Hausbesetzung - Gängeviertel

Rettet das Gängeviertel!

200 Künstler haben mitten in Hamburg zwölf Häuser besetzt und darin Ateliers, Galerien und Kunsträume eingerichtet.

Am vergangenen Samstag haben rund 200 Künstler unter dem Motto „Komm in die Gänge“ zwölf leer stehende Häuser im Herzen von Hamburg „belegt“, wie sie es nennen. In einer Nacht- und Nebenaktion unter der „Schirmherrschaft“ von Malerstar Daniel Richter haben sie in den ehemaligen Wohn- und Fabrikhäusern provisorische Galerie- und Atelierräume eingerichtet. Das ganze Wochenende über fanden Performances, Konzerte und andere künstlerische Darbietungen statt, zu denen Tausende von Sympathisanten strömten. Die Hausbeleger wollen die Häuser vor dem drohenden Abriss retten und darauf aufmerksam machen, dass in der Stadt „dringend Raum benötigt wird für Hunderte von Kreativen“, so Sebastian Rathert, ein Sprecher der Gruppe.

Die ersten Häuser sind bereits wieder verschlossen

Heute Vormittag wurden zwei Häuser bereits wieder vom Eigentümer zweier Häuser, der Sprinkenhof AG, verschlossen. „Alles verlief sehr friedlich und ohne Polizei.“, so Rathert. „Die Hinterhöfe sind aber noch offen, die Atmosphäre ist weiterhin gelöst, entspannt und voller Kunstbegeisterung.“ Die vielen begeisterten Besucher genießen weiterhin die leicht wilde Atmosphäre in den kleinen Hinterhöfen, wo auch Bier und Wein ausgeschenkt wird und Musik spielt. In einem Hinterhof am Valentinskamp steht sogar ein altes Klavier, auf dem jeder spielen kann, der sich dazu inspiriert fühlt.

Den letzten Mietern wurde bereits vor Jahren gekündigt – seitdem stehen die malerischen Fachwerkhäuser, Fabrik- und Altbauten leer und verfallen. Eigentümer von zehn Gebäuden ist der niederländische Investor Hanzevest. Es heißt, Hanzevest wolle das Ensemble abreißen, um Neubauten für Büros und Wohnungen zu errichten. Allerdings sei die Firma im Zuge der Finanzkrise in Zahlungsschwierigkeiten geraten, so dass neu verhandelt werden müsse. „Wir wollen die Stadt dazu bringen, das Viertel zu sanieren und den Raum Künstlern und Kreativen zur Verfügung zu stellen“, benennt Rathert die Vorstellungen der „Komm in die Gänge“-Initiative. „Es kann nicht sein, dass die Stadt sich immerzu damit brüstet, eine Kultur-Hochburg zu sein, aber nichts dafür tut!“

Kaum bezahlbarer Atelierraum in Hamburg

Tatsächlich wandert das kreative Potential der Stadt schon seit mehreren Jahren stetig nach Berlin ab, wo preiswerter Atelierraum in Hülle und Fülle zur Verfügung steht. „Die Stadt sollte etwas dafür tun, dass ihre Künstler bleiben können“, fordert Rathert. „Es kaum möglich, in Hamburg bezahlbare und zentral gelegene Arbeitsräume zu finden. Bei so einer Lage kann man so tolle Häuser wie hier im Gängeviertel doch nicht einfach vergammeln lassen.“

Die Häuser des ehemaligen Gängeviertels befinden sich in allerbester Innenstadtlage zwischen Caffamacherreihe, Valentinskamp und Speckstraße in direkter Nachbarschaft zur Musikhalle, dem Springerverlag und dem Unilever-Sitz. Es sind die letzten Zeugen des historischen Hamburger „Gängeviertels“, das sich durch enge, verwinkelte Fachwerkbauten auszeichnete. Von Mitte des 17. Jahrhunderts bis etwa 1930 wohnten in dem dicht besiedelten Viertel vor allem Hafen- und Gelegenheitsarbeiter mit ihren Familien. Auf einem Hektar lebten durchschnittlich 1500 Menschen, was rund 6,2 Quadratmeter Platz pro Person bedeutete. Während der Weimarer Republik trug das Gängeviertel aufgrund der politischen Einstellung seiner Bewohner den Spitznamen „Klein Moskau“.

Nazis räumten das Gängeviertel

Wegen prekärer sanitärer Verhältnisse, politischer Extremgruppierungen und fortschreitender Kriminalität wurde das Gängeviertel ab Anfang des 20. Jahrhunderts systematisch abgerissen. Zuerst siedelte die Stadt die Bewohner von Teilen des heutigen „Portugiesenviertels“ um, riss die Fachwerkhäuser ab und baute Straßenzüge wie Eichholtz komplett neu. Dann folgte der östliche Teil der Altstadt und schließlich unter der Herrschaft der Nationalsozialisten die nördliche Neustadt zwischen Großneumarkt und Kaiser-Wilhelm-Straße.

Gut saniert könnte das Brahmsquartier zu einem lebendigen Künstler-Viertel werden, das Hamburg so konzentriert ohnehin fehlt. Hier bietet sich eine wunderbare Möglichkeit für die Hansestadt, endlich einmal wieder ihrem weltoffenen, toleranten Ruf gerecht zu werden. Sebastian Rathert fasst es perfekt zusammen: „Es wäre toll, wenn die Verantwortlichen die einmalige Chance erkennen würden, das Gesicht der Stadt zu bewahren und Hamburg um eine neues Viertel reicher zu machen!“

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