorbeeren sammeln. Jetzt würdigt das Filmfest Hamburg den amerikanischen Künstler Julian Schnabel anlässlich der Deutschlandpremiere seines neuen Films "Miral" mit dem Douglas Sirk Preis 2010. art traf Schnabel in Toronto, wo derzeit die Ausstellung "Julian Schnabel: Art and Film" läuft – seine größte Retrospektive seit 1987.
"Ich kann machen, was ich will":art sprach mit dem Künstler und Regisseur

Julian Schnabel beim Dreh zu seinem Film "Miral" in Israel 2009

Mit 27 stellte Julian Schnabel, der 1951 in Brooklyn geboren wurde, die Kunstwelt mit Scherbengemälden aus zerbrochenen Tellern und Tassen auf den Kopf. Das war im Jahr 1979. Die New Yorker Börse boomte und überall ging es um mehr Geld, mehr Status und mehr von allem. Es war der Anfang der sogenannten Dekade der Gier.

Schnabel, der von der Galeristin Mary Boone entdeckt worden war, als er noch als Koch in einem kleinen Restaurant in SoHo arbeitete, verlangte bereits bei seiner zweiten Ausstellung Preise in fünf- und sechsstelliger Höhe. Die Kunstszene hatte den Minimalismus und die Konzeptkunst satt und suchte nach dem nächsten großen Ding – dem Pollock der achtziger Jahre. Mit seiner Arroganz, Rotzigkeit und seinem Ehrgeiz fiel Schnabel auch den großen Galeristen und Sammlern Leo Castelli, Charles Saatchi und Bruno Bischofberger auf. Mit über 100 Einzelausstellungen, einem Auftritt auf der Venedig-Biennale 1980 und einer großen Retrospektive im Whitney-Museum 1987 war Schnabel der gefeierte Star der achtziger Jahre.

Der kometenhafte Aufstieg provozierte natürlich auch Kritik. Ein Kritiker verglich seine Malerei mit Sylvester Stallones Qualitäten als Schauspieler: "eine taumelnde Zurschaustellung von geölten Brustmuskeln", ein anderer sah darin "das visuelle Equivalent von schlechtem Essen". Ende der Achtziger bagann Schnabels Stern zu verglühen – zumindest in den USA, während er in Europa noch gefeiert wurde. Aber Schnabel machte einfach weiter mit dem, was ihm am liebsten war: malen, surfen, Häuser rennovieren und ausstatten, schöne Frauen umwerben und manchmal heiraten, Kinder zeugen und – zur Überraschung seiner Kritiker – Filme machen.

"Ende der Achtziger bagann Schnabels Stern zu verglühen"

Mittlerweile hat Schnabel bei fünf Filmen Regie geführt: "Basquiat" (1996), "Before Night Falls" (2000), "Lou Reed’s Berlin" (2008) und "The Diving Bell and the Butterfly" (2007). Für letzteren gewann er Preise bei den Golden Globes und dem Filmfestival in Cannes und eine Oscar-Nominierung als Bester Regisseur. "Miral", Schnabels neuster Film, basiert auf einem Buch der Journalistin Rula Jebreal – Schnabels derzeitige Lebensgefährtin – und erzählt die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts aus der Perspektive von vier palästinensischen Frauen. Mit Premieren auf den Filmfestivals in Venedig und Toronto startet der Film deutschlandweit am 18. November. Zum Interview traf art den amerikanischen Künstler in der Art Gallery of Ontario, dem großen Kunstmuseum in Toronto, wo derzeit die Ausstellung "Julian Schnabel: Art and Film" läuft, die größte Retrospektive seit 1987.

Edward Rubin: Die meisten Leute kennen Sie als den Künstler mit den Scherbenbildern und sind immer noch überrascht, wenn sie von Ihrer Karriere als Filmemacher hören. Wie kam es dazu?

Julian Schnabel: Ins Kino zu gehen war für mich ähnlich wie die Malerei eine Flucht vor der Gewöhnlichkeit des normalen Lebens. Filme waren für mich realer als mein Leben zu Hause. Als Kind fand ich DeMilles „Zehn Gebote“ oder John Houstons "Moby Dick" großartig. Und als ich Roman Polanskis "Ekel" zum ersten Mal sah, wurde mir klar, dass ein Film einen wirklich innerlich packen kann. Trotzdem habe ich mir nie vorgestellt, mal Filmregisseur zu werden. Aber als Jean-Michel Basquiat starb, wollte ich seine Geschichte erzählen und der Film "Basquiat" ist das Ergebnis davon. Allerdings würde ich sagen, dass der Kern von allem, was ich mache, davon beeinflusst ist, dass ich ein Maler bin und meine Filme aus der Perspektive eines Malers mache.

