Künstler-Biografien - Der Blaue Reiter

Ich finde es schön, wenn die Künstler am Ende sterben

Willi Blöß, 49, gelernter Architekt, gründete vor fünf Jahren einen Verlag für Künstler-Biografien – in Comicform. Seitdem hat er 14 Künstler porträtiert – von Andy Warhol über Joseph Beuys bis Nam June Paik. Exklusiv für art präsentiert Blöß die ungekürzte Fassung seiner Biografie über die Münchner Künstlergruppe "Der Blaue Reiter" – und gibt im Interview Einblicke in seine Arbeit als Deutschlands Comic-Chronist.

art: Wie entstand die Idee Comic-Biografien von Künstlern zu produzieren?

Willi Blöß: Ich bin da so reingerutscht. Ein Bekannter bekam 1998 einen Auftrag von dem Wiesbadener Sammler Michael Berger, der sich einen Joseph-Beuys-Comic wünschte. Der Zeichner kam damit nicht klar und fragte mich um Hilfe. Da habe ich dann gemerkt, was für einen Wust an Sekundärliteratur es gibt. Und seitdem hat mich das nicht mehr losgelassen. Es hat mich gereizt, da aufzuräumen und eine Übersicht zu schaffen. Bis 2002 habe ich dann fünf Hefte produziert und bin damit durch die Verlagslandschaft gezogen – und habe überall Absagen bekommen.

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Warum? Ist das Medium "Comic" vielleicht doch nicht akzeptiert genug?

Ich mache mir da keine Gedanken mehr. Mir macht es Spaß – und die Leser finden es auch klasse. Damals hat man mir gesagt: Comics laufen ganz schlecht. Das einzige, was noch schlechter läuft, sind Biografien. Deshalb habe ich mich selbständig gemacht, 1000 Stück von jedem Titel gedruckt und diese dann auch selbst vertrieben. Nach ein paar Monaten waren die ersten ausverkauft – da habe ich gemerkt, dass es doch läuft. Insgesamt habe ich jetzt gut über 50 000 Hefte verkauft.

Wen möchten Sie mit den Biografien erreichen?

Natürlich junge Menschen. Aber auch Bildungsbürger, die keine Lust auf dicke Wälzer haben, sich schnell informieren und dabei noch Unterhaltung wollen.

Bisher haben Sie 14 Künstler porträtiert – von Warhol über Beuys bis Nam June Paik. Wie wählen Sie die Künstler aus?

Ich überlege da nicht lange. Ich stolpere darüber. Beim "Blauen Reiter" habe ich sofort gemerkt: Das kribbelt. Und dann habe ich angefangen. So mache ich das immer. Mich hat immer gestört, dass man ständig diese großen Namen um die Ohren gehauen bekommt. Beuys, Warhol, Picasso – und im Grunde, weiß man so gut wie nichts über diese Personen. Die Comic-Biografien sind für mich auch eine Art Weiterbildung, die ich mir selbst antun möchte. Und wenn nach der Lektüren ein wenig hängen bleibt, bin ich schon froh.

"Warhol ist der bestverkaufte Band"

Wie gehen Sie bei der Arbeit zu einem neuen Heft vor?

Das ist harte Arbeit. Ich recherchiere zunächst monatelang. Stellenweise ist das sehr schwierig, weil so viel Mist auf dem Markt ist. Zu diesen großen Künstlernamen erscheinen jedes Jahr zwei, drei neue Bücher. Und man muss da schon ganz genau hinschauen, wer wirklich an den Quellen dran ist.

Wie viele Seiten müssen Sie über einen Künstler lesen, um dann auf 30 Comic-Seiten zu kommen?

Bestimmt 2000 Seiten, zehn dicke Bücher à 200 Seiten.

Und wie lange dauert die Arbeit an einem Heft?

Von der ersten Recherche bis zum fertigen Heft brauche ich ungefähr vier Monate.

Und dann?

Meistens zeichne ich selbst. Der Comic liegt dann in vorgezeichneter Form vor, die Seiten sind gelayoutet, der Text ist verteilt – und ein befreundeter Zeichner macht die Reinzeichnung in seinem Stil. Dabei haben viele auch schon aufgegeben – es ist schwierig, weil so viel zusammenkommt. Die Gesichter müssen stimmen, die Mode, die Möblierung.

Beuys gibt es schon in der dritten Auflage. Gibt es Künstler, die sich besser verkaufen?

Warhol ist der bestverkaufte Band. Otmar Alt lief weniger gut – aber das war mir schon klar. Hin und wieder brauche ich ein wenig Erholung von den Klassikern. Alt ist auch der einzige in der Reihe, der noch lebt. Ich habe ihn persönlich getroffen und war sehr beeindruckt. Und da dachte ich mir, den kann man ruhig in so eine Serie mit aufnehmen. Auch von George Grosz hat man mir abgeraten. Der wird bestimmt genau so ein Flop wie Otmar Alt. Aber es hat mich trotzdem gereizt, ihn zu machen.

"Immendorff wird stark gefordert"

Sie verkaufen die Comic vor allem in Museumshops. Geben die Ihnen manchmal Tipps, welche Künstler gerade sehr gefragt sind?

Ja, aber das stört eher. Immendorff wird stark gefordert – aber das hat sich in einem Monat bestimmt auch wieder beruhigt. Da hat’s bei mir einfach nicht gekribbelt – und ich würde mich fühlen, als ob ich einem Trend hinterher hecheln würde.

An welchen Künstlern arbeiten Sie gerade?

An einer Auftragsarbeit für die Akademie der Künste in Berlin – dazu kann ich noch nicht mehr verraten. Und ich recherchiere gerade zu William Turner und Casper David Friedrich – ich möchte ein Heft zur Romantik herausbringen.

Und was ist mit Künstlern wie Jonathan Meese oder der Neuen Leipziger Schule?

Das ist noch zu früh. Ich finde es schön, wenn die Künstler am Ende sterben. Vielleicht passiert ja bei noch lebenden Künstlern in zwei Jahren wieder etwas Aufregendes – und dann hat man die Hefte fertig gedruckt und kann sie nicht aktualisieren. Da sehe ich nicht meine Aufgabe – dafür gibt’s ja die Kunstmagazine. Die können sich ja an den aktuellen Künstlern abarbeiten.

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