Henrik Hanstein - Interview

Die Experten sind mitverantwortlich

Henrik Hanstein, Chef des Kölner Auktionshauses Lempertz, rekonstruiert den Fälschungsfall der "Sammlung Jägers" und spricht über fahrlässige Gutachter, falsche Etiketten, schlechte Kommunikation und neue Wege in der Fälschungsbekämpfung.
Fälscherskandal:Interview Henrik Hanstein

Henrik Hanstein, Dezember 2007

Über den Pariser Kunsthandel und die Londoner Auktionshäuser Christie’s und Sotheby’s haben der mutmaßliche Fälscher Wolfgang Beltracchi, seine Frau Helene und weitere Beteiligte rund 50 unechte Bilder in den Markt eingeschleust. Sie alle stammen angeblich aus einer "Sammlung Jägers", die nie existiert hat. In Deutschland ist vor allem das Kölner Auktionshaus Lempertz in die Kritik geraten, das mehrere dieser Bilder versteigert hat. art sprach mit Lempertz-Geschäftsführer Henrik Hanstein über die Affäre und die Folgen. Drei der Beteiligten sitzen in U-Haft. Der Prozess soll im Herbst beginnen.

art: 2001 hat Lempertz das angebliche Bild "Seine mit Brücke und Frachtkähnen" von Max Pechstein in die Auktion genommen; es wurde aber nicht verkauft. Dieses Bild trug ein Etikett mit einem angeblichen Aufkleber der Galerie Alfred Flechtheim. Dieser Aufkleber hat Sie nicht stutzig gemacht?

Henrik Hanstein: Nein, leider nicht, der Aufkleber ist seit 1995 in der Literatur bekannt.

Er ist aber falsch.

Das wissen wir erst seit 2010. In den Katalogen bei Christie’s erschien der Aufkleber mehrfach, und niemand ist darüber gestolpert. Die Einlieferin verwies auf Christie’s. Wir haben diesen Aufkleber dann noch bei einem weiteren angeblichen Pechstein gehabt. Natürlich haben wir die Einlieferinnen befragt, woher das Bild kommt. Provenienzangaben beruhen meist auf Angaben der Einlieferer, in den seltensten Fällen aber liegen Rechnungen, Quittungen und andere Belege vor. In den zwanziger, dreißiger Jahren sind überdies relativ wenige Kataloge gemacht worden und oft ohne Abbildungen. Das haben die Gauner ausgenutzt. Das war einer ihrer Tricks: Sie haben die Provenienz mitgefälscht. Überdies sind die Fälscher auch in anderer Beziehung sehr geschickt vorgegangen. Sie sind auf Bilder gekommen, die aus der Literatur bekannt waren, aber eben nicht abgebildet oder verschollen waren.

Sind die falschen Etiketten nun die Hauptbeweisstücke in dem Indizienprozess?

Nein. Der letzte Beweis, dass diese Bilder nicht in Ordnung sein können, ist durch dendrologische Untersuchungen erbracht worden, das heißt durch die Alters- und Herkunftsbestimmung der Keilrahmen.

Sie erwähnen Christie’s, in deren Auktionen auch gefälschte Bilder aus der Sammlung Jägers verkauft wurden. Offenbar gibt es keine Zusammenarbeit zwischen den Häusern ...

Das ist besonders in diesem Zusammenhang eine sehr ärgerliche Sache. Wir haben zweimal an Christie’s geschrieben, sogar per Fax, aber keine Antwort bekommen. Im Vorstand des Europäischen Versteigererverbandes arbeiten wir gut zusammen. Auch in dieser Funktion habe ich gefragt, aber keine Reaktion erhalten. Und ich verstehe auch nicht, warum andere deutsche Kollegen, die von dem selben Fall betroffen sind, auf Tauchstation gegangen sind.

2003 hat Lempertz den angeblichen Pechstein "Liegender Akt mit Katze" an die Schweizer Galerie Henze & Ketterer verkauft. Nachdem sich herausstellte, dass der 2006 für den Sensationspreis von 2,4 Millionen Euro an eine auf Malta sitzende Investitionsfirma verkaufte angebliche Heinrich Campendonk "Rotes Bild mit Pferden" falsch war, ist auch Wolfgang Henze hellhörig geworden. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass auch dieses Bild eine Fälschung ist. Unerklärlich, wie ein so renommierter Kunsthändler ein solches Bild kaufen kann. Welche Mechanismen laufen da ab? Will Henze sein Geld zurück?

