Ugo Rondinone - New York

Wir werden Zeuge einer neuen Ära

Statt schillernden Objekte auszustellen will Ugo Rondinone eine öffentliche Piazza schaffen, erzählte er Claudia Bodin im Interview.

Bürgermeister Michael Bloomberg erschien zur Eröffnung. Die beiden Galeristinnen des Künstlers, Barbara Gladstone aus New York und Eva Presenhuber aus der Schweiz, saßen unter den geladenen Gästen in der ersten Reihe.

Und obwohl niemand so richtig den Namen des Schweizers Ugo Rondinone aussprechen konnte und der Bürgermeister gestand, dass er bis zu diesem Tag noch nie von dem Künstler gehört hatte, herrschte feierliche Stimmung.

Rondinone wurde nach Kunststars wie Anish Kapoor, Louise Bourgeois, Takashi Murakami oder Jeff Koons, der 2000 seinen Blumen-Hund "Puppy” aufgestellt hatte, die Ehre zuteil, Arbeiten am berühmten Rockefeller Center zu installieren. Im Auftrag des Public Art Fund ließ er neun gewaltige Urzeitwesen aus Naturstein mit hoch aufragenden Beinen, klotzigen Oberkörpern und klobigen Köpfen errichten. 16 000 Kilo wiegt jede einzelne Skulptur. Die Riesen, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen, wurden mit Hilfe von Baukränen in drei Nächten auf dem Platz in der geschäftigen Mitte von Manhattan aufgestellt. Genau dort, wo sonst der gewaltige Weihnachtsbaum steht. Ein Großteil der jährlichen 52 Millionen Touristen aus aller Welt besucht Rockefeller Center, so Bloomberg. Der 1964 geborene Ugo Rondinone, der vor 15 Jahren nach New York zog und in seiner neuen Heimatstadt vor allem für seine Regenbogen-Leuchtreklame "HELL, YES!" an der Fassade des New Museum bekannt ist, sagte: "Jetzt, wo meine Arbeit mitten am Rockefeller Center steht, fühle ich mich wie ein wahrer New Yorker.”

art: Die Arbeit stellte nicht nur logistisch eine Herausforderung dar. Sie scheint Ihnen auch persönlich viel zu bedeuten.

Ugo Rondinone: Rockefeller Center symbolisiert, wofür Amerika steht. Als mich der Public Art Fund für das Projekt kontaktierte, kam ich über mehrere Tage hierher, meditierte und wollte einfach sehen, was auf diesem Platz passiert. Rockefeller Center steht für große Visionen, harte Arbeit. Es handelt sich um den am höchsten entwickelten Teil von Amerika. Also schuf ich mit einfachem Stein und der einfachen menschlichen Form ein Gegenstück.

Sie haben bei vergangenen Arbeiten von dem Aspekt der Verlangsamung gesprochen.

Ich wollte eine Piazza schaffen. Es gibt dieses berühmte Bild "Piazza d'Italia” von Giorgio de Chirico, das ich im Kopf hatte. Die menschlichen Formen werfen im Sonnenlicht Schatten. Die Öffentlichkeit wird die Installation lebendig machen. Anstatt mich vertikal auszurichten, bewegte ich mich horizontal und empfand den Platz zwischen 49th und 50th Street als eine große Skulptur.

Sie hatten nicht die Befürchtung, dass Ihre Figuren von der Umgebung mit den angrenzenden Hochaustürmen verschluckt werden?

Die Umgebung ist klar umrissen. Sie bildet einen deutlichen Kontrast zu den altertümlichen, ungeschliffenen Figuren. Ich bringe diese beiden Kräfte – die Natur und das Menschliche – , die sich ausgleichen und voneinander abhängen, zusammen. Ich schaffe eine simple Situation, die das Konzept der Verlangsamung mit sich führt. Gerade an einem Ort wie diesem, an dem alles beschleunigt ist.

"Human Nature” ist seit der Rezession die erste öffentliche Arbeit, die an diesem Platz gezeigt wird.

Das Programm wurde 2008 vorerst gestoppt. Nach Arbeiten von Amish Kapoor oder Jeff Koons werden wir Zeuge einer neuen Ära. Es geht nicht mehr um schillernde Objekte, sondern um eine neue Basis und darum, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Sie haben vor einiger Zeit eine ehemalige Kirche in Harlem gekauft. Was wollen Sie mit dem Gebäude anstellen?

Die Renovierungsarbeiten sollten Mitte des Jahres abgeschlossen sein. Ein Teil wird mein Atelier, ein anderer Wohnraum. Eine Etage ist für Gemeinschaftsräume mit Ateliers für junge Künstler reserviert. Wir wollen ein Kulturprogramm mit Lesungen und Tanz starten. Harlem braucht mehr. Und das ist es, was ich der Stadt anbieten kann.