Humboldt Lab Dahlem - Interview

Genussvoll und gezielt überfordern

Bislang bekam man eine eher diffuse Vorstellung, was innerhalb des Humboldt-Forums im künftigen Berliner Stadtschloss geschehen könnte. Nun wird mit der über mehrere Stationen in den Museen Dahlem installierten "Probebühne 1" des Humboldt Labs erstmals sichtbar, dass zumindest der Inhalt des umstrittenen Stadtschlosses die nächsten Jahre keine Fata Morgana bleiben muss. art sprach mit dem Projektleiter und Kulturmanager Martin Heller über das Experimentierprogramm.
Völkerkunde zum Erleben:Humboldtscher Geist in den Museen Dahlem

Kulturmanager und Projektleiter des Humboldt-Forums Martin Heller

art: Herr Heller, können Sie kurz zusammenfassen, was im Rahmen des Humboldt Lab überhaupt geschieht?

Martin Heller: Wir haben das Lab ins Leben gerufen, weil wir ein Instrument brauchen, um den Planungsprozess für die Museumsausstellungen im Humboldt-Forum zu stimulieren – ein Spielbein also für das Standbein.

Denn die besonderen Anforderungen bei diesem Planungsprozess bestehen darin, dass er lange dauert, sehr komplex ist, sich auf 20 000 Quadratmeter für zwei umfangreiche Sammlungen bezieht und zu Recht mit hohen Ansprüchen belegt ist. Das kann man nicht allein über Theorie und Konzepte abhaken, sondern muss es auch praktisch angehen. Die Kulturstiftung des Bundes ist erfreulicherweise schnell auf den Vorschlag eingestiegen, uns dafür ein Experimentierprogramm für vier Jahre zu ermöglichen.

Wer ist genau mit "wir" gemeint?

Neben Viola König, der Direktorin des Ethnologischen Museums, und Klaas Ruitenbeek, dem Direktor des Museums für Asiatische Kunst, die mit mir zusammen die Leitung wahrnehmen, sind das die Mitarbeitenden dieser beiden Museen, das Team des Lab und die für das Humboldt-Forum beauftragten Ausstellungsgestalter. Wir alle möchten die Metapher von Standbein und Spielbein so umsetzen, dass unsere Arbeit regelmäßigen Nutzen bringen kann. Wir haben in den Museen Dahlem die Möglichkeit, Ideen für das Humboldt-Forum konkret zu erproben. Von dem Moment an, wenn ein Projekt Gestalt annimmt, versuchen wir es so rasch wie möglich zu realisieren. "Labor" bedeutet deshalb auch, dass man sich nicht ewig lang Zeit nimmt. Alle Projekte, die Sie hier sehen, sind innerhalb von fünf Monaten von der Idee bis Eröffnung entstanden.

Das heißt letztlich auch, im Museum schlecht einlösbare Vorstellungen immer wieder zu revidieren.

Natürlich, und wir wollen Anlass für produktive Diskussionen schaffen. Währenddessen geht jedoch die normale Planung im Humboldt-Forum weiter. Wir spielen ihr gezielt die Bälle zu und haben insgesamt noch drei Jahre Zeit, weitere Projektvorschläge zu entwickeln. Danach wird es im Planungsprozess nur mehr darum gehen, die Ausstellungsarchitektur im Stadtschloss auch wirklich zu bauen und die Exponate einzuräumen.

Ab wann soll denn im Schloss eingeräumt werden?

Genau kann man das jetzt noch nicht sagen, aber ich schätze im Jahre 2017.

Waren Sie von Anfang an mit im Boot?

Nein, ich bin erst vor zwei Jahren dazugekommen. Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat mich ursprünglich für die Programmfindung im Erdgeschoss geholt, wo es neben den öffentlichen Flächen unter anderem auch Ausstellungsräume, ein Auditorium sowie einen Veranstaltungs- und Bühnensaal geben wird. Dann haben wir jedoch mit dem Expertenbeirat des Humboldt-Forums festgestellt, dass dieser Veranstaltungsbereich keineswegs die zentrale Herausforderung ist, sondern sich vielmehr die Frage stellt, wie aus dem Nebeneinander von Veranstaltungen und derart hochkarätigen Museumssammlungen ein Miteinander werden kann.