Ohne irgendwelche vorherigen Erfahrung mit Kameratechnik, Casting oder Schauspielführung haben Sie überraschend schöne Filme geschaffen, die sogar zahlreiche internationale Preise errungen haben. Wie haben Sie das geschafft?

Offensichtlich kenne ich mich mit meinen Stoffen aus. Ich glaube, viele Regiesseure haben keine Ahnung von ihrem Thema. Sie kennen nur das Handwerk und wissen, wie man ein Skript illustriert.

Ihr neuster Film "Miral" spielt in einem Waisenhaus in Jerusalem. Er basiert auf einen Buch Ihrer derzeitigen Lebensgefährtin, der palästinesischen Schriftstellerin Rula Jebreal, und erzählt die Geschichte des Palästina-Konflikts von 1948 bis zu den Intifada-Aufständen 1987 aus pro-palästinensischen Sicht. Das ist neu für Sie. Denn Ihre vorangegangenen Filme waren nicht besonders politisch.

Alle meine Filme sind anders, genau wie meine Bilder. Sie sind sich ähnlich und doch verschieden. Eigentlich glaube ich, dass es in diesem Film auch um dieses Mädchen Miral im Waisenhaus geht, das schließliche Schriftstellerin wird, um ihre Geschichte erzählen zu können. Eigentlich ist es kein pro-palästinesischer Film, es ist ein Pro-Frieden Film. Und ich denke, was für die Palästineser gut ist, ist auch gut für die Israelis und umgekehrt.

Dennoch hat es bei der Premiere in Venedig kritische Stimmen gegeben, die sagen, dass der Film zu einseitig sei und die israelische Sicht zu negativ darstellt wird. Sie sind selbst jüdischer Herkunft. Trifft Sie solche Kritik?

Meine Mutter war erste Präsidentin der jüdischen Frauenorganisation Hadassah in Brooklyn. Ich habe mich immer für die Juden eingesetzt und tue das noch immer. Aber ich denke, dazu muss man auch seine Nachbarn verstehen. Es geht um den Respekt der Menschen voreinander.

"Die Malerei hat mir die Freiheit gegeben, die Filme machen zu können die ich will."

Apropos Respekt. Als Ihr Stern in den Neunzigern in den USA bereits am Sinken war, hatten sie große Ausstellungen in Europa. Kann es sein, dass man Sie dort besser versteht und mehr respektiert?

Das Ding ist, dass wir in einer sehr kurzsichtigen Gesellschaft leben, in der es gerade genug Brennstoff für das jeweilige Feuer gibt. Die Dinge brauchen sich auf und es entsteht eine völlig neue Künstlerlandschaft. Und es gibt natürlich verschiedene Gründe, warum jemand populär wird oder nicht. Ich habe immer meine Unabhängigkeit und meine Freiheit bewahrt. Ich schulde niemanden etwas, das kann man natürlich arrogamt finden. Aber der Punkt ist, dass ich irgendwie einen Weg gefunden habe, so zu arbeiten, dass ich keine Kompromisse machen muss. Auch beim Filmemachen sagt mir niemand, das ist gut, aber das da müssen wir ändern. Bei all meine Filmen hatte ich das Recht des Final Cut.

In Ihren Bildern, Skulpturen und selbst in Ihren Filmen gibt es immer wieder Referenzen zum Wasser. Eine Ihrer Skulpturen heißt "Ahab", sie haben Seestücke gemalt und eine Serie von Surfer-Bildern, der Lou-Reed-Konzertfilm beginnt und endet mit Bildern von rauschendem Wasser und in "Basquiat" lassen Sie Jean Michel von Surfen im Ozean träumen. Was wollen Sie damit sagen?

Wasser kann gefährlich sein, es steht für die Gefahr des Unbekannten, aber es bedeutet auch Freiheit.

Das Filmemachen sei für Sie nur ein Nebenjob, sagten Sie einmal. Es würde nicht für Ihren Lebensunterhalt reichen. Sie würden mehr Geld machen, wenn Sie zwei Bilder verkaufen als wenn Sie Ihr Regiehonorar aufs Jahr umrechnen.

