Mission Michelangelo - Bookmarks

Der Schatz im Berg

Es hätte nicht viel gefehlt, und unsere Generation hätte einige der bekanntesten und bedeutendsten Werke der Kunstgeschichte nie zu sehen gekriegt. Der "Genter Altar" würde heute genauso wenig bestehen wie einige Gemälde Rembrandts. In unserer Serie Bookmarks präsentieren wir die wichtigsten Fakten zu Konrad Kramars Buch "Mission Michelangelo", eine abenteuerliche Geschichte der Raubkunst Hitlers, die in den Stollen des Bergwerks Altaussee fast ihr explosives Ende fand.
Spektakuläre Rettung:Hitlers Raubkunst im Bergwerk

Bergarbeiter und Personal des Denkmalamts bei der Entladung von Gemälden, Winter 1943/44

Was ist drin?

Die packende Geschichte von Hitlers Kunstwahn, der Raubzüge durch Privatsammlungen und Museen in ganz Europa begründete.

Ziel Hitlers war die Errichtung des "Führermuseums", das seine österreichische Heimatstadt Linz zur Kulturmetropole machen und weltbekannte Museen wie das Pariser Louvre klein aussehen lassen sollte. Tausende von Gemälden, Kunst- und Kulturgütern – darunter Pieter Brueghels "Bauernhochzeit", Michelangelos "Madonna aus Brügge", der "Genter Altar" der Gebrüder van Eyck und mutmaßlich auch die "Mona Lisa" – wurden während des Krieges zur sicheren Aufbewahrung ins Bergwerk von Altaussee im annektierten Österreich geschafft und dort gelagert. Bei Kriegsende sollten die im Bergwerk eingelagerten 6577 Gemälde und 954 Grafiken sowie unzählige weitere Kunstwerke, Bücher und sogar Kronjuwelen zerstört werden.

Was ist die These?

Während Hitler in den letzten Wochen des Krieges im Führerbunker in Berlin ausharrte, führte in Altaussee Gauleiter August Eigruber den Befehl. Seine Idee war es, die komplette Kunst im Bergwerk zu zerstören, damit sie nicht den Alliierten in die Hände fiele. Die Interessen seiner Gegenspieler hätten nicht unterschiedlicher sein können: vom Restaurator, der um den unschätzbaren kulturellen Wert der Werke wusste, über den Widerstandskämpfer und Bergarbeiter, der das Bergwerk als Arbeitsplatz behalten wollte, bis hin zum treuen NS-Befehlshaber und Reichsminister, der mit der Aktion seinen Kopf aus der Schlinge der bald einmarschierenden Alliierten zu ziehen erhoffte. Gemeinsam konnten sie die Kunst retten.

Die schönste Seite?

Im Rahmen des Kontextes von "schön" zu reden, ist kaum möglich, schließlich wird auch in der "Mission Michelangelo" die Grausamkeit des Nazi-Regimes und des Krieges deutlich. Beeindruckend liest sich wie der Diktator, der von der Propaganda als Architekt des Reiches stilisiert wird, sich selbt als gescheiterten Künstler ansieht. Auf groteske Weise wird das auf Seite 30 deutlich: Mussolini, der seinen Ehrengast und Verbündeten durch die italienischen Museen begleitet, zeigt sich zunehmend genervt von der maßlosen Kunst-Begeisterung Hitlers, der sich kaum von den Bildern zu lösen vermag. Hitler bekennt, er würde am liebsten wochenlang die Zeit vor den Bildern der Museen verbringen, und bereue es aus diesem Grund manchmal, Politiker geworden zu sein. Wenn in Deutschland wieder "alles in Ordnung gebracht" wäre, würde er sich in Rom ein Häuschen mieten und anonym durch die Museen streifen oder "[w]enn der schreckliche Krieg zu Ende ist" in den Albaner Bergen zeichnen und malen.

Der Autor:

Konrad Kramar (geb. 1966 in Wien) studierte Pharmazie, bevor er sich dem Journalismus verschrieb. Seit 1992 ist er bei der österreichischen Tageszeitung "Kurier" tätig, seit 1999 als außenpolitischer Redakteur. Neben "Mission Michelangelo" brachte er 2013 im Residenz Verlag ebenfalls die Biographie "Prinz Eugen – Heros und Neurose" heraus.

Das Zitat:

"In der Tiefe des Berges, da wo er nicht mehr präpariert, ausgekleidet und elektrisch beleuchtet ist, leuchten im zitternden Lichtschein der Karpidlampen aus dem tiefsten Dunkel in der Vollkommenheit ihrer kostbaren Malerei die Tafeln Jan van Eycks", schrieb die Fotografin Eva Frodl-Kraft, die mit ihrer Kamera die Kunstwerke auf ihrem Weg ins Bergwerk und auch wieder heraus begleitete. "Es war eine einzigartige, zauberhafte Atmosphäre, der sich niemand entziehen konnte, der den Schatz im Berg jemals sah."

Wer braucht das?

Jeder, der sich für Kunst und Geschichte gleichermaßen interessiert und die Bedeutung von Kunst für Kultur und Menschheit begreift. Wem bereits Bücher wie "Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine? – Mein Großvater, der Kunsthändler Paul Rosenberg" von Anne Sinclaire oder "Monuments Men – Die Jagd nach Hitlers Raubkunst" von Robert M. Edsel gefallen hat, wird auch "Mission Michelangelo" mögen.

Das gefällt:

Man lernt die von Kunst und Architektur besessene Seite von Adolf Hitler kennen und erfährt auf äußerst spannende Weise von den Hintergründen des Kunstraubs und den Machenschaften der involvierten Nazi-Elite.

Das ätzt der Kritiker:

Schon wieder ein Buch über das dritte Reich.

Coffee-table-Faktor (von 1 "Vorsicht Taschenbuch!" bis 5 "Sumo: So groß wie Helmut Newtons dickste Bände"):

3+ Für viele ist Geschichte einfach nicht sexy, selbst wenn sie spannend daher kommt. Wer sich in intellektuelleren Kreisen bewegt, wird mit "Mission Michelangelo" auf dem Kaffeetisch oder im Bücherregal aber definitiv punkten.

Gewicht:
470 Gramm

Mission Michelangelo – Wie die Bergleute von Altaussee Hitlers Raubkunst vor der Vernichtung retteten

Autor: Konrad Kramar
Verlag: Residenz Verlag, St. Plöten
Umfang: 184 Seiten, Hardcover, 22 Abbildungen;
Kaufpreis: 21,90 Euro, auch als E-Book erhältlich
http://www.residenzverlag.com/?m=30&o=2&&id_title=1640

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