Was qualifiziert Sie für diese Aufgabe?

Vermutlich bin ich hinzugezogen worden, weil ich bisher etliche große öffentliche Projekte geleitet habe, die, wie die Schweizer Landesausstellung "Expo.02" oder die "Europäische Kulturhauptstadt 2009" in Linz, breit angelegt waren und ein großes Publikum involvierten. Auch da war die Methodik jeweils zu Beginn noch nicht festgelegt. Bei dem Lab geht es jetzt ganz spezifisch darum, ein Modell zu entwickeln, das sich den Grundfragen heutiger Museumsplanung stellt und auch auf andere Häuser übertragbar ist.

Wenn Sie wie etwa jetzt in einem Teil der Ausstellung Gefäße unabhängig von ihrer Herkunft, Historie, Sammlung nach verschiedenen Aspekten wie ihrem Typus oder ihrer anthropomorphen Form ausstellen, dekontextualisieren Sie die Objekte eigentlich.

Nicht nur! Manchmal suchen wir einen neuen Kontext, manchmal arbeiten wir mit Brüchen. Eine der Grundphilosophien auf dem Weg zum Humboldt-Forum lautet, dass eine Dauerausstellung vieles an Brüchen, Differenzen, Interventionen erlaubt, und nicht nur das behutsame Gleiten von einer Objektwelt zur anderen. Meine Überzeugung ist, dass man das Publikum genussvoll und gezielt überfordern darf, damit es an einer Ausstellung Vergnügen findet. Also muss man unterschiedliche Gefühls- und Wahrnehmungszustände herstellen und nicht bloß die musealen Schätze brav ausbreiten und hübsch beleuchten wollen.

Wie wollen Sie das umsetzen?

Da gibt es viele Ansätze. Ein Beispiel nur: Wir wollen intensiv mit dem Medium Film arbeiten. Das mögen Filme aus den eigenen Sammlungen sein, kann gefundenes Material oder solches sein, das zusätzlich produziert und spielerisch-induktiv eingesetzt wird, um Objekte wie jetzt etwa die Gefäße in ihrem Gebrauch in den unterschiedlichen Kulturen zu erhellen. Auf diese Weise nehmen wir die Besucher ernst, ohne sie didaktisch einzuengen. Zudem soll das Humboldt-Forum möglichst gegenwärtig und multiperspektivisch sein, also unterschiedliche Sichtweisen ermöglichen. Anschaulichkeit spielt ebenfalls eine große Rolle. Wir fragen uns immer wieder: Wie rede ich anhand der Objekte mit dem Besucher über Themen wie Ferne oder Exotik oder Eurozentrismus?

Wie viele Durchläufe vom Lab organisierter Ausstellungen wird es denn geben?

Gegen zehn, denke ich. Damit kommen wir auf ungefähr 40 beispielhafte Interventionen. Allein die "Probebühne 1" versammelt bereits sechs einzelne Projekte.

Wenn ich Ihr Konzept recht verstanden habe, wollen Sie zwischen den verschiedenen Sammlungsgebieten Knotenpunkte herstellen.

Natürlich! Das Konzept für die Museumsgeschosse im Humboldt-Forum hat jetzt den Status eines Masterplans erreicht. Das heißt: Wir wissen in etwa, wo etwas platziert ist, und diese Strukturierung folgt in erster Linie kulturgeografischen Regionen. Das geht in Ordnung so, muss aber durch Schnittstellen oder thematische Knotenpunkte ergänzt werden. Nur auf diese Weise lassen sich Kulturen vergleichen. Oder es gibt eine Galerie mit Textilien aus der ganzen Welt, um ein opulentes Schauerlebnis zu ermöglichen, jenseits von Wissen und Bildung.