Das galt zumindest für "Schnetterling und Taucherglocke". Aber ich will mich nicht beklagen. Denn ich kann machen was ich will und davon träumt doch jeder. Die Malerei hat mir die Freiheit gegeben, die Filme machen zu können die ich will.

In all Ihren Filmen befinden sich die Protagonisten in einem schweren Kampf, sowohl physisch als auch psychisch und oft mit wenig Chancen auf einen Sieg. Dennoch schaffen Sie es mit Ihrem malerischen Blick, ihr Leiden in etwas Schönes zu verwandeln. Wollen Sie damit sagen, dass Kunst unsere einzige Hoffnung ist, den Tod zu besiegen?

Leben beinhaltet auch Tod, das gilt jedoch nicht für die Kunst, denn die ist nicht das Leben. Sie ist eine Darstellung des Lebens. Deshalb steht sie nicht für den Tod, sondern für die Verneinung des Todes und darum sagen wir, dass Kunst eine Affirmation des Lebens darstellt, auch wenn die dargestellten Charaktere noch so tragisch sind. Der russische Filmkünstler Andrei Tarkovsky sagte: Es kann keine pessimistsiche Kunst geben, es gibt nur Talent und Mittelmäßigkeit. Ich denke, da hat er Recht.

Im Vergleich zu Ihren Filmen sind Ihre Bilder viel schwerer zugänglich. Warum eigentlich?

Wenn man es schaffen würde, all die Leute, die ins Kino gehen, auch in eine Kunstmuseum zu kriegen, dann hätten wir kein Problem. Aber die Leute sind es gewöhnt, zu Hause fernzusehen oder sich Filme anzusehen. Aber sie sind es nicht gewöhnt, vor einem Bild zu stehen. Das ist fast schon eine altmodische Erfahrung. Ich glaube allerdings, den Erfolg oder die Qualität eines Werks kann man nicht an der Zahl der Menschen messen, die es gesehen haben. Aber wenn es ums Kino geht, ist das natürlich die Richtschnur, wenn ein Film Millarden Dollars macht wie "Avatar", ist das ein Zeichen von Erfolg. Dagegen bin ich eher ein sehr altmodischer Filmemacher. Ich verwende nicht viele Special Effects und zerhackte die Szenen nicht mit schnellen Schnitten. Alles ist sehr handgemacht.

"Ich will jetzt erstmal keine Filme mehr machen. Ich will malen."

"Miral" spielt in Israel und Palästina, "Schmetterling und Taucherglocke" spielte in Fankreich, "Before Night Falls" wurde in Mexiko gedreht. Sie scheinen von der Fremde und dem Fremden angezogen zu sein. Was ist dabei die Attraktion?

Wissen Sie, manchmal schreibe ich irgendwelche Sachen auf meine Bilder und dann fragen mich die Leute, warum ich das gemacht habe. Dann sage ich, findet ihr es nicht auch schön, wenn man in die Oper geht und alle singen in italienisch und man versteht nicht, was sie sagen? Ich finde diese Art von Fremdheit angenehm. Es ist so anstrengend, wenn man alles versteht.

Es scheint, als würden Ihre Kinder in Ihre Fußstapfen treten. Ihre Tochter Stella ist Dichterin und Schauspielerin, Lola ist Malerin und macht Filme und Ihr Sohn Vito arbeitet als Kurator und Kunsthändler. Wie finden Sie das?

Lola ist sehr talentiert. Sie hat den Film im Film in dem Lou Reed-Film gemacht. Vito kuratiert Ausstellungen überall auf der Welt. Er ist ziemlich gut. Ich bin sehr stolz auf ihn. Was mir besonders gefällt ist, dass er sich für den Dialog mit Leuten interessiert. Wenn ich sehe, wie er auf die Dinge schaut, sehe ich mich selbst ganz alt und in einem Zimmer, wie ich Bilder mit ihm umherschiebe. Ich finde das sehr befriedigend, dass er die selben Interessen hat wie ich.

Arbeiten Sie schon an einem neuen Film?

Nein. Ich will jetzt erstmal keine Filme mehr machen. Ich will malen. Ich war gerade wieder in meinem Atelier in Montauk und habe viel gemalt. Das letzte Bild für diese Ausstellung habe ich erst vor zwei Wochen fertiggestellt.

Übersetzung: Ute Thon

Deutschlandpremiere von "Miral"

am 1.10. um 19:15 Uhr im Cinemaxx Hamburg im Rahmen des Filmfests Hamburg
http://www.filmfest-hamburg.de/