Bernd Finger - Kunstraub

Die Berliner Kunstfahnder

Der Kunstraub in der Hauptstadt boomt. Allein 700 schwere Fälle wurden 2008 registriert, und jedes Jahr entstehen dadurch mehrere Millionen Euro Schaden. art sprach mit Bernd Finger, 59, dem Leitenden Kriminaldirektor des Kommissariats für Kunstdelikte, einer Abteilung des Dezernats "Organisierte Kriminalität", über Sicherheit, Versicherungsbetrug – und feingeistige Kriminalbeamte.
Die Berliner Kunstfahnder:Kriminaldirektor Bernd Finger im Gespräch

"Die kriminelle Seite des Kunstgeschäfts ist dort präsent, wo viel Kunst auf dem Markt ist", meint Bernd Finger, Berlins oberster Kunstfahnder.

Herr Finger, der Einbruch in die Charlottenburger Fasanengalerie ist noch immer nicht aufgeklärt. In der Silvesternacht verschwanden unter anderem Werke von Matisse, Picasso und Braque. Wie ist der Stand der Ermittlungen?

Bernd Finger: Wir wissen, wie die Täter eingedrungen sind, und wir wissen, dass die Täter Kunstobjekte haben stehen lassen, die durchaus auch ihren Wert haben. Das spricht dafür, dass es sich um Täter handelt, die keine Kunstkenner sind. Insofern gehen wir davon aus, dass wir einen Zugriff auf das erbeutete Gut wahrscheinlich auch noch in der Stadt haben werden.

Bislang gab es ganze sechs Tipps an die Polizei. Können Sie Genaueres sagen?

Um den Tätern keine Informationen zu geben, möchte ich nicht in die Details gehen. Aber wir haben Spuren und bitten weiter die Öffentlichkeit um Unterstützung, insbesondere die Kunstinteressierten. Was gesucht wird, finden Sie auf dem Internet-Portal der Berliner Polizei.

Im Moment schlittert der Kunstmarkt in eine Krise. Müssten die Hehler nicht enorme Absatzschwierigkeiten haben?

Nach den Marktgesetzen ist das so richtig. Aber sie müssen bedenken: Bei den Tätern, die in die Fasanengalerie eingebrochen sind, und bei denen, die zeitnah auch noch eine weitere Galerie heimgesucht haben, rechnen wir mit Leuten, die einen schnellen Absatz hier in Berlin erzielen wollen. Insofern ist davon auszugehen, dass sie versuchen werden, die Ware in illegalen Käuferkreisen, also bei Hehlern, sehr schnell abzusetzen. Sie bekommen dann einen Bruchteil dessen, was das eigentliche Kunstobjekt ausmacht. Erfahrungsgemäß höchstens zehn Prozent von dem, was der Kunstgegenstand an Marktwert besitzt, mitunter sehr viel weniger. Marktgesetze gelten an dieser Stelle noch nicht, sondern sind durch den kriminellen Zugriff zunächst erst einmal aufgehoben. Wenn dann das Kunstobjekt nach dem strafbaren illegalen Ankauf weiterverkauft wird, verliert es diesen Hehlerpreis und gewinnt wieder sukzessive den Marktpreis. Manchmal geschieht dies schon nach dem ersten Verkauf, mitunter aber erst nach dem dritten, vierten Verkauf.

Mit dem Fall ist das Dezernat Kunstdelikte befasst. Womit beschäftigen sich Ihre Beamten noch?

"Kunstdelikte" als Oberbegriff vereint ganz verschiedene Phänomene: Dazu zählen natürlich das Entwenden oder das betrügerische Erlangen von Kunst. Aber auch die Themen Kunstfälschung, Beutekunst, Raubgrabungen und der internationale illegale Kunsthandel spielen eine Rolle.

Wie gehen Sie vor?

Wir werden überall dort tätig, wo Kunst möglicherweise illegal erlangt oder gehandelt wird, also im Kunsthandel, in den Galerien, Messen, Kunstevents und bei Versteigerungen. Zunächst prüfen wir die Provenienz und beurteilen die Echtheit. Passt das Kunstgut zu denjenigen, die es anbieten, ausstellen oder auch nur einen internationalen Kunsttransport durchführen? Sind diese Formen des Umgangs mit Kunst frei von Straftaten? Immer dann, wenn ein Anfangsverdacht oder ein Gefahrenverdacht besteht, werden wir mit unseren polizeilichen, strafverfolgenden oder gefahrenabwehrenden Instrumentarien aktiv.

Im vergangenen Jahr wurden in Berlin rund 700 Kunstdelikte registriert – wie kommen solche Zahlen zustande?

