Färgfabriken Norr - Schweden

Östersund will Kunstmekka werden

In Östersund, mitten in Schweden und damit fernab des westeuropäischen Zentrums, hat die Stockholmer Kunsthalle Färgfabriken soeben eine zweite Ausstellungshalle eröffnet. Die erste Schau zeigt Arbeiten von Carsten Höller, Maurizio Cattelan, Nathalie Djurberg und anderen international anerkannten Künstlern. Zum Auftakt fand außerdem ein Kongress statt, der nicht weniger zum Ziel hat, als die "Neue Weltbank" zu etablieren.
Östersund will Kunstmekka werden:Zur Eröffnung der neuen schwedischen Kunsthalle

David Lynch, "Eat My Fear", 2000

Mit dem Zug dauerte die Fahrt von Stockholm nach Östersund eine Nacht und um nach Stockholm zu kommen nehmen Besucher aus Deutschland meist den Flieger, weil es so fernab ist. Die Lage von Östersund kann also guten Gewissens als das bezeichnet werden, was im Englischen mit dem Ausdruck "in the middle of nowhere" beschrieben wird.

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Strecken Teaser

Dass Östersund zudem nicht gerade zu den Wachstumsregionen des Staatenbundes gehört, signalisieren schon die Immobilienangebote im Schaufenster des lokalen Maklers: Da gibt es Schwedenhäuser mit über hundert Quadratmeter Wohnfläche und mehreren Tausend Quadratmetern Garten für Eurosummen im fünfstelligen Bereich – inklusive Möblierung. In Stockholm entspricht diese Summe dem Preis von zehn Quadratmetern Wohnfläche. Auf den ersten Blick nicht die besten Voraussetzungen, um eine Kunsthalle mit internationalem Profil zu etablieren. Zwar gibt es Fördergelder von der EU, doch das allein garantiert noch keine Besucher.

Seit Anfang April steht hier dennoch Färgfabriken Norr, die nördliche Dependance der Kunsthalle Färgfabriken in Stockholm. Der Bau könnte dem schwedischen Klischee kaum mehr entsprechen: Es ist eine Halle aus rot und weiß gestrichenem Holz. Die Liste mit den Namen der an der Eröffnungsaustellung "Teleport Färgfabriken" teilnehmenden Künstlern wäre auch einer Biennale würdig: Carsten Höller, Maurizio Cattelan, Miriam Bäckström, David Lynch, Nathalie Djurberg, Annika Larsson sind nur einige davon.

Mit der Ausstellung werden Werken von Künstlern, die in den letzten Jahren in der Stockholmer Färgfabriken ausgestellt haben, nach Östersund gebracht – daher der Titel. So gibt "Teleport Färgfabriken" einen Überblick über die Stockholmer Produktionen seit Mitte der Neunziger und zeigt, wie früh Direktor Jan Åman und sein Team manches Talent gezeigt haben. Nathalie Djurberg etwa hatte mit "Tiger licking girls butt" in Färgfabriken Stockholm ihre erste größere Einzelausstellung. Jetzt ist sie international in großen Häusern vertreten und stellt dieses Jahr in der Fondazione Prada in Mailand aus. In "Tiger licking girls butt" schleckt ein Tiger wieder und wieder den Po einer jungen Frau ab. Anfangs versucht sie das Tier abzuwehren, ihr Versuch wird aber mehr und mehr halbherzig, schließlich genießt sie die Zunge des Tigers offensichtlich. "Why do I feel this urge doing things over and over again?", wird in einem Zwischenbild per eingeblendeter Schrift gefragt. Es war Künstlerkollege Ola Pehrson, der damals Färgfabriken eine Ausstellung mit Djurberg vorschlug.

Ideen für eine bessere Welt

Von Ola Pehrson hängt in Östersund ein Anzug, auf den er das erste Kapitel von Karl Marx' "Kapital" schrieb. Daneben wird per Beamer ein Lauftext an die Wand geworfen. Sätze wie "With one lousy e-mail we killed someone! It’s like we run him over in a car! And we don't even drive! How could we?" klingen wie ein selbstanklagender Stream of Consciousness. Ola Pehrson starb Ostern vor drei Jahren bei einem Autounfall, mit ihm seine Ehefrau und zwei Kinder. Natürlich können Young Hae Chang & Heavy Industries, die die Projektion erstellt haben, in unserem juristischen Sinne nicht für den Tod des Künstlers verantwortlich gemacht werden. Doch hätten sie ihm zu irgendeinem Zeitpunkt eine E-Mail geschrieben, so hätte diese kleine Aktion vermutlich bewirkt, dass Ola jetzt noch am Leben wäre. Denn eine Mail mehr oder weniger hätte dessen Leben ein ganz klein wenig verändert und vielleicht alleine wegen der Zeit, die es braucht, eine Mail zu lesen, zur Folge gehabt, dass Ola Pehrson in exakt dem Bruchteil der Sekunde, in dem der Unfall geschah, nicht an genau jenem Ort gewesen wäre. Unglücke wie Glücksfälle sind eben häufig purer Zufall. Beim Betrachten des Werks von Young Hae Chang & Heavy Industries kommt Stig Dagermans Novelle "Ein Kind töten" in den Sinn. In der beschreibt der schwedische Autor, wie zufällig Autounfälle geschehen und wie unschuldig der tötende Fahrer sein kann und wie eine Sekunde das Leben eines Menschen beenden und vieler anderer verändern kann.

Färgfabriken will für positive Veränderung in der Region um Östersund sorgen, nicht nur durch Ausstellungen. "Wie in Stockholm, so werden auch in Östersund Konferenzen und Workshops organisiert werden", so Jan Åman, Direktor von Färgfabriken. Nicht nur Kunst, sondern auch andere gesellschaftliche Themen sollen diskutiert werden. Auftakt machte Anfang April "TheNewWorldBank.com". Wie die ursprüngliche Weltbank will auch das neu gegründete Pendant, bisher ein loser Zusammenschluss, die Welt ein bisschen besser machen. Statt mit Geld, in diesem Fall mit Ideen. So ganz wurde das Konzept auf der Konferenz nicht klar, aber ein Gedanke ist, dass viel mehr interessante Ideen realisiert werden sollen, indem kreative Köpfe zusammengebracht werden.

Vertrauen ist das wichtigste, sagt die estnische Architektin Veronika Valk, eine der Initiatorinnen von "TheNewWorldBank.com". "Früher haben die Leute auch irgendwann mal angefangen Banken ihr Geld anzuvertrauen. Nun wollen wir, dass Ideen statt Geld deponiert werden. Es gibt so viele Ideen auf der Welt, aus denen nie etwas wird, weil die Leute nicht wagen, diese auszusprechen. Sie haben Angst, dass sie gestohlen werden. So wie Geld", so Valk. Dabei ginge viel verloren, denn oft könnten die Ideen weiterentwickelt und realisiert werden, wenn die richtigen Leute davon hören. Die will Valk durch "TheNewWorldBank.com" zusammenbringen. Die Ideen müssen nicht unbedingt mit Kunst zu tun haben. Kaum hat Valk das ausgesprochen, kommt Taner Tümkaya, Absolvent der Frankfurter Städelschule mit seiner Idee: "Ich denke es sollte Fahrradreifen mit zwei Schläuchen geben", sagt er. "Wenn der eine platt ist, kann immer noch auf dem anderen weitergefahren werden."

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