Klaus Wowereit - Interview

Einen großen Wurf wünsche ich mir

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit im Gespräch mit art-Redakteur Tim Sommer und Korrespondent Kito Nedo über die Zukunft Berlins als Kunstmetropole, diverse Neubebauungspläne, seine Buddy-Bären und Sprengungspläne für den Fernsehturm
"Ich habe einen Traum":Interview mit Berlins Regierendem Bürgermeister

Sympathisert mit Bären und "Jungen Wilden": Klaus Wowereit vor dem Gemälde "Drummer und Gitarrist" (1979) von Rainer Fetting

Wo stehen in Berlin Ihre Lieblingsbauten der letzten Jahre?

Klaus Wowereit: Eines der schönsten Gebäude ist nach wie vor der Frank-Gehry-Bau am Pariser Platz. Zumindest von innen ist das ein wahnsinnig schönes Gebäude. Auch die Niederländische Botschaft von Rem Koolhaas ist voller Überraschungen.

Und Flops? Die schlimmste Bausünde?

Mir würde es besser gefallen, wenn in Berlin mehr außergewöhnliche Architektur entstünde. Ich finde es langweilig, wenn sich so viele Gebäude ähneln.

Diese Konformität war doch aber politischer Wille?

Die kritische Rekonstruktion finde ich prinzipiell richtig. Das hat sich bewährt: die Lücken, die Krieg und DDR-Zerstörung hier gerissen haben, in Anpassung an Umgebung und Historie zu füllen. Aber ein bisschen mehr moderne Architektur, mehr Experimente, einen großen Wurf, das wünsche ich mir. Das ist natürlich leicht gesagt, so etwas muss ja auch einer finanzieren. Aber Gebäude mit Ausstrahlung, die auch mit dem Nutzungszweck im Einklang stehen, Unikate – die gibt es zu selten.

So wie die "Alexa"-Shopping Mall?

Das "Alexa" ist von innen besser als von außen. An die Farbe habe ich mich immer noch nicht gewöhnt.

Träumt man als Bürgermeister manchmal, dass man so etwas hätte verhindern können?

Ja. In Deutschland wird ja fast alles vorgeschrieben. Und bei bestimmten Fassadengestaltungen passt man nicht mehr auf. Das ist jetzt zum Beispiel auch in der Gegend um den neuen Hauptbahnhof eine Gefahr. Wenn man auf dessen Architektur stolz ist, dann ist es unverständlich, dass bei der gesamten Planung offensichtlich nicht berücksichtigt wurde, dass man den Bahnhof nach Bebauung des Umfeldes auch noch sehen kann.

Spielen wir "Ich habe einen Traum": Angenommen, es bestünden keinerlei Bundestagsbeschlüsse zum Stadtschloss, nichts wäre entschieden – was würden Sie sich an diese Stelle träumen?

Die Entscheidungen sind getroffen, insofern braucht man da nicht zu träumen. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich gern ein modernes Gebäude, und zwar in Gänze, dort gesehen hätte. Aber jetzt soll man den Beschluss verwirklichen. Und zwar mit Kuppel.

Braucht die Stadt ein Einheitsdenkmal? Oder ist sie es nicht selbst?

Ich hoffe nicht, dass diese Stadt unter Denkmalschutz gestellt wird. Und ich hoffe, dass das Denkmal kommt.

Wird man den Abriss von Bauten der Ostmoderne, wie das denkmalgeschützte Ahornblatt oder den Palast der Republik, bereuen?

Es werden noch viele Gebäude verschwinden, wenn sie nicht mehr funktionsgerecht sind. Der Palast der Republik ist abgerissen worden, weil er Asbest drin hatte, und die Funktionalität war auch beschränkt. Da wird im Nachhinein so einiges verklärt.

Steht die Sprengung des Fernsehturms zur Debatte?

Die stand nie ernsthaft zur Debatte. Der Fernsehturm bleibt stehen.

