Jonathan Meese - Kassel

Die Kunst ist frei

Freispruch für Jonathan Meese: Die Hitlergrüße, die der Provokationskünstler im vergangenen Jahr bei einem Auftritt in Kassel zeigte, waren Teil einer Performance und damit erlaubt. Das entschied am Mittwoch das Amtsgericht in der Documenta-Stadt. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Geldstrafe gefordert.
Freispruch:Gericht erklärt Meese für unschuldig

Der Berliner Künstler Jonathan Meese bei der Durchsuchung kurz vor Betreten des Gerichtssaals am Nachmittag des 14. August. Nur kurze Zeit später sprach ihn das Amtsgericht Kassel frei

Jonathan Meese redet sich in Rage. Gerade hat er im Prozess um die Hitlergrüße, die er vor gut einem Jahr bei einem Spiegel-Gespräch in Kassel zeigte, sein Schlusswort gehalten. Hat sich, nicht frei von Weinerlichkeit, gegen Gerüchte verwahrt, er habe das Verfahren vor dem Kasseler Amtsgericht als Werbeaktion in eigener Sache selbst angestrengt und inszeniert. Hat, wie er das immer tut und auch vor Gericht schon getan hat, seine Vision einer "Diktatur der Kunst" ausgebreitet. Hat, wie man das ebenfalls von ihm kennt, auf jedwede Ideologie, auf Realpolitik und Kultur geschimpft. Und auf seine Kollegen, die sich davon vereinnahmen ließen und plötzlich alle "geschmackvoll" sein wollten.

Jetzt ist er fertig und kann sich trotzdem kaum mehr beruhigen. Die Documenta? Die Berlin-Biennale? "Müll", schäumt er noch beim Hinausgehen. "Widerwärtig." Eine Stunde später wird Richterin Schweiger ihr Urteil verkünden und dem 43-Jährigen, der eben noch wortreich beklagt hat, wie er von Kunstwelt, Medienöffentlichkeit und Justiz zum "Buhmann" gemacht werde, ein wenig das Wasser abgraben: Sie spricht den Provokationskünstler aus Berlin und Ahrensburg in wenigen leisen, aber bestimmten Sätzen frei.

Sein Auftritt in Kassel, obschon als Interview zum Thema "Größenwahn in der Kunst" angekündigt, sei eindeutig als künstlerische Performance zu erkennen gewesen. Meese habe sich immer mehr hineingesteigert in seine Propagandashow für die "Diktatur der Kunst", sei "immer lauter und immer radikaler geworden" und habe die beiden Spiegel-Redakteurinnen, die ihn eigentlich hatten befragen sollen, kaum noch zu Wort kommen lassen. Und habe dann irgendwann eben auch zweimal den eigentlich verbotenen Hitlergruß gezeigt. Was aber, so steht es im Strafgesetzbuch, im Rahmen der Kunst ausdrücklich erlaubt sei. Zumal Meese damit nicht den Nationalsozialismus verherrlicht habe. Im Gegenteil, meint die Richterin: "Wenn er historische Anspielungen auf diese Zeit gemacht hat, dann war zu merken, dass er sie eher verspotten will."

Nach der Urteilsverkündung bricht es aus dem Künstler, der während der drei Verhandlungstage vor dem Kasseler Amtsgericht so viel hat schweigen müssen, erneut heraus. "Ein deutsches Gericht sagt: Jonathan Meese ist Kunst", jubelt der Künstler und tauscht seine klassische Ray-Ban-Hornsonnenbrille gegen ein gülden verspiegeltes Modell: die "Brille des Sieges", wie er erklärt. Immer wieder zupft ihn seine Galeristin am Arm, um den Redeschwall zu stoppen. Doch vergeblich: Jetzt will sich Meese nicht mehr bremsen lassen. "Die Kunst ist frei", ruft er und kündigt an, jetzt "erstmal pennen" zu wollen. "Ich bin in der Ideologielosigkeit und in der Diktatur der Kunst zuhause und da will ich nicht mehr gestört werden."

Vielleicht aber wird ihn die Staatsanwaltschaft doch noch weiter behelligen: In Mannheim wird gegen ihn ermittelt wegen der Hitlergrüße, die er kürzlich bei seiner Performance "Generaltanz den Erzschiller" auf der Bühne des Nationaltheaters entbot. Und in Kassel behält sich die Anklagebehörde vor, in Berufung zu gehen. Staatsanwalt Enrico Weigelt hatte eine Geldstrafe von 12.000 Euro (60 Tagessätze à 200 Euro) gefordert: "Kunstfreiheit", sagt er, "wird nicht grenzenlos gewährt." Meese wolle den zu Recht tabuisierten Hitlergruß wieder "salonfähig" machen und gefährde damit den politischen Frieden in Deutschland. Und auch von der Nazi-Ideologie sei der Künstler nicht so weit entfernt, wie er behaupte: "Hier die Diktatur der Kunst, dort die Diktatur durch Menschen – das ist sich durchaus ähnlich."

Eine Gleichsetzung, die Verteidigerin Heide Sandkuhl kurz darauf den "intellektuellen Tiefpunkt des Verfahrens" nennt. Wie ihr Kollege, der Berliner Kunstrechtler Pascal Decker, plädiert sie auf Freispruch: in dubio pro liberate, im Zweifel für die Freiheit. "Man muss das, was Herr Meese macht, nicht mögen", betont sie. "Man darf ihn aber nicht verurteilen." Und so sieht es am Ende auch das Gericht.