Das Aufgeld hat er schon zurück. Aber was den Kaufpreis angeht, so haftet der Auktionator laut BGH nicht für etwas, was ihm nicht gehört. Ich kann nicht 20 Prozent Kommission kassieren, aber für 120 Prozent haften. Das wird jedes Auktionshaus ablehnen. Da gehen wir auf dem Weg der so genannten Durchgriffshaftung an den Einlieferer heran. Das ist geschehen, und das weiß Herr Henze ganz genau. Das fragliche Campendonk-Bild war ja sogar im Werkverzeichnis erwähnt, und bei den Pechstein-Bildern haben wir den inzwischen verstorbenen Max K. Pechstein, den Sohn des Künstlers, befragt. Er hat beide fraglichen Bilder für in Ordnung erklärt, und er war ein brillanter Kenner des Werkes seines Vaters. Er hat sogar unsere entsprechenden Katalogtexte redigiert. Wir haben bei allen Bildern die maßgeblichen Experten befragt. Mehr können wir nicht tun. Wir Auktionatoren unterwerfen uns diesen Experten. Wir haben gar keine andere Wahl. Übrigens haben die Pechstein-Erben später in einer E-Mail noch einmal gesagt, dass das Bild von 1908 ins Werkverzeichnis kommt. Auch der Sohn von Heinrich Campendonk hat das fragliche Bild sehr genau studiert und gesagt: Das ist fabelhaft. Und auf der Rückseite glaubte er sogar noch, die Handschrift seines Vaters erkannt zu haben.

Die Erben verdienen ja auch an dem Verkauf.

Die Folgerechtsabgabe für das Gemälde "Seine mit Brücke und Frachtkähnen" haben die Pechstein-Erben bis heute nicht zurückgezahlt. Das sind immerhin fünf Prozent des Verkaufspreises.

Mit anderen Worten: Eigentlich sind die Experten an allem schuld?

Sie sind mitverantwortlich. In Frankreich haften die Experten für ihre Expertisen. Das halte ich für eine gute Sache. Im Fall Henze war es nur bemerkenswert, dass der Experte für Kirchner auch nicht erkannt hat, dass auf der Rückseite seines ersteigerten Bildes eine falsche Holzschnitt-Vignette von Ernst-Ludwig Kirchner angebracht war. Das Bild hing dann in Halle im Museum, und die Bearbeiterin des Kataloges schwärmte von dem Bild. Das ist für mich unverständlich.

Fehlt den Experten das Auge oder sind die Fälschungen einfach zu gut?

Man muss schon sagen, es sind keine plumpen, keine dummen, es sind sehr gute Fälschungen. Die Fälscher sind besser als die Künstler, sagt Prof. Althofer. Der mutmaßliche Fälscher Wolfgang Beltracchi hat sich immer das Typische ausgesucht. Und er hat sich im Laufe der 20 Jahre, die er tätig war, buchstäblich verbessert. Zudem sind die Bilder quasi in homöopatischen Dosierungen auf den Markt gekommen, verteilt über elf Jahre. Von Kalifornien bis England, Frankreich, Krefeld, Berlin, Hamburg. Ich bin ja völlig verblüfft gewesen. Dadurch atomisierte sich das Ganze. Man sollte jetzt mal hier in Berlin eine Ausstellung machen mit allen Fälschungen, dann würden jedem Dinge auffallen, die früher nicht aufgefallen sind. Wenn alles in einem Packen gekommen wäre, wäre es vermutlich leichter zu erkennen gewesen.

Und bei den Einlieferern schöpften Sie nie Verdacht?

Natürlich sehen wir uns die Einlieferer genau an und achten auf bestimmte Indizien, die uns möglicherweise dazu veranlassen, noch genauere Prüfungen durchzuführen. In diesem Fall handelte es sich um zwei Schwestern mit unterschiedlichen Namen. Die Einlieferin des Campendonk und des zweiten Pechstein lebte in Paris und war die Ehefrau eines Verbindungsoffiziers des Generalstabs der Bundeswehr zur französischen Armee. Sie machten einen guten Eindruck. Und sie haben auch nicht die üblichen Tricks angewendet, also nicht in letzter Minute eingeliefert. Dann wurden die Kataloge gemacht und verschickt. Wir haben auch die Rückseiten der Gemälde abgebildet, das konnten alle Interessierten sehen. Es kamen keine Reklamationen.

Zwei Bilder sind mikroananalytisch untersucht worden. Wie aussagekräftig sind solche Untersuchungen?

Angeblich gibt es eine Fehlerquote von rund 25 Prozent. Den Campendonk hat das Münchner Doerner-Institut nicht verworfen. Später gab es eine englische Untersuchung, die zunächst widersprüchlich war, dann aber ausschlaggebend. Was die Malelemente angeht, so gibt es über diese unterschiedliche Zeitangaben. Das ist eine Wissenschaft für sich. Auch wir haben dazugelernt. Im Übrigen ist der Fall Jägers ja nicht der einzige Fälschungsfall, mit dem der Kunstmarkt zu tun hat. Um so teurer Bilder und Kunstgegenstände werden, desto lohnender ist es natürlich für die Fälscher. Ganz schlimm ist es zum Beispiel beim China-Porzellan, seit Kurzem auch bei Porzellan der KPM. Das wird in Russland so brillant nachgemacht, dass wir gar nicht mehr wissen, was wir tun sollen. Da müssen Sie auch genau wissen, wo Sie Proben für eine Laboruntersuchung entnehmen, denn es gibt jede Menge restaurierter Stellen. Gerade auf der Standfläche, wo viel Masse ist, ist auch viel restauriert worden. Eine bedeutende präkolumbische Keramik oder eine chinesische Tang-Keramik kann man heute praktisch ohne Thermolumineszenz-Untersuchung gar nicht verkaufen.

