Arteholic - Udo Kier

Wahnsinn schadet nie

Hermann Vaskes Kunst- und Dokumentarfilm "Arteholic" begleitet den Schauspieler Udo Kier auf auf einem verückten Museumstrip und beschreibt eine Sucht, die teurer ist als Kokain.
Wahnsinn schadet nie:Unterwegs mit einem Kunstsüchtigen

Der Film "Arteholic" von Hermann Vaske begleitet Udo Kier in seinem Kunst-Rausch. Kier stiebitz einen der Campbell's-Kartons von Andy Warhol aus dem Kölner Museum Ludwig. Filmstill aus "Arteholic"

"Ach, ein Museum müsste man haben!", sagt Udo Kier, bekennender "Arteholic", und als er bei Städelschul-Rektor Nikolaus Hirsch in einer "freudschen" Situation auf der Chaiselounge liegt, rät dieser ihm zu Abstinenz oder noch mehr Kunst. Regisseur Hermann Vaske indessen bietet ihm eine im Schwarzlicht rot leuchtende Kunst-Bluttransfusion an.

Es ist "eine Sucht teurer als Kokain", der Kier sich hingibt. Aber eine, bei der man gesund bleibe. Dem Mann pulsiert die Kunst im Blut. Nicht etwa weil er in eine Künstlerfamilie hineingeboren worden wäre, sondern weil er sie derart intensiv lebt, erlebt, fühlt, spürt. Wenn er sich zu lange im Museum aufhalte, beginne ihm alles vor den Augen zu flimmern und er muss an die Luft – das Stendhal-Syndrom. Dieser Mann, wenngleich ihn die Kunst stets auch an seine Grenzen treibt, ist nicht bloß Kunstsammler oder der Schauspieler mit den wohl bedeutungstiefsten blaugrünen Augen – er ist Schauspielkünstler.

Das demonstriert er in Hermann Vaskes "Arteholic", der ihn, den Hollywood-Filmbösewicht und Arthouse-Star, auf einem Kunsttrip von Bonn in seine Heimatstadt Köln und über Paris, Frankfurt am Main und Kopenhagen bis nach Berlin begleitet. Dort zeigen nicht nur seine Künstlerfreunde wie "Kunstspielkind" Jonathan Meese, Hundefreundin Rosemarie Trockel und "96-Kilo-Künstler" Tobias Rehberger, was echte Kunst ist, sondern eben auch Kier, der mit Wort und Bewegung selbst zum Kunstwerk und Performancekünstler wird. Nicht nur, als er in einer "Traumvision" als von Christo weiß verhüllte Skulptur vor dem Reichstagsgebäude in Berlin steht, sondern besonders als er mit der für ihn eigenen ausdrucksstarken Stimme, Gestik und Mimik "Die Glocke" von Schiller rezitiert: im Halbdunkel des nächtlichen Kunstmuseums Bonn, seine Augenpartie von dem Licht einer silbernen, skulpturhaften Lampe erleuchtet, die er sich unter das Gesicht hält, während auf dem Fernsehbildschirm neben ihm die Schwarzweißaufnahmen einer schwingenden Glocke samt entsprechendem Geläut zu sehen und zu hören sind.

Das Besondere an Vaskes Film ist, dass er obgleich auch Dokumentarfilm doch insbesondere Kunstfilm ist. Der Aufbau hält sich nicht an typische Handlungsstränge, Erzählweise und Bewegtbild bedienen sich künstlerischer Mittel. Das wird dadurch deutlich, wie Vaske auf die spezielle Architektur der Museen und die Aktionen der Protagonisten eingeht und wie sich Dokumentation und Kunst zu einem festen Strang verweben. Untermalt wird der Film dabei von einem Soundtrack von Teho Teardo & Blixa Bargeld, den man so schnell nicht vergisst. "Hinter den Zähnen, zwischen den Lippen, die Zunge küsst hervor das Wort als Dreh-, Mittel-, Angelpunkt nur zur Erinnerung. Alles muss zurück zu Anfang, nur zur Erinnerung" hört man eine Stimme bei der Abfahrt des Zuges aus Paris zu einer einprägsamen Melodie von Streichern, Gesumme und Gitarre singen, die rätselhafte Klangwelten eröffnet.

Fernsehabend mit Jonathan Meese

Vaske, der als Regisseur mit Grimme-Preis und Goldenem Löwen ausgezeichnet ist, lässt den Zuschauer auch an früheren Arbeiten Kiers teilhaben: Etwa am Vier-Minuten-Schwarzweiß-Stummfilm "The Devil-Bear" des Künstlers Guy Maddin, der als eine Art Kino-Theater direkt im Centre Pompidou in Paris gedreht wurde. Man sieht Kier in Lackledermontur einen Gorilla an der Kette halten und diesem nach Be- und Schlaftrunkenheit in Schattenspielmanier hinterherjagen. Im Musikvideo "Prayer" von Terranova, bei dem Nicolette Krebitz Regie führte, sieht man wieder einmal, dass Kier sein Gesicht nur in Licht und Kamera zu halten braucht, um eine Geschichte zu erzählen. Dass er dabei noch die Lippen zu einem Text von Silvia Plath bewegt, macht das Ganze noch schöner.

Auch wenn man ihn besonders gerne in bizarren oder bitterbösen Rollen sieht, die er intensiv, feinfühlig und glaubwürdig spielt. Es ist spannend und unterhaltsam zugleich, Kier auf seinem Kunsttrip zu begleiten und ihn mehr als Kunst-, denn als Privatperson zu erfahren. Man kennt die im Film gezeigten Künstler, Kuratoren, Institutionen und auch Werke nur zu gut, doch erhalten sie durch den "Arteholic", der in der Kunstwelt zuhause ist, eine persönliche Note. Jonathan Meese in seiner schwarzen Standard-Adidas-Jacke mit den weißen Streifen wie er nicht nur um sich selbst kreist, sondern bei einem wohnzimmerlichen DVD-Abend mit seiner Mutter und Kier letzterem Tribut zollt: Es läuft "Iron Sky", in dem Kier 2011 einen Naziführer auf dem Mond spielte. Erst danach geht es in Meeses Atelier, wo alle drei auf einer Augenhöhe unterwegs sind, ohne sich selbst zu wichtig zu nehmen, und es ganz normal ist, dass Meese sich manchmal gerne als Alien porträtiert. Kier findet, Wahnsinn in der Kunst schade nie.

Arteholic

Kinostart: 16. Oktober 2014, Dokumentar- und Kunstfilm mit und über Udo Kier, Regie: Hermann Vaske, Camino Filmverleih

http://www.arteholic-derfilm.de/