Impossible Project - Fotografie

Ausrangiert, ausgestorben, auferstanden

Der 14. Juni 2008 ist für Florian Kaps und Andre Bosman zugleich ein Ende und Anfang, es ist der "Closing Event" von Polaroid im niederländischen Enschede. Ein Tag des Abschieds, an dem die Produktionsstraße feierlich den letzten Film ausspuckt, aber auch ein Tag voller Euphorie, Hoffnung und einer Vision: Die Vision einer neuen Sofortbildära.
Das Post-Polaroid-Projekt:Impossible Project – Vision einer neuen Sofortbildära

Das bereits abmontierte Polaroid-Logo ist nur noch durch die Schmutzränder zu erkennen

Das riesige Areal nahe der deutschen Grenze, auf dem in sechs großen Hallen gearbeitet wurde, wirkt verlassen. Keine Autos, keine Menschen weit und breit – nur der Wind und das nahe Dröhnen der PKWs einer anliegenden Straße ist zu hören. Ein schwarzer Schmutzrand hat sich um das längst abmontierte Logo gelegt und lässt immer noch den Schriftzug einer Firma erkennen, deren Geschäftsführer den Glauben an ihr Produkt verloren haben. Der Name Polaroid war eins mit seinem Produkt, aber davon will heute keiner mehr etwas wissen. Zu sehr waren die Betriebsleiter auf den vermeintlich digitalen Zeitgeist fixiert. Was einst ein Markenzeichen war, ist jetzt nur noch ein vom Wetter geschriebenes Grau in Grau.

An der Eingangstür des ehemaligen Produktionsgebäudes ein erster, kleiner Farbtupfer: Auf einem blau-weißen Schild steht in schwarzer Schrift: "Impossible". Im Inneren dann der Empfangsraum. Ein Tisch mit einem Topf bunter Plastikblumen, die auf einer Spitzendecke platziert wurden und ein Zweisitzer-Sofa im Sechziger-Jahre-Stil. Rechts neben dem Eingangsbereich hat einmal der Betriebsarzt gearbeitet, aber die Krankenliege fungiert jetzt als Abstellplatz. In den Räumlichkeiten dahinter befindet sich die ehemalige Praxis. "Das wird mein neues Büro", sagt Florian Kaps, der sich auf dem Sofa unterhalb eines Sehtests niedergelassen hat. "Ich bin Doktor der Biologie und habe meine Diplomarbeit über Spinnenaugen geschrieben. Das passt."

"Sofortbilder gaben den Menschen ein neues Gefühl von Freiheit"

Florian Kaps ist Anfang vierzig und Wiener. Sein mittellanges, blondes Haar hat er zu einem Zopf gebunden. Er wirkt zufrieden. "Noch vor einem halben Jahr gab es eigentlich keine Hoffnung mehr. Aber zufälligerweise saß ich beim 'Closing Event' am selben Tisch wie Andre." Andre Bosman war Produktionsleiter bei Polaroid Enschede – und gleichzeitig zuständig für die Zerstörung der Maschinen. Das hätte einen Tag nach dem Event passieren sollen. Alles sollte mit einem Vorschlaghammer in Kleinteile zerlegt werden, denn das Produktionsgebäude musste leer an den Vermieter übergeben werden. Da witterte Kaps seine Chance. Gemeinsam mit Bosman mietete er das Haus und kaufte alles auf, was sich darin befand – vom Schraubenzieher über Gabelstapler bis hin zu den Maschinen.

Warum darf die Sofortbildfotografie nicht aussterben? "Polaroid ist die Mutter aller Schnappschüsse und hat den Menschen ein neues Gefühl von Freiheit gegeben", sagt Kaps. "Es war nicht mehr unbedingt notwendig auf Bilder warten zu müssen oder seine intimsten Geheimnisse mit dem Fotolaboranten zu teilen. Man konnte dreckig, pornografisch, erotisch oder aber einfach nur banal herumknipsen und war mit dem Ergebnis allein." Kaps hat seine Leidenschaft für die "analogste Art der Fotografie" vor ein paar Jahren entdeckt und daraufhin das Online-Netzwerk "polanoid" gegründet. Die wachsende Mitgliederzahl und das Engagement der passionierten Polaroidknipser haben ihn 2005 auf die Idee gebracht, einen Laden in Wien zu eröffnen, in dem man Filme und Zubehör kaufen kann. Da er kein Vertragshändler war und Polaroid ihn nicht ohne weiteres unterstützen wollte, musste er zunächst Filme im Wert von 200 000 Euro kaufen, um zu beweisen, dass er es ernst meint. Nach einer Woche hatte Kaps das Geld aufgetrieben und zwei Wochen später stand ein LKW mit einem Berg gemischter Sofortbild-Ware bei ihm im Hof.