Berlin ist eine Boomtown, was Kunst betrifft. Wir haben sehr viele Galerien, unzählige Events, Ausstellungen und viel Kunst im öffentlichen Raum, sowohl in öffentlichen Gebäuden, als auch im Straßenraum. Das übt eine große Anziehungskraft auf Diebe und Betrüger aus. Die kriminelle Seite des Kunstgeschäfts ist nun einmal auch dort präsent, wo viel Kunst auf dem Markt ist.

Wie hoch sind die Schäden, die durch derartige kriminelle Aktivitäten in Berlin entstehen?

Wir geben keine Gesamtsummen an, einfach auch deswegen, weil sich der Marktpreis immer wieder ändert. Wir müssen jedoch davon ausgehen, dass jedes Jahr mehrere Millionen Euro in Form von Kunstgütern abhanden kommen.

Wie finden Sie diese gestohlene Kunst wieder?

In den letzten Jahren haben wir ein sehr enges Netz zu Galerien, Museen, Märkten, Versteigerungseinrichtungen und Auktionshäusern geknüpft. All diejenigen, die Kunst vermarkten, wissen, dass sie auf der sicheren Seite sind, wenn sie mit uns kooperieren. Das betrifft insbesondere Schadensersatzansprüche. Auf der anderen Seite arbeiten wir mit Europol, Interpol, dem Bundeskriminalamt zusammen und sind vernetzt mit der Kölner Dependance des Art Loss Register. Um inkriminierte Kunst auch im außereuropäischen Bereich aufzuspüren, stehen wir auch sehr stark im Kontakt mit Behörden außerhalb der EU.

Bernd Finger über Sicherheit und Versicherungsbetrug

Wie kann man sich als Kunstliebhaber vor Betrug und Diebesgut schützen?

Wir müssen zwei Marktsegmente auseinanderhalten. Das eine Marktsegment ist der virtuelle Handel im Internet. Der andere Bereich ist der tatsächliche Handel, dort, wo man den Gegenstand in der Hand halten kann. Bei hochpreisiger Kunst sollte man eine Bewertung und Begutachtung vornehmen lassen. Dies ist jederzeit bei den großen Galerien möglich. Auch die Museen haben entsprechende Besucherstunden eingerichtet. Die Polizei ist jedoch kein Kunstgutachter außerhalb der Straftatenaufklärung.

Was raten Sie Galeristen und Sammlern?

Einbrüche sind gut durch entsprechende Sicherheitstechnik abwendbar. Das kostet natürlich erst einmal Geld. Zahlt sich aber aus, wenn man sieht, dass eine Vielzahl von Angriffen auf Galerien und auch Antiquitätengeschäfte im Versuchsstadium stecken bleiben. Auch Versicherungen legen im wohlverstandenen eigenen Versicherungsinteresse Wert darauf, dass Kunst verstärkt geschützt wird. Und ganz einfach: die Objekte fotografieren und individuell kennzeichnen, falls doch mal was passiert.

Wie oft stoßen Sie auf Versicherungsbetrug?

In allen Fällen der Kunstdelinquenz ermitteln wir immer mehrspurig. Wir sind für alle Ermittlungswege und letztendlich auch Ermittlungsergebnisse von vornherein offen und betrachten auch dieses Feld mit großer Skepsis. Vielfach wird bei den Schadensaufstellungen nicht mit der Akkuratesse gearbeitet, die sich Strafverfolgungsbehörden auf der einen Seite und Versicherungswirtschaft auf der anderen Seite wünschen.

Muss man sich Ihre Beamten als feingeistige Kunsthistoriker vorstellen, die den ganzen Tag Auktionskataloge lesen?

Nein, das sind richtige Kriminalbeamte, die ihr Handwerk beherrschen. Das Spektrum der Maßnahmen umfasst neben der Ermittlung im virtuellen Bereich, dem Internet, auch sehr tatkräftige Zugriffsmaßnahmen – also Durchsuchung, Beschlagnahme, Identitätsfeststellung oder Festnahme von Personen. All das können nur Polizeivollzugsbeamte, die, wie alle unsere Kriminalbeamten, das gesamte Register dieser rechtlich zulässigen Maßnahmen auch durchführen können. Sie sind zudem ausgebildet in der Frage des Erkennens von Kunstdelikten, und sie wissen im Rahmen der von uns geknüpften Netzstruktur, mit welchen Spezialkräften sie zusammenarbeiten müssen. Das können Chemiker, Physiker, Maltechniker, Papierhersteller, Spezialisten, die Leinwandgutachten erstellen können oder Schriftgutachter sein. Letztere sind gerade bei Signaturen sehr wichtig. Alles zusammen ergibt einen Know-How-Komplex, der fachlich wirklich erstklassig ist.

Woran erkennt man ihre Ermittler auf einer Vernissage oder auf einer Auktion?

Wir wollen gar nicht erkannt werden. Insofern ist es untunlich, sich bei öffentlichen Events öffentlich zu erkennen zu geben.

Also die Dienstwaffe im Gucci-Bag?

Wenn Sie so wollen.