Im Moment gehört Berlin zu den wichtigsten Kunststädten weltweit. Was tun Sie, um diesen Zustand nachhaltig zu sichern?

Die Nachhaltigkeit ergibt sich aus der vorhandenen Infrastruktur. Kreativität können Sie nicht beschließen. Man kann versuchen, bestimmte Rahmenbedingungen zu gestalten. Das bedeutet beispielsweise: Atelierräume bezahlbar zu halten, in die Ausbildung zu investieren, über Museen und Galerien Ausstellungen zu ermöglichen – deshalb ist ja auch eine Kunsthalle so wichtig. Standortfaktoren wie billige Mieten, Kreativität im umfassenden Sinne und vieles mehr machen eine vibrierende Stadt aus. Man kann hoffen, dass das in Berlin so bleibt. Aber garantieren kann ich das natürlich nicht.

Fehlt es nicht einfach an mehr gutem Willen, Gebäude für Ateliers offen zu halten?

Berlin muss sich entwickeln. Hier müssen sich Lücken schließen. Dazu gibt es keine Alternative. Es kann ja nicht sein, dass in dieser Stadt, wo Morbidität herrschte, immer alles erhalten bleibt. Es wäre fatal, wenn man glaubt, jetzt eine Käseglocke über die Stadt stülpen zu können. Sie verändert sich jeden Tag, das ist ja gerade das Spannende an Berlin. Nichts wird so bleiben, wie es ist. Gleichwohl kann Politik Akzente setzen, und das tun wir auch.

Müssen Sie als Kulturpolitiker nicht gegen das arbeiten, was Sie als Bürgermeister befördern sollten? Ist das ein Dilemma?

Nein. Es ist ja auch nicht so, dass Berlin einmal so satt sein wird, dass hier Kreativität keinen Platz mehr hat. Aber es ist klar, dass die Stadt eben auch deshalb so attraktiv für viele Künstler ist, weil sie eine Existenzmöglichkeit bietet. Je besser es ihr ökonomisch geht, desto mehr wird sich das mit einem Verdrängungsprozess verbinden. Aber deshalb auf diese ökonomische Verbesserung zu verzichten, das kann man verantwortungsvoll auch nicht tun. Den Künstlern kommt es ja auch zugute, wenn hier Leute leben, die ihre Kunst kaufen können.

Nicht alle Politiker in Berlin setzen sich so enthusiastisch für die Kunst ein wie Sie.

Es hat lange gedauert, bis man in Berlin verstanden hat, dass Kultur ein wichtiger Standortfaktor ist. Und bei harten Abwägungsentscheidungen kann es auch heute noch sein, dass die Kulturpolitik unter die Räder kommt. Weil es beispielsweise zu wenig Kulturpolitiker in den Fraktionen gibt. Und weil auch in der Bevölkerung der Aufschrei eher größer ist, wenn im sozialen Bereich etwas gestrichen wird, als dies in der Kultur der Fall ist. Kultur hat oft nicht die Lobby, die sie braucht und verdient.

Was macht die Kultur denn falsch, dass ihr die Lobby fehlt?

Vielleicht gehen künstlerisch sensible Menschen zu selten in die Politik? Ich weiß es nicht.

Warum mögen Sie eigentlich die großen Plastik-Buddy-Bären so sehr?

Woher wissen Sie denn, ob ich die mag?

Sie haben freiwillig sieben Stück im Miniaturformat hier im Büro.

Die sind mir zugelaufen. Und sie sind als weltweite Botschafter Berlins eine sehr erfolgreiche Werbung für die Stadt.

Ist das Kunst?

Der Bär an sich vielleicht nicht, aber wenn er künstlerisch gestaltet wird, dann ja.

Darf man Sie fragen, welcher Ihr liebster Buddy-Bär ist?

Nein, diese Frage habe ich mir ja selber noch nie gestellt.