"Wir wollen das Unmögliche möglich machen"

Zusammen mit Bosman hat er jetzt ein Team zusammengestellt und angefangen nach Investoren für seine Vision zu suchen. "Ein Zitat von Edwin Land hat uns bei der Namensfindung inspiriert", erzählt Kaps, "'Realisiere kein Projekt, wenn es nicht wirklich wichtig und nahezu unmöglich ist'. Wir wollen das Unmögliche möglich machen und weiterhin Sofortbilder auf den Markt bringen." Die größtenteils ehemaligen Polaroidmitarbeiter arbeiten bereits auf Hochtouren. Im ersten Stockwerk wird beratschlagt, überlegt, geforscht und experimentiert. In allen Arbeitsräumen beleuchtet Neonlicht die weißen Schreibtische, ein graumelierter PVC-Boden liegt in den Zimmern aus und die Decke ist mit Polystyrol-Platten abgehangen. Vom Gang aus kann man in die nur durch Fenster abgetrennten parzellenartigen Büros hineinschauen. Dünne vergilbte Gardinen hängen vor den Scheiben. Die Büros wurden nicht verändert – und teilweise haben die Mitarbeiter einfach wieder ihren alten Platz eingenommen.

Das neue Team wirkt ausgelassen und stolz. Stolz darauf, einer neuen Sofortbildära beizuwohnen. Kees Teekman, ein kleiner hagerer Mann, mit Brille und brav kariertem Hemd, war zusammen mit Andre Bosman in der Produktion tätig. Er spricht nicht gerne über die Zeit kurz vor dem Aus. "Am Anfang war es schon seltsam wieder hierher zu kommen, nachdem ich eigentlich schon mit allem abgeschlossen hatte", sagt er leise. "Aber jetzt bin ich froh, dass es noch nicht vorbei ist."

"Wir wollen Polaroid nicht weiterführen, wir wollen eigene Produkte entwickeln"

Rund 1800 Menschen waren zeitweise in Enschede für die Produktion, den Handel und den Vertrieb zuständig. Nachdem Polaroid 2001 wegen Zahlungsunfähigkeit in den Konkurs gegangen war, wurde die Firma 2005 an die Petters Group aus Minnesota weiterverkauft. Petters glaubte, dass Polaroid auf dem digitalen Markt bestehen müsste und benutzte den Namen dafür, billige Flatscreens und Digitalkameras anzubieten. Das Sofortbild wurde ausrangiert, und die Verbraucher hätten sich beinahe wieder von einem Liebhaberprodukt trennen müssen. Ein Verlust, mit dem sich das elfköpfige Team nicht zufrieden geben will. Sie wollen die Charakteristik des Polaroids, die kein anderes Foto wiederzugeben vermag, nicht aussterben lassen. Niemand hier möchte die Haptik und Begreifbarkeit eines Sofortbilds eintauschen gegen einen digitalen Hauch von nichts.

In Produktionshalle riecht es schmutzig, bitter. Es ist ein Geruch, der lange in der Nase verweilt, bei dem das Gefühl nicht ausbleibt, dass sich kleine Partikel absetzen, sich festbeißen und den Geruchssinn auf ewig trüben. Es ist der Geruch der Maschinen, die für den neuen Lauf geölt, repariert und auf Vordermann gebracht werden. An diesen Maschinen sollen künftig nur noch Integralfilme wie SX-70 und 600er Film hergestellt werden. Die Filme, die direkt nach Knopfdruck fix und fertig aus der Kamera kommen und sich nach kurzer Zeit von selber entwickeln. Die aus verschiedenen Schichten zusammengesetzten Trennbildfilme soll es in Enschede nicht mehr geben.

Noch haben Kaps und sein Team kein fertiges Produkt. Sie wollen sich Zeit lassen. Überlegen, forschen, ausprobieren und erst 2010 mit der Herstellung beginnen. "Polaroid gibt es in der Form nicht mehr und wir wollen das auch nicht weiterführen. Diese Firma hat keinen Wert mehr auf sein Produkt gelegt. Wir wollen ein neues Image und neue Produkte entwickeln, die für die alten Kameras geeignet sind", sagt Kaps und seine Augen leuchten. "Mit 'Impossible' fangen wir bei Null an. Die Welt und die Zukunft steht uns offen."