Vom Kölner Institut Jägers kam also kein Warnschuss, wie in der Presse behauptet?

Nein, das habe ich ganz anders verstanden. Das Institut hat das nun eingeschränkt. Man spricht von Missverständnissen oder eventuellen Verwechslungen.

Der Prozess startet voraussichtlich erst im Herbst. Aber welche Schlussfolgerungen ziehen Sie selbst aus dieser Affäre?

Wir gehen in Sack und Asche, setzen aber als führendes Auktionshaus alles daran, einen Beitrag zu mehr Sicherheit zu leisten. Wir können nicht jedes Bild zu Analysezwecken anbohren. Denn das ist auch eine Beschädigung. Es gibt jetzt neueste Geräte aus USA mit Röntgenspektographie (XRF). Mit dieser neuen Technologie untersuchen wir die Farben der Oberfläche und geben sie in 3-D wieder. Das Spektrum können wir dann mit bestimmten Tabellen vergleichen. Die Firma Lempertz hat sich mit dem Landschaftsverband Rheinland und der Fachhochschule für Restaurierung in Köln zusammengetan und wird ein Kompetenzzentrum gründen, das neue Wege in der Fälschungserkennung und -bekämpfung aufzeigen soll. Wir wollen die Anschubfinanzierung übernehmen, langfristig soll das Institut unabhängig sein und unseren Sammlern und Händlern zur Verfügung stehen.

Röntgengeräte gegen Fälscherattacken. Ist das die Lösung?

Das ist ein wichtiger Schritt, aber sicher nicht die vollständige Lösung. Auch die internationale Fachwelt wird sich als Konsequenz aus dieser hohen Kriminalität ändern müssen. Das letzte Wort sollten sicher die Kunsthistoriker haben. Aber so wie ein Chirurg erst mal verschiedene Untersuchungen anordnet, bevor er eine Operation durchführt, so müssen auch im Kunsthandel die verschiedenen Disziplinen enger zusammenarbeiten. Die Restauratoren und Labore sollten ihre Daten weltweit miteinander austauschen. Bisher läuft das doch oft so, dass die Institute sich abschotten. Hier muss offener miteinander kommuniziert werden im Interesse der gesamten Sache. Letztlich werden auch die Fälscher irgendwann nachrüsten. Aber wir müssen den Gaunern technisch voraus sein und ihnen ihr Handwerk durch bessere Abstimmung auf unserer Seite erschweren. Nach Abschluss der Untersuchungen wird man noch besser beurteilen können, welche Konsequenzen zu ziehen sind.

Nun hat sich der Auktionsmarkt in den letzten Jahren stark verändert, es gibt viel mehr Auktionshäuser, der Konkurrenzdruck nimmt zu. Inwieweit begünstigt so ein "von Gier und Konkurrenz überhitztes System", wie die FAZ schreibt, den Handel mit Fälschungen?

Das wird überschätzt. Ich glaube nicht, dass Auktionatoren ein Stück in ihre Auktion nehmen, wenn sie von dessen Echtheit nicht überzeugt sind. Dazu sind die möglichen Folgen, Regressansprüche, Imageschaden, viel zu unangenehm. Ich kann mich zudem an keinen einzigen Fall erinnern, wo ein Kunde ein Bild zurückgenommen und bei der Konkurrenz eingeliefert hat, weil ihm die Echtheitsprüfung zu lange dauerte.

Dann wundert es aber, dass sich gerade in den letzten Jahren die Fälschungsfälle in Auktionshäusern häufen.

Früher sind Fälschungen oft über den Kunsthandel in den Umlauf gekommen. Jetzt gehen die Fälscher offenbar direkt zu den Auktionshäusern. Das sehen wir auch im zeitgenössischen Bereich. Es tauchen plötzlich Fälschungen von Baselitz, Uecker und Mack auf, also von lebenden Künstlern. Letzten Dezember wurden in London fünf Arbeiten von Sigmar Polke angeboten – vier waren falsch. Durch die Publizierung des Katalogs war die Fachwelt allerdings schnell alarmiert, und die Fälschungen konnten aus dem Verkehr gezogen werden. Die Transparenz und Publizität der Auktionen erschwert diesen Vertriebsweg eigentlich für Fälschungen. Bei allem sollten wir aber nicht übersehen, dass die Fälschungen meines Wissens noch kein Prozent des Marktes ausmachen.