Vor zehn Jahren hätte man Ihre Herangehensweise als interdisziplinär beschrieben. Ein damals modischer Begriff, der mittlerweile eher vermieden wird.

Interdisziplinarität ist im Humboldt Lab Dahlem eine Selbstverständlichkeit. Insofern haben Sie natürlich Recht: Im Gegensatz zur konventionellen Praxis von Museen wirken bei unseren Konzepten Teams aus unterschiedlichen Fachrichtungen zusammen.

Nicht von ungefähr ist der ursprüngliche Name "Völkerkundemuseum" in "Ethnologisches Museum" geändert worden. Das Humboldt Forum wird sich auch unserer postkolonialen Zeit stellen müssen.

Dabei geht es um eine bestimmte Haltung der eigenen Geschichte gegenüber, die ethnologische Museen heute reflektieren und zum Ausdruck bringen müssen. Also versuchen wir auch im Lab, solche Ansätze zu favorisieren und zu veranschaulichen, im Wissen, dass sie nicht 1:1 ins Humboldt-Forum übernommen werden können.

Was auch bedeutet, dass in Zukunft die Provenienz der Objekte neu erforscht wird und der gegebenenfalls zweifelhafte Erwerb zur Darstellung kommt.

Ja, wir wollen spätestens im Herbst den Fragen der Provenienz und damit der oft komplexen Herkunft mancher Exponate noch intensiver nachgehen. Innerhalb der "Probebühne 1" sind es – wie beim Schachspiel – die "Springer", die sich die Freiheit nehmen, diese Aspekte aufzunehmen. Sie funktionieren in der bestehenden Dahlemer Dauerausstellung wie Stolpersteine oder Störstellen. Ein Stab aus Surinam beispielsweise verweist exemplarisch auf den Sklavenhandel zwischen Afrika und Südamerika. Die alte Karteikarte, die dazu gezeigt wird, macht deutlich, dass – so die Zuschreibung von damals – der "Fetisch-Stab" seinerzeit nicht gekauft, sondern einem "Buschneger" gestohlen wurde. Darf man solche Dokumente ausstellen? Gewiss – nur so können solch verwickelte Geschichten von illegalen oder halblegalen Erwerbungen überhaupt thematisiert werden. Hier wurde ein Faden aufgenommen, den wir nicht mehr loslassen möchten.

Es könnte auch zu Restitutionsforderungen kommen.

Die gibt es nicht oft. Aber unabhängig davon müssen wir fragen: Versteht sich das Museum als Bewahrer und Treuhänder oder als Besitzer solcher Gegenstände? Manche indigene Gruppen wissen, dass "ihre" Objekte nur überlebt haben, weil sie im Museum konserviert und gepflegt werden. Entsprechend gibt es Besucher, die aus rituellen oder religiösen Gründen nach Dahlem kommen. Aber derartige Dinge brauchen im Museum den Schutz einer gewissen Zurückhaltung.

Eine der ansprechendsten "Springer"-Stationen wurde um steinerne Bildnisse von Flussgöttern im Museum für Asiatische Kunst arrangiert und bezieht sich auf ein hinduistisches Tempelritual.

Es handelt sich um die "Vase des Überflusses" – ein religiöses Motiv und Teil eines wichtigen Reinigungsrituals. Diese Installation ist zusammen mit den Priestern aus dem Hindutempel in Neukölln im Rahmen des Humboldt Lab aufgebaut worden. Die Priester haben sie während der Eröffnung des Lab geweiht, und nun muss sie immer wieder frisch mit Früchten und Blumen ausgestattet werden. Diese besondere Zuwendung ist entscheidend und löst viel aus – bei den Museumsmitarbeitern wie beim Publikum. Ich war selber einmal lange Direktor am Museum für Gestaltung in Zürich und weiß, wie sehr solche Herausforderungen einen Betrieb lebendig halten – als willkommener Stachel in der Routine des Museumsalltags.

Humboldt Lab Dahlem: Probebühne 1

Termin: bis 12. Mai, Museen Dahlem, Berlin
http://www.humboldt-